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LAURENT PELLY: Meine Inszenierungen sind nicht als Provokation gedacht

 
Foto: CaroleParodi / Agentur

LAURENT PELLY

Meine Inszenierungen sind nicht als Provokation gedacht

Laurent Pelly ist als Regisseur in der ganzen Welt unterwegs – bisher allerdings sehr selten in Wien zu Gast gewesen. In der Staatsoper folgt auf seinen heiteren Donizetti-Hit „Le fille de Regiment“ aus dem Jahre 2007 nun der „tragische“ Donizetti mit „Lucia di Lammermoor“, der als düsterer Alptraum der Heldin angelegt ist.

Renate Wagner hat mit Laurent Pelly gesprochen (in englischer Sprache)

Monsieur Pelly, Sie inszenieren in der ganzen Welt. Die Wiener Staatsoper besitzt von Ihnen allerdings nur die in ihrer schrankenlosen Heiterkeit so geliebte „Regimentstochter“. Sie haben dann noch zweimal im Theater an der Wien inszeniert, Mozart und Debussy, und das ist auch schon zehn Jahre her. Seither nicht mehr. Wie kommt das?

Ich kann das gar nicht wirklich beantworten, es gibt so viele Gründe, warum Engagements zustande kommen oder nicht. Ich war ja auch zuletzt bis vor kurzem zehn Jahre lang Direktor des Théatre National de Toulouse und habe dort auch viel Sprechtheater inszeniert. Jetzt, wo ich wieder „frei schaffend“ arbeite, gibt es vor allem Oper. Aber ich denke schon an die nächste feste Verpflichtung: Ich werde mich in Burgund, in Cluny, niederlassen, das zwar ein berühmter Ort, aber nur ein kleines Städtchen von etwa 5000 Einwohnern ist. Und dort werde ich eine pädagogische Akademie gründen, in der junge Sänger lernen sollen, sich auf der Bühne zu bewegen. Man bildet ihre Stimmen aus, aber viele wissen dann nicht, was der Beruf auch erfordert – das schauspielerische Element sozusagen. Das ist mir sehr, sehr wichtig.

Nach Wien sind Sie nun nach langer Zeit mit Ihrer Inszenierung der „Lucia di Lammermoor“ gekommen, die Sie zuerst in Philadelphia herausgebracht haben – gleich als Co-Produktion für Wien gedacht. Wird die Ausstattung eigentlich für Wien neu gemacht?

Nein, die wurde aus den USA herüber gebracht, aber wir hatten viel Arbeit damit, die Dekorationen in Wien einzupassen.

Ist es Ihre erste „Lucia di Lammermoor“?

Ja, und außerdem nach vier heiteren Doniziettis mein erster „ernster“. Ich persönlich tue mir mit komischen Stücken leichter, aber ich weiß, dass Sänger manchmal tragische Rollen einfacher finden, weil die Komik so viel mehr Präzision und Konzentration verlangt. Belcanto wiederum ist für einen Regisseur nicht so einfach: Rossini, Bellini, Donizetti – was macht man mit den vielen Wiederholungen, die um der Sänger willen eingelegt sind? Aber „Lucia“ hat nicht nur diese starke, ungemein dichte Musik, es gibt auch nichts Überflüssiges an dem Werk.

Nun kennen wir bisher nur die Fotos der Philadelphia-Aufführung, die wirken ein bisschen schockhaft düster, während man mit Sir Walter Scott eine Art bunter Romantik verbindet. Warum unterläuft man als Regisseur so sehr die Erwartungen des Publikums?

Meinen Inszenierungen liegt immer eine Idee zugrunde, und sehr gerne gehe ich davon aus, dass es sich um einen Traum eines der Protagonisten handeln kann – in diesem Fall ist es der Alptraum von Lucia, aber auch der ihres Bruders Enrico, denn ich glaube, der Wahnsinn ist in dieser Familie angelegt. Oper kann für mich nicht realistisch sein, ich muss sie immer durch die Charaktere sehen. Wenn die Sänger nur da stehen und schön singen, langweilt mich das. Es geht auch um Motivationen, und in dem Machtkampf zwischen Enrico und Edgardo wird Lucia zerrieben. Edgardo will sich rächen, weil Enrico seinen Vater ermordet hat, und folglich die Schwester für sich gewinnen. Enrico will sich politisch absichern und folglich Lucia in die Ehe mit Arturo zwingen… Lucia wiederum idealisiert Edgardo. Meine Inszenierungen sind nicht als Provokation gedacht, es geht um die Situationen, die Menschen, um ihre Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit, nicht um singende Opernfiguren.

Sie machen oft auch die Dekorationen, hier nur die Kostüme, warum?

Das ist eine falsche Wahrnehmung: Ich mache immer die Kostüme, von Anfang an, aber ich verlasse mich fast immer auf Bühnenbildner, mit denen ich gut zusammen arbeiten kann. Es sind Ausnahmefälle, in denen ich die Dekorationen selbst mache, weil ein bestimmter Künstler keine Zeit hat oder was im Theater eben so passiert, das war beim „Barbiere“ in Bordeaux und dem „Comte Ory“ in Lyon so. Aber ich habe immer schon gezeichnet, und die Kostüme zu entwerfen, gehört für mich dazu.

Herr Pelly, Sie sind mit Offenbach berühmt geworden?

Ich hatte mit meinen ersten Arbeiten sehr viel Glück. Offenbach spielte schon in unserer Familie eine große Rolle, mein Großvater liebte ihn sehr und spielte ununterbrochen Platten mit seiner Musik. Ich habe damals am Theater gearbeitet, als 1997 das Angebot kam, in der Oper von Lyon „Orpheus in der Unterwelt“ zu machen – mit Natalie Dessay. Das war ein großer Erfolg. Dann kam „La belle Helene“ in Paris mit Felicity Lott, und von da ging es weiter – mit Offenbach und anderen Komponisten. Aber immer wieder Offenbach, demnächst mache ich „Blaubart“ in Lyon.

Was an Ihrer internationalen Karriere auffällt, ist diese ungeheure Vielfalt – von Humor bis Tragödie, von Rossini bis Ravel, von Rimski-Korsakow bis Berlioz, von Händel bis Humperdinck, von Bernstein bis Gounod, von Massenet bis Strauss, von Debussy bis Rameau, von Puccini bis demnächst auch Verdi: Einen „Spezialisten“ kann man Sie nicht nennen. Wie wählen Sie Ihre Arbeiten eigentlich aus?

Grundsätzlich: Ich bin neugierig. Ich liebe es, etwas Neues zu machen, etwas im Repertoire zu finden, was ich noch nicht kenne. Projekte ergeben sich dann durch Angebote, wobei man natürlich gerne in Häusern arbeitet, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat – so kommt es, dass ich immer wieder einmal nach Santa Fe gehe – , und mit Leuten, die man schätzt. Es geht immer auch um die Dirigenten und die Sänger, die für mich stimmen müssen. Hier in Wien kenne ich beispielsweise Juan Diego Florez von früherer Arbeit, aber es ist natürlich auch schön, jemand Neuem zu begegnen wie Olga Peretyatko. Grundsätzlich muss es für mich einen guten Grund geben, um eine Arbeit zu beginnen.

Sie gehen nach der Wiener Premiere nach Madrid und machen dort „Falstaff“. Zum ersten Mal?

Ja, der Direktor des Teatro Real hat es mir angeboten, und das ist natürlich ein außerordentliches Werk. Wenn ich neu daran herangehe, sehe ich mir erst einmal alle verfügbaren DVDs von Aufführungen an – natürlich nicht, um irgendetwas nachzumachen, sondern quasi aus beruflichem Interesse, welche Zugänge andere Regisseure dazu gefunden haben. Dann lösche ich das in meinem Kopf und beginne ganz von Anfang.

Wir haben in Wien eine sehr schöne, klassische, „shakespearian“ Aufführung von David McVicar, die in der Ausstattung historisierend ist. So etwas kommt für Sie nicht in Frage. Wie sehen Sie „Falstaff“?

Ein solches Meisterwerk ist natürlich auch eine besondere Herausforderung. Ich sehe darin eine sehr gelangweilte bourgeoise Gesellschaft, in deren Mitte ein seltsamer Kerl lebt, ein Außenseiter. Und weil ihnen gewissermaßen fad ist, beginnen sie ihn zu jagen…

Monsieur Pelly, vielen Dank, dass Sie Ihre Ideen mit uns geteilt haben. Ich bin sicher, dass es Opernbesuchern helfen wird, neue Ansätze, die nicht um der sinnlosen Provokation willen getätigt werden, besser zu verstehen. Danke für das Gespräch.

 

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