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LA CLIQUE DES LUNAISIENS – VOTEZ POUR MOI

17.04.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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LA CLIQUE DES LUNAISIENS – VOTEZ POUR MOI

aparte music CD

Das politische Chanson im Frankreich des 19. Jahrhunderts

Eine Woche vor dem ersten Durchgang der frz. Präsidentschaftswahlen eine CD-Empfehlung der besondere Art

Schon Ludwig XIV und Napoleon wussten, wie effektiv man die populären Genres des Chansons, der komischen Oper und der Operette für politische Propaganda nutzen kann. Im 19. Jahrhundert war diese Form der satirischen und demagogischen Lieder, die Wahlen oder die politische Klasse selbst aufs Korn nehmend, weit verbreitet. Die vielen (Strophen)Lieder galten als ein probates Mittel, rhetorisch und selbstironisch alle Register zu ziehen, um wohl bis auf den heutigen Tag gültige Beobachtungen über das Räderwerk der politischen Macht und der ungerechten Lebensumstände „durch den sprichwörtlichen Kakao“ zu ziehen.

Die Verbreitung des politischen Chansons im Frankreich des 19. Jahrhunderts ist aber auch darauf zurückzuführen, dass Musik und alle möglichen Arrangements günstig zu haben waren und diese eingängigen Melodien mit ihren unwiderstehlich mitreißenden Refrains überall aufgeführt werden konnten. Wie in der vorliegenden köstlich gelungenen Aufnahme des Ensembles „La Clique des Lunaisiens“ erfahrbar, genügen je nach Stück ein Sänger, eine Sängerin, einen kleine Vokalgruppe,  und eine  Begleitung, die sich abwechselnd/wahlweise aus einer Klarinette, einer Drehorgel, einem Akkordeon, einer Oboe, Flöten, einem Klavier, einem Kontrabass, einer Trompete, einer Gitarre oder einer Drehleier zusammensetzt. 

Gemeinsam ist allen Chansons der freche „Gassenhauerton“, die Lust am Parodieren des Worts in Klang, wie er eben zu den Café-Concerts, den Pariser Straßenkünstlern unter den Kiosken oder zum Drehleiermann mitten auf den Boulevards passte. Aber nicht nur ätzend-boshafte Chansons sind der in der Sammlung enthalten, es gibt auch das sentimentale Pendant dazu, das seinen Stoff aus Armut, Verlassenheit und Einsamkeit nährte. Solche oft moralisch oder religiös verbrämte Chansons setzen mutige und entschlossene nationale Figuren wie etwa Jeanne d‘Arc nach der Niederlage des Kriegs von 1870  auf den Thron („La Prière de Jeanne d‘Arc“, „À Jeanne d‘Arc“). Zu den Texten, die an Schärfe viele Texte heutiger Kabarettisten locker in den Schatten stellen, kombinierte man einfache Melodien oder auch bekannte Arien aus Werken wie Ambroise Thomas‘ Mignon, Offenbachs „Le Roi Carotte“ bis hin zu Lecoqs „La Fille de Madame Angot“. Auch Anklänge an die Marseillaise fehlen nicht , dazwischen darf es auch Mozarts „Reich mir die Hand dein leben“ aus Don Giovanni als Drehorgelschlager sein.

Der Weg zum allgemeinen Wahlrecht in Frankreich war ein langer, erst 1945 durften Frauen zu den Urnen. Auch daran will das Album erinnern. Die siebzehn Chansons parodieren, wie es im Senat zugeht („La Chambre et le Senat“), entführen den Hörer auf einen Ball beim Minister („Un Bal chez le Ministre“), treiben die „Unterscheidung“ zwischen „Droite, gauche, centre“ auf die sprichwörtliche Spitze. Sie wissen aber auch, wie das ist, wenn einer Gefangener im Élysée ist („Le Prisonnier de l‘Élysée“), einer keinen Sou hat („Quand on n‘a pas le sou“) oder was ein wirklicher Republikaner empfindet („Un Vrai Républicain“).

Die von Arnaud Marzorati gegründete Truppe „Clique des Lunaisiens“ interpretiert alle Chansons unnachahmlich dicht und mit verwegen scharfer Wortausdeutung. Und transportiert/zelebriert damit eine Art von Selbstironie, wie ich sie nur in Frankreich so kompromisslos kennenlernen durfte. Besonderes Lob gebührt den SolistInnen Lara Neumann, Ingrid Perruche, David Ghilardi sowie den vier Sängern des Ensembles Soliste XXI: Christophe Grapperon, Laurent David, Vincent Bouchot und Jean-Christophe Jacques.

Bedauerlicherweise sind im Booklet die Texte nur in französischer Sprache abgedruckt. So wird die CD in deutschsprachigen Landen eher einem Spezialpublikum vorbehalten sein. Oder man genießt einfach die Chansons und deren intensiven musikalischen Witz, der sich von selber mitteilt. Bleibe uns jedenfalls der (bisweilen scharf gewürzte) Humor auch nach den frz. Wahlen erhalten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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