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KREFELD: MAZEPPA

18.10.2012 | KRITIKEN, Oper

KREFELD: MAZEPPA . Vorstellung am 17. Oktober 2012

 Mit „Eugen Onegin“ und “Pique Dame“ ist Peter Tschaikowsky fest im Opernrepertoire verankert. Seine anderen Bühnenwerke haben einen eher schweren Stand. Auf „Mazeppa“ richtet sich im Moment jedoch verstärkte Aufmerksamkeit, so jetzt auch in Krefeld – und zwar mit bemerkenswerter Resonanz. In der 4. Vorstellung (Premiere war am 22. September) dirigierte leider nicht der frisch engagierte GMD der Niederrheinischen Sinfoniker, der Lette Mikhel Kütson, sondern der ebenfalls neue 1. Kapellmeister ALEXANDER STEINITZ. Doch dürfte die interpretatorische Zielrichtung akribisch miteinander abgesprochen worden sein. Auf alle Fälle bekam dass auch vom Werk ausgesprochen begeisterte Publikum ein vitales Musikdrama vermittelt, voll explosiver Kraft, aber auch mit einem weichem Schmelz von Melancholie, wie er Tschaikowsky eignet und sich im Schlussgesang der Maria in besonders anrührender Weise ausdrückt. Das Orchester spielte konzentriert wie selten, auch der verstärkte Chor (MARIA BENYUMOVA) bot eine hervorragende Leistung, bei welcher das (wohl weitgehend phonetische) Lernen des russischen Originaltextes nicht unterschlagen werden sollte.

Tschaikowskys Opernheld ist eine schillernde Gestalt. Eine Lovestory des jungen Kosaken mit einer polnischen Gräfin führte dazu, dass der betrogene Gatte seinen Rivalen rückwärts und nackt auf ein Pferd spannte und davon trieb. Dieser gefährliche Ritt wird von Franz Liszt in seiner Tondichtung geschildert. Dieser Episode folgte der politische Aufstieg unter Zar Peter I., gegen den sich Mazeppa später aber (zusammen mit dem Schwedenkönig Karl XII.) verschwor, was in der Schlacht von Poltawa allerdings scheiterte. Danach Flucht und Tod. Zuvor gibt es noch eine Liaison des Gealterten mit seiner 15jährigen Patentochter, die bei Tschaikowsky stark ausgemalt und mit dem unglücklich liebenden Jugendfreund Andrej als Kontrastfigur angereichert ist. Maria (so der Name des Mädchens in der Oper) wird von ihrem Vater, dem Gutsbesitzer Kotschubej, Mazeppa verweigert, worauf er von diesem Folter und Hinrichtung überantwortet wird. Die Grausamkeit ihres Geliebten bringt Maria um den Verstand. Auf dem Kriegsfeld treffen die Protagonisten nochmals zusammen. Andrej wird im Zweikampf tödlich verwundet, die geistesverwirrt herumirrende Maria singt ihn in den Tod, eine Szene, die zu Tränen rührt. Mazeppa, seinerseits getroffen von einer Kugel seines Vasallen Orlik (dies eine sinnfällige Idee der Regisseurin HELEN MALKOWSKY), verschwindet einfach aus dem Geschehen, vermutlich selber den Tod vor Augen.

Dieses leidenschaftliche und leidensschwere Epos könnte eine Inszenierung zu emotionalem Überdruck und ausufernder Realistik verleiten. Helen Malkowsky bremst vehementes Spiel bei ihren Protagonisten keineswegs nicht ab, bringt durch den eher stilisiert geführten Chor aber ein gewisses Maß an Distanz ins Spiel. Die Bühne von KATHRIN-SUSANN BROSE, ein von mehrstöckigen Wänden eingefasster Hof, dient – leicht variiert – für alle Akte, auch dem Schlachtfeld des Finalbildes. Das Gefängnis, in welchem Kotschubej seiner Hinrichtung entgegen sieht, ist optische Keimzelle; es wird bereits während des Vorspiels wie ein Menetekel eingeblendet. Diese Interpretation, in welche man sich -nach anfänglichem Zögern – immer stärker einsieht, bietet ausgesprochen starke Wirkungen, auf welche das Publikum mit ungewöhnlichem Enthusiasmus reagiert.

Nun imponiert freilich auch die Sängerbesetzung (mit einigen Gästen) ungemein. Neu im Ensemble ist die polnische Sopranistin IZABELA MATULA, welche der Maria mit herber Belcanto-Stimme bestechende Kontur gibt. Ihr Timbre ist vielleicht nicht gerade schmeichelnd, aber ungemein ausdrucksvoll und auch in extremer Lage voll tragend und leuchtkräftig. Ergreifend ihr Lied für Andrej, welchen CARSTEN SÜSS, sich offenbar verstärkt in Spinto-Richtung entwickelnd, mit angenehmem Tenor und sympathischem Spiel gibt. Den Mazeppa umreißt JOHANNES SCHWÄRSKY mit rauer Männlichkeit, ist aber, darstellerisch ohnehin sehr variabel, besonders überzeugend in seiner lyrischen Arie im 2. Akt, welche Maria gilt. Dass die Janusköpfigkeit des Kosakenhauptmanns psychologisch einige Fragen offen lässt, steht auf einem anderen Blatt.

HAYK DÈINYAN bewältigt den Kotschubej stimmig, seine Gattin wird von SATIK TUMYAN mit viel Emphase gestaltet. Das Mutter/Tochter-Duett, welches die bevorstehende Hinrichtung des Vaters zum Inhalt hat, geht unter die Haut. Dem brutalen Orlik gibt MATTHIAS WIPPICH angemessenes Profil, KAIRSCHAN SCHOLDYBAJEW zeigt in der peripheren Partie des Iskra ungewohntes darstellerisches Engagement, und der Kurzauftritt des betrunkenen Kosaken (3. Akt) ist ein großer Auftritt von ANDREY NEVYANTSEV aus dem erst im April neu gegründeten „Opernstudio Niederrhein“. Die nächste Produktion von „Mazeppa“ erfolgt demnächst in Heidelberg.

 Christoph Zimmermann

 

 

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