Ein „Goldener Vogel“ hebt ab

Die letzten Minuten des „Goldenen Vogels“ auf seinem angestammten Platz. Foto: Andrea Matzker

Die letzten Minuten des „Goldenen Vogels“ auf seinem angestammten Platz. Foto: Andrea Matzker
Von Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger
Wenige Tage nach der Eröffnung der gläsernen Pyramide des Louvre hatte auch Köln eine ganz besondere, höchst spektakuläre und unvergessliche Premiere zu bieten: Am 14. April 1989 begann die nur 10 Tage und Nächte andauernde Ausstellung mit dem Namen „Fetisch Auto“ des Aktionskünstlers HA Schult und seiner Muse Elke Koska im gesamten Stadtgebiet von Köln. Elf nagelneue Fiesta-Modelle wurden als „Ereignis-Puzzle aus elf dramatischen Tableaux“ (Zitat HA Schult) mit künstlerisch verändertem Aussehen an markanten Orten im Stadtraum inszeniert. Zum 60-jährigen Jubiläum des Kölner Standortes der Ford-Werke hatte der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Ford-Werke AG Daniel Goedevert die 11 Wagen pünktlich zur Auslieferung der ersten Fiesta-Modelle für diese Kunstperformance zur Verfügung gestellt.
Eines flog als „Wolke“ bemalt, an einem Hubschrauber hängend, über den Dom, ein anderes schwamm als „Welle“ im Rhein, ein Wagen aus „Stein“ schmückte den Roncalliplatz, einer aus „Marmor“ befand sich vor dem Museum Ludwig, ein Auto „tanzte“ auf seinem Heck im Alten Wartesaal, ein weiteres zerschmolz in seinem riesigen Eis-Sarkophag, im Atrium des Römisch-Germanischen Museums wurden Einzelteile des Fiesta ausgestellt, eines fungierte als „Osterei“, und der „Goldene Vogel“ in Form eines goldenen Fiesta mit riesigen ebenso goldenen Flügeln zierte zunächst den Turm des Stapelhauses in der Altstadt vor dem Dom.
Nach der überaus erfolgreichen Ausstellung wollten die Kölner in keinem Fall auf ihren liebgewonnenen „Goldenen Vogel“ verzichten, und so kam er als einziges Relikt der weltweit beachteten Aktion nach vielen Diskussionen endlich am 25. April 1991 als Geschenk der Ford-Werke an das Kölnische Stadtmuseum im historischen Zeughaus auf dessen Treppenturm. Eindrucksvolle Fotos, wie die von Thomas Hoepker von Magnum Photos oder der Kölner Fotografen-Legende Zik, wurden zu Kunstdrucken, beliebten Plakaten, Postkarten und verzieren nach wie vor unzählige Bücher, Kataloge und Reiseprospekte. Der neue Standort machte bereits am 21. Juni 1980 für drei Monate Furore, als 1,3 Millionen Besucher aus der ganzen Welt um das Museum herum in schier endlosen Schlangen angestanden hatten, um die (ebenso…) Goldene Maske Tutanchamuns anzuschauen.
Inzwischen gilt das Kunstwerk nach dem Dom und dem Karneval laut einer offiziellen Untersuchung der Uni Köln aus dem Jahr 2007 als 3. bedeutendes Wahrzeichen der Stadt. 2009 und 2012 verließ das Kunstwerk seinen Stammplatz kurzfristig, um gesäubert und renoviert zu werden, kam aber immer wieder zurück. 2013 meinte der damalige Oberbürgermeister Jürgen Roters, dass es „wohl für immer da“ bliebe. 2017 zog das Museum wegen Wasserschäden aus, und nun war der Turm marode geworden. Nach unendlichen Diskussionen und Debatten wollte die Stadt das Kunstwerk sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden lassen, doch dank dem unermüdlichen Engagement über viele Jahre seines Schöpfers bleibt es erhalten und erhält nun einen neuen Platz.
Daher war der Künstler selbst trotz aller Wehmut am Tag des Abbaus sichtlich glücklich ob des vorläufigen guten Endes. Am Abend des 13. August 2026, just auch einem atmosphärisch recht denkwürdigen Tag – mit vorangegangener Sonnenfinsternis, leuchtenden Perseiden, einem feuerspeienden Etna mit Flugverbot in Catania – machte der „Goldene Vogel“ seinen Abflug und wurde vorerst gegen Mitternacht im Dunkeln leuchtend auf einem Tieflader durch die halbe Stadt bis zu den Ford-Werken gefahren, bis er voraussichtlich Anfang 2027 auf einen sehr prominenten Turm vom Maritim-Hotel der Architekten Gottfried Böhm und KSP Kraemer, übrigens auch aus dem Jahr 1989 vom „Fetisch Auto“ (!), direkt an der Deutzer Brücke seinen neuen Stammplatz findet und von dort aus alle in Köln Ankommenden leuchtend begrüßen wird.
Somit hätte denn der Künstler HA Schult mindestens drei Kunstwerke direkt am Rhein in Köln von Süden nach Norden:

Der „Goldene Vogel“ zurück in irdischen Gefilden, kurz vor seinem Abtransport. Foto: Andrea Matzker
- Den „Goldenen Vogel“ an der Deutzer Brücke,
- Die Skulptur „Hope“ an der Wörthstraße/Ecke Rheinufer, und
- Die „Weltkugel“ an der Zoobrücke.
Zum Abbau war neben Museumsdirektor Dr. Matthias Hamann, Ford-Betriebsratsvorsitzendem Benjamin Gruschka und dem Maritim-Chef die halbe Stadt versammelt. HA Schult freute sich, dass nach 35 Jahren Standort am Zeughaus endlich einmal ein Verkehrsstau wegen seines Kunstwerkes entstand und wollte einem laut und wütend schimpfenden Taxifahrer dessen Warten bezahlen. Andere Fahrer in der Warteschlange freuten sich hingegen, stiegen aus ihren Autos aus und baten den Künstler um Autogramme und Selfies. Großer Beifall ertönte, als das 4 Tonnen schwere, fast 10 m breite, über 6 m lange und 3,5 m hohe Kunstwerk um 22.30 nach 24 Metern Höhenflug auf dem Tieflader landete. Danach musste es erst einmal kunstvoll um 90 Grad gedreht werden, weil es sonst durch keine Straße gepasst hätte. Höhepunkt waren, wie immer, die zutreffenden, jedesmal geist- und humorvollen (im Übrigen ausnahmslos direkt absolut druckreifen) Bemerkungen des Künstlers selbst, der sich freute, den Leuten jahrelang Freude gemacht und ein Lächeln abgerungen zu haben bei den leider so oft hängenden Mundwinkeln in Köln.

Ein Zufriedener Künster am vorläufigen Ende seiner Aktion. Foto: Andrea Matzker
Zum krönenden Abschluss des erfolgreichen Sinkfluges und der gelungenen Landung des güldenen Artefaktes ließen es sich der Künstler und seine Frau Anna nicht nehmen, Freunde in ihr Lieblingslokal einzuladen, das extra für sie aus diesem Anlass noch geöffnet hatte. Zu königlichen Geschichten und köstlichem Sauvignon gab es Gillardeau-Austern, eine zarte Curry-Blumenkohl-Suppe und Kikok-Hähnchen, bevor man gegen Mitternacht glücklich und zufrieden nach Hause aufbrach.
Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger

