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KLAVIERWERKE FÜR DIE LINKE HAND

23.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3760109130530

KLAVIERWERKE FÜR DIE LINKE HAND – Anthologie, Vol. 6, Ad Vitam records CD

Der frz. Pianist Maxime Zecchini mit einem ungewöhnlichen Aufnahmeprojekt

 Die Serie „Klaviermusik für die linke Hand“ (Oeuvres pour la main gauche) gespielt von einem frz. Pianisten/Komponisten mit italienischen Wurzeln (allerdings ohne Handicap der zweiten Hand) hat auch in der bei Vol. 6 angelangte Folge nichts von der eigenwilligen Faszination des Genres eingebüßt. Die Mehrzahl der aufgenommenen – überwiegend populären – Werke stellen Transkriptionen dar. Nur der „Valse d’Adèle“ und die „Viennese Pranks“ von Geza Zichy (der Komponist büßte seinen linke Hand im Alter von vierzehn Jahren bei einem Jagdunfall ein), die Étude OP. 92 Nr.4 von Moritz Moszkowsky und „Hungary‘s God“ von Franzt Liszt ( der das ursprüngliche Lied für Bariton und Klavier selbst bearbeitet hat) können als genuine Schöpfungen für Klavier für die linke Hand gelten.

 Auf jeden Fall ungewohnt, bisweilen karg und reduziert, bisweilen erratisch simpel bis erstaunlich orchestral, kommen die Stücke daher. Jenseits aller virtuosen Hörgewohnheiten muss eine Hand das leisten, was im Normalfall dem komplexen Miteinander beider Hände geschuldet ist. Da verstört schon einmal der Beginn des „Allegrettos“ der siebenten Symphonie von Ludwig van Beethoven (Bearbeitung Artur Cimirro) durch harte in der Luft stehende pedallose Klänge, genauso aber verblüfft eine brillante Fuge oder das gespenstisch-flirrende Treiben auf dem Ball in Camille Saint-Saëns „Danse macabre“ (für linke Hand ebenfalls bearbeitet von Artur Cimirro).

Nichts ist so, wie es das die Imagination suggerieren könnte: In der Paraphrase von Georges Pfeiffer auf Giuseppe Verdis „Il Trovatore“ (Miserere) und der Mediation aus „Thaïs“ von Jules Massenet (Transkription von Hiroyuki Tanaka und Takeo Tchinai) herrscht weniger Melodienseligkeit und romantisches Gesäusel, sondern ein hochstrukturiertes Spiel mit allen dynamisch-anschlagstechnischen Finessen, die Altbekanntes wie neu erscheinen lassen. Nicht minder überzeugend geraten die perspektivisch überraschenden Sichtweisen auf die Pièce Lyrique „Arietta“ Op. 12 Nr.1 von Edvard Grieg, die gerade einmal 27 Takte lange „Prélude“ von Maurice Ravel (beide bearbeitet von Hiroyuki Tanaka) oder das kaum bekannte spanisch folkloristische „Malgré tout“ des Mexikaners Manuel Ponce.

Die 2016 im Maison de l’Orchestre National de L’Ile-de-France aufgenommene CD ist auch klangtechnisch die reinste Freude.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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