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KLAUS ALBRECHT SCHRÖDER: Ich mache nichts halbherzig!

 

Schröder Breitformat Foto Albertina xxx~1
Fotos: Albertina

Gespräch mit Albertina-Direktor KLAUS ALBRECHT SCHRÖDER
zu seinem 60. Geburtstag am 15. September 2015

„Ich mache nichts halbherzig!“

Klaus Albrecht Schröder, geboren am 15. September 1955 in Linz, wählte nach Jugendträumen einer Karriere als Musiker, dann als Maler den Weg zum promovierten Kunsthistoriker (Dissertation über Richard Gerstl). Nach einer breit gestreuten Karriere in der Welt der bildenden Kunst wurde er am 1. August 1999 zum Geschäftsführer der Albertina bestellt, seit 1. Jänner 2000 leitet er das Haus, dessen Umbau und Neugestaltung er verantwortete, als alleinverantwortlicher Direktor. Anlässlich seines 60. Geburtstags gab er uns ein ausführliches Interview

Von Renate Wagner

Herr Direktor Schröder, wir gratulieren zu Ihrem runden Geburtstag, Zu Ihrem Fünfziger gab es ein großes Fest in „Ihrer“ Albertina. Warum zum Sechziger nicht?

Ausnahmsweise nicht, weil ich mir diesmal das Privileg auf Privatheit nehmen möchte. Man glaubt es von mir nicht, weil ich – vielleicht aus selbst verschuldeter Aktivität – üblicherweise immer im Mittelpunkt stehe und offenbar den Eindruck erwecke, dass ich das sehr mag. Aber im Grunde bin ich ein Mensch, der Alleinsein liebt, und nun bin ich verheiratet und lege Wert auf sehr gezielte Zweisamkeit.

Früher war man mit 60 alt, heute gilt das zu Recht als „kein Alter“. Ist es dennoch ein Punkt, wo man innehält, um ein wenig über sein Leben zu reflektieren?

Ich fühle mich tatsächlich nicht alt, ich habe das Privileg, gesund zu sein, und ich bin fitter denn je, weil ich erst in den letzten Jahren regelmäßig Sport betreibe. Ich fühle mich nicht anders als mit 50 und vielleicht sogar besser als mit 39. Aber es ist mir völlig bewusst, dass ich nun in das Jahrzehnt eintrete, in dem ich in Pension gehen werde, dass das doch einen nächsten Lebensabschnitt bedeutet. Wenn man die Zäsuren bei 30 und 60 ansetzt, ist es der letzte, und der will geplant sein. Bisher ist vieles in meinem Leben passiert, durch Zufall oder Glück, jetzt möchte ich mich nicht mehr auf den Zufall verlassen.

Sie haben vor 30 Jahren das Kunstforum begründet, das heute einen festen Stellenwert im Ausstellungsgeschehen der Stadt hat, Sie leiten die Albertina eigentlich, seit Sie 1999 die absolute „Baustelle“ übernommen und in ein Prachtmuseum verwandelt haben. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an diese letzten 30 Jahre zurückdenken?

Im Rückblick verändert sich der Maßstab. Zwischenfälle, die einst unüberwindbar groß erschienen, sind heute so etwas wie Stolpersteine – wenn ich an das weltweite Echo denke, als 2009 Wasser in unseren Tiefspeicher eingetreten ist. Aber nicht ein Kunstwerk von den Millionen, die wir besitzen, wurde beschädigt. Es ist nichts passiert, also ist es heute eine Anekdote. Oder die Querelen, als ich Dürers „Hasen“ verliehen habe – heute sitzen andere Leute in den Ministerien und unsere Kostbarkeiten verreisen in die größten Museen der ganzen Welt und machen uns Ehre. Anekdoten. Aber anderes, das gar nicht so wahrgenommen wurde, ist plötzlich wichtig: Ich habe drei Jahre lang als Berater bei der Neuorganisation der Salzburger Museen mitgearbeitet, ich habe das Museum auf dem Mönchsberg konzipiert, und wenn ich heute auf dieses Haus der Moderne hoch über Salzburg hinaufschaue, dann kann ich mir sagen: Ohne mich gäbe es das nicht.

Das klingt, als hätten Sie in Ihren Memoiren einmal sehr viel zu erzählen.

Das werde ich keinesfalls tun, wenn es jemand anderer macht, bitte, aber ich sicher nicht. Ich werde auch meine Beziehungen zu vielen Künstlern, die meine Freunde geworden sind, nicht preisgeben, indem ich sie in der Öffentlichkeit bespreche. Allerdings, Lust zum Schreiben fühle ich schon, und möglicherweise werde ich das einmal tun. Es gibt eine Lieblingsfigur in meinem Kopf, die noch ins Leben gekommen ist, einen desillusionierten, melancholischen Detektiv, ein bisschen ähnlich vielleicht wie der Nestor Burma von Leo Malet…

Dann können wir, wenn Klaus Albrecht Schröder vielleicht irgendwann einmal in Pension geht, von ihm Krimis im Kunstmilieu erwarten? Das wäre doch spannend!

Also in der Kunstwelt möchte ich sie nicht spielen lassen, da soll es nach meinem Willen bitte nicht blutig zugehen. Aber wer weiß. Natürlich denke ich im Moment nicht ans Aufhören, und ich werde in den nächsten Jahren, bis zum 31. Dezember 1919, solange mein Vertrag mit der Albertina noch läuft, bis zum letzten Tag ein ganz aktiver Museumsdirektor sein. Aber es gibt Beispiele von Managern, deren Arbeitstage durchgeplant sind, von einer Besprechung und Entscheidung zur anderen, und die dann in ein schwarzes Loch fallen, wenn es zu Ende ist. Da soll man sich rechtzeitig über die Optionen den Kopf zerbrechen, dass man dann nicht vor Ödnis und Langeweile steht. Ich habe auch daran gedacht, ob ich vielleicht das Klavierspielen wieder aufnehmen werde, mit dem ich ja in meiner Jugend ziemlich weit gekommen bin. Aber ich werde mich wohl nicht ändern: ganz oder gar nichts, halbherzig mache ich nichts. Aber was ist das Resümee dieser Überlegungen: Man muss die Zukunft planen.

Schröder Foto Albertina~1

Darf ich darauf zurückkommen, dass Sie kein Bedürfnis hätten, die Welt an Ihren Beziehungen zu Künstlern teilnehmen zu lassen. Aber ohne Ihre persönliche Initiative wäre es ja nicht möglich, dass die Albertina so ungeheure Schenkungen erhalten hat, die für das Haus ja grenzenlos bedeutend sind, allein Alex Katz hat Ihnen unglaubliche 640 Werke gegeben! Das könnte man ja, wenn man sie kaufen wollte, nie und nimmer bezahlen.

Wenn Sie schon dieses Beispiel nennen: Ich finde, dass das „Cool Painting“ von Alex Katz in der Gegenwartskunst sehr wichtig ist, und deshalb habe ich seine Bekanntschaft gesucht, die dann zu einer Freundschaft wurde. So wie mit anderen Künstlern, ob Baselitz, Rainer oder Maria Lassnig, um auch eine Frau zu nennen, und Schenkungen von Zeitgenossen sind für ein Haus sehr wichtig. Was die Ankaufspolitik betrifft, so behalte ich mir die „klassischen“ Erwerbungen vor und überlasse die jungen Künstler den jungen Kuratoren meines Vertrauens, von denen ich weiß, dass sie das wahrscheinlich besser machen als ich. Ich habe – nicht von meinen unmittelbaren Vorgängern, aber in früheren Zeiten – Beispiele dafür, dass sich die Albertina-Direktoren beim Ankauf ihrer Zeitgenossen schrecklich vergriffen haben. Das soll mir nicht passieren. Aber eines ist klar: Wir haben die Verpflichtung, Neugierde zu zeigen, was die moderne Kunst bietet.

Aber in Ihrer Vorliebe für die Kunst der Fotografie sind Sie sich sicher? Das haben Sie ja vom Beginn Ihrer Direktion angekündigt, aber nun wurde es gewissermaßen dergestalt „institutionalisiert“ – dass es immer auch Fotografie bei Ihnen zu sehen gibt.

Wir haben die frühere „Säulenhalle“ in „Galleries for Photography“ umbenannt, und wir werden jetzt aus unserem Bestand von rund hunderttausend hochkünstlerischen Fotografien immer wieder neue Ausstellungen gestalten, Personalen und auch Übersichten. Ich habe noch 1999, sofort als ich die Albertina übernommen habe, eine Fotoabteilung begründet, in der ich mir die Schätze der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, sowie das Bildarchiv des Fotobuchverlags Langewiesche gesichert habe, dazu drei Kuratoren eingestellt und in der Folge intensiv gesammelt. Im Gegensatz zu den anderen Häusern Wiens – wie zum Beispiel dem Wien Museum mit seinen vor allem topographischen Beständen – geht es bei uns um Fotografie als künstlerisches Medium, und das ist mir sehr wichtig.

Sie haben auch keine Berührungsängste mit dem Habsburgischen Erbe? Es hat phantastische Habsburger-Ausstellungen gegeben – den Triumphzug Maximilians I., die Ausstellung über Albert und Christine, die Besitzer dieses Palais’, die Kammermaler von Erzherzog Johann, und Sie zeigen die „Prunkräume“ der Albertina.

Ich bin überzeugter Republikaner und Historiker und kenne den Wert der Vergangenheit. Wir „leben“ in diesem kostbaren Palais auf der ehemaligen Bastei, und als wir die Albertina renoviert und neu gemacht haben, war mir völlig klar, dass die einstigen Prunkräume, in denen Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Christine, dann später Erzherzog Karl und seine Familie lebten, nicht weiter als Lagerräume missbraucht werden durften. Und erst dieser Tage habe ich wieder eine halbe Million Euro dem Projekt zugeschrieben, die Prunkräume weiter auszugestalten – wir konnten Gemälde, die Albert in Auftrag gegeben hat, Möbel von Danhauser, Lüster dazu kaufen, und solcherart werden die Prunkräume bis zum nächsten Frühjahr neu aufgestellt. Sehr viele Leute, die zu den Ausstellungen kommen, gehen ja auch hier durch.

Das ist es ja, was an „Ihrer“ Albertina auffällt, dieses riesige Angebot. Sie haben nicht weniger als fünf große Ausstellungsebenen, und eigentlich werden alle immer gleichzeitig „bespielt“, dazu kommen die besagten Prunkräume: Das heißt, das Publikum bekommt für eine Eintrittskarte extrem viel geboten.

Ich stehe, wenn man es so sagen will, seit 30 Jahren im Dienst der Kunst. Aber ich stehe auch seit 30 Jahren im Dienst des Publikums. Vor leeren Bänken kann man nicht predigen. Die Abstimmung, ob etwas richtig oder falsch ist, findet an der Kasse statt. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, heißt es im „Faust“, und da geht es darum, mit einem breiten Angebot so viele Menschen wie möglich daran teilnehmen zu lassen.

Früher haben Sie sich den Kopf darüber zerbrochen, wie man junge Menschen ins Museum bringen kann.

Das ist auch so ein Wechsel der Maßstäbe, wenn er in diesem Fall allerdings nicht aus einem Geburtstag, sondern aus den aktuellen Ereignissen unserer Zeit kommt. Die Albertina hat sechs- bis siebenhunderttausend Besucher im Jahr, wir hatten zuletzt 2900 Schulklassen im Haus, ich denke, dass wir von den jungen Leuten bis zu den Pensionisten überall den zufrieden stellenden Querschnitt haben. Ich frage mich etwas ganz anderes: Was tun wir für die Menschen mit Migrations-Hintergrund? Sowohl jene, die schon da sind wie auch jene, die kommen, und die glücklicherweise durch ein gewandeltes Bewusstsein nun auch aufgenommen werden. Aber wir dürfen Ihnen dann nicht nur Wohnungen und Arbeit und Sportplätze anbieten – was tun wir für ihre kulturellen Bedürfnisse? Wobei ich persönlich schrecklich finde, wenn man „totale Integration“ verlangt, das käme mir wie brutaler Kolonialismus vor. Es muss diesen Menschen, woher immer sie kommen, frei gestellt sein, ihre kulturelle Identität zu bewahren – und unsere Kultur angeboten zu bekommen.

Noch einmal zum „neuen“ Publikum: Ihre Presseabteilung ist ja sehr rege in den neuen Kommunikationsmedien unterwegs, manchmal wird Facebook mehrfach täglich mit neuen Meldungen gefüttert. Beteiligen Sie sich da auch?

Nicht mehr. Ich war ein Jahr lang bei Facebook, einfach, um zu wissen, wie das geht und was man damit erreichen kann – ich muss ja auch dafür die Budgets freigeben. Ich persönlich habe in diesem Facebook-Jahr gelernt, dass ich 2000 „Likes“ bekomme, wenn ich ein Foto von einem Hund hineinstelle, und gerade sieben, wenn ich für eine tolle neue Ausstellung werbe. Aber das macht nichts, ich weiß, dass diese aktuellen Kommunikationsmethoden und alle neuen Medien und Geräte für die jungen Leute enorm wichtig sind: Aber die Begeisterung für ein neues I-Phone, die überlasse ich meinem zwölfjährigen Sohn…

Herr Direktor Schröder, wir danken für dieses Gespräch.

 

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