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Katrin Unterreiner: LUZIWUZI

14.05.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Katrin Unterreiner:
LUZIWUZI
Das provokante Leben des Kaiserbruders Ludwig Victor
192 Seiten, Molden Verlag, 2019

Es scheint eine gewisse Gesetzmäßigkeit zu geben: Je größer eine Familie, umso eher, dass sich ein so genanntes „schwarzes Schaf“ darin findet. Erzherzog Franz Carl und Erzherzogin Sophie hatten vier Söhne, wie sie verschiedener nicht sein konnten. Franz Joseph, nachmals Kaiser, der Ruhige, Gewissenhafte. Maximilian, der Begabte, Umtriebige, der in seinen Tod gerannt ist. Carl Ludwig der Freundliche, Solide. Und Ludwig Victor, ja, der war dann der geborene Außenseiter. Ein Provokateur, ein Luziwuzi, einer, den man am besten versteckt hat, weil er der kaiserlichen Familie keine Ehre machte.

Bisher wusste man wenig mehr von ihm als „schwul“ und nach Salzburg verbannt. Nun hat Katrin Unterreiner ihm eine Biographie gewidmet. Und eigentlich erstaunt, dass dieses Leben so „schief“ ging – wenn man es aus unserer Sicht denn so bezeichnen will. Jedenfalls: Geboren am 15. Mai 1842, Sohn der nunmehr 37jährigen Erzherzogin Sophie, war Ludwig (der bayerische Königsname) Joseph Anton Victor der Jüngste, Franz Joseph war schon 12, Ferdinand Maximilian 10 und Carl Ludwig auch schon 6, als er zur Welt kam.

Da wurde der Nachzügler zum Nesthäkchen, ein „kreuzfideles“ Familienmitglied mit gelegentlichen Wutausbrüchen, allerdings auch immer wieder kränklich, schon als Kleinkind verliebt in Musik und Tanz. Als er älter wurde, merkte der Kleine allerdings, dass sich letztendlich alles um die Ambition der Mutter drehte, aus ihrem Ältesten, Franz Joseph, den nächsten Kaiser zu machen. Die Autorin meint aus dem Tagebuch von Erzherzogin Sophie herauszulesen, dass sie sich um die Ausbildung ihres Jüngsten weniger kümmerte. Küchentischpsychologie würde sagen, dass der „Liebling“ sich vernachlässigt fühlte – und dies zu kompensieren versuchte. Aufmerksamkeit hat er in seinem Leben ja dann bekommen – wenn auch im negativen Sinn.

1848 wurde der 18jährige Franz Joseph – für die Familie „der Franzi“ – tatsächlich Kaiser. Ludwig Victor war damals 6 Jahre alt. Ein paar Jahre später bekam er eine schöne Schwägerin, und Kaiserin Elisabeth, die von allem Abweichenden angezogen wurde, mochte den Luziwuzi sehr gern, sie hatten ein enges Verhältnis – bis in späteren Jahren seine Neigung zu bösem Klatsch und Tratsch, Verleumdung inbegriffen, auch sie traf. Dann hatte er in ihr eine erbitterte Feindin.

Was war die Rolle eines Erzherzogs, zumal, wenn er der vierte Bruder war? Sie dienten erstens als „Reserve“ – und mehr als einmal hat eine „Nebenlinie“ den Bestand des Hauses gerettet, wenn die Hauptlinie keine Söhne hatte. Im Fall von Franz Josephs Brüdern war es Carl Ludwig, der dreimal brav standesgemäß heiratete und dann, nach dem Tod von Kronprinz Rudolf, die nächsten Generationen gesichert hat – mit Sohn Franz Ferdinand und Enkel Karl. Nur dass dann schon alles dem Ende zuging… Im übrigen wurden die Habsburgischen Erzherzöge zu höheren militärischen oder Verwaltungsaufgaben herangezogen.

Nichts davon interessierte Ludwig Victor, der einfach nur das verantwortungslose Luxus- und Vergnügungsleben eines reichen Mannes führen wollte. Dabei spannte er seine großzügige Apanage allerdings gewaltig an. Er ließ sich in Wien jenes Palais am Schwarzenbergplatz bauen, das später als „Offizierscasino“ bekannt war (und in dem heute das Burgtheater als Nebenschauplatz spielt). Er gab rauschende Feste und bedachte leichte Damen (die er allerdings nicht „benützte“) mit Riesensummen.

Im übrigen war er homosexuell, was – will man der Autorin glauben – von der Mitwelt nicht als sonderlich katastrophal angesehen wurde. Es sei denn, er benahm sich schlecht. Und das war bei Ludwig Victor – der in seinen jungen Jahren manchmal als Begleiter von Franz Joseph auf Reisen tätig war – zunehmend der Fall. Nach Salzburg wurde der Kaiserbruder zuerst „offiziell“ gesendet (so wie Ferdinand Maximilian in Triest gelebt hatte, Carl Ludwig in Tirol), später erwies es sich als sein „Exil“. Anfangs kehrte er noch zum Dolce Vita nach Wien zurück, ließ auch zu, dass man für ihn Heiratspläne schmiedete (u.a. mit Elisabeths Schwester Sophie, die ihn allerdings abwies, und mit einer brasilianischen Prinzessin, was ihn zu Maximilian, der in Mexiko war, nach Südamerika geholt hätte), aber selbstverständlich war es ihm nicht ernst damit.

Dass Franz Joseph ihm erlaubt hätte, mit einem Geliebten offen zusammen zu leben (wie in der Literatur behauptet wird), widerlegt die Autorin – dass der älteste Bruder immer seine schützende Hand über den jüngsten hielt, ist allerdings erwiesen. Wenngleich ein Feind wie Thronfolger Franz Ferdinand (dessen Ehe mit Sophie Chotek Luziwuzi ablehnte) auch sehr schaden konnte…

Man weiß eine Menge über das Privatleben von Ludwig Victor, denn die „Konfidentenberichte“, die heute noch einzusehen sind, beweisen, dass die Stasi die detaillierte Bespitzelung einzelner Personen nicht erfunden hat. (Ludwig Victors Neffen, Kronprinz Rudolf und Erzherzog Otto, trieben es allerdings auch ganz schön…). So mehrten sich die Fälle, wo Luziwuzi sich anzüglich Männern näherte (und auch eine Ohrfeige einfing), wo er Herren in seine Schwimmhalle einlud und diese keine Badehosen vorfanden und dergleichen Peinlichkeiten.

Nach dem Tod von Erzherzogin Sophie (1872), die zwar über seinen Lebenswandel empört war, den jüngsten Sohn aber doch schützte (die Autorin erklärt, dass Franz Joseph stets die Wünsche seiner Mutter erfüllte), wurde die Lage für Luziwuzi prekärer, und als Franz Ferdinand Thronfolger wurde, noch mehr. Er hat dann dafür gesorgt, dass Ludwig Victor im Salzburger „Exil“ nahezu interniert wurde. Er starb, wohl schon dement, am 19. Jänner 1919. Seine Nichte Marie Valerie (Franz Josephs jüngste Tochter), die ihm treu geblieben war, sorgte dafür, dass er nach eigenem Wunsch nicht in der Kapuzinergruft, sondern in Salzburg begraben würde.

Was ließe sich Gutes über diesen Kaiserbruder sagen, dessen „Selbstverwirklichung“ einfach nur hedonistische Flucht vor Arbeit und Verantwortung war? Er war, im Gegensatz zu seinen Brüdern, ein Freund der Künste, schien auch etwas davon zu verstehen, reiste oft nach Italien, besuchte Kunstausstellungen in München, sammelte Bilder – aber auch Kurioses, wobei seine Stock- und Schirmsammlung berühmt wurde. Seine Biographin versucht das durchaus negative Bild, das von ihm in die Nachwelt tradiert wurde (nicht zuletzt durch viele verächtliche Berichte von Zeitgenossen wie beispielsweise die Gräfin Fugger) wenigstens etwas zurecht zu rücken. Immerhin dürfte das „schwarze Schaf“ der Familie recht witzig und in seinen besten Zeiten auch charmant gewesen sein. Viel ist das allerdings nicht…

Renate Wagner

 

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