Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Katrin Keller: DIE KAISERIN

15.10.2021 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

buch die kaiserin~1

Katrin Keller:
DIE KAISERIN
Reich, Ritual und Dynastie
430 Seiten, Böhlau Verlag, 2021 

Das Titelbild zeigt (seitenverkehrt, wegen der Umschlagsoptik) Kaiserin Anna (1585-1618), die Gattin von Kaiser Matthias, bekannt als Begründerin der Kapuzinergruft. Das Buch, das sich „Die Kaiserin“ zum Thema gestellt hat, wählte  allerdings ihr Bild, weil sie mit Krone, Reichsapfel und Szepter, den Insignien der Macht, geschmückt ist. Und diese standen den Kaiserinnen realiter eigentlich nicht zu…

Gerade der Böhlau-Verlag gibt in verschiedenen seiner wissenschaftlichen Reihen der Frauenforschung explizit großen Raum, einfach, weil hier noch immer viel aufzuarbeiten ist, über Gender-Sternchen hinaus. Viele Fragen wurden in der Geschichte bisher nicht gestellt und bieten solcherart ein weites Feld.

Universitätsdozentin Katrin Keller, Leiterin des Forschungsbereichs „Geschichte der Habsburger Monarchie“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, war schon 2016 an dem Band „Nur die Frau des Kaisers?“ beteiligt, in dem Einzelschicksale von verschiedenen Autorinnen aufgearbeitet wurden.

Nun geht es unter dem Titel „Die Kaiserin“ (Untertitel: „Reich, Ritual und Dynastie“) weniger um einzelne Persönlichkeiten, als gewissermaßen um Struktur, Funktion, Rollenbild der Kaiserinnen im deutschen Sprachraum. Hier, wo schon germanische Fürsten ihren Frauen besondere Ehrerbietung zeugten (wie man liest), war die Kaiserin die Frau oder die Witwe des Kaisers. Grundsätzlich einmal nicht mehr.

Allein durch die eheliche Verbindung mit dem Kaiser stand ihr (auch ohne Krönung!) der Titel zu, was frühere Behauptungen, Maria Theresia sei „keine Kaiserin“ gewesen, ad absurdum führt. Ihr Mann, Franz I., war Kaiser, in diesem Sinn war sie „Kaiserin“. Von allen anderen Kaiser-Gattinnen unterschied sie sich dadurch, dass sie als Erbin der Habsburgischen Lande plus Ungarn und Böhmen Herrscherin eigenen Rechts war, was sonst keine Kaiserin im Deutschen Reich von sich behaupten konnte.

Wobei es allerdings Umwege gab, selbst Einfluß zu nehmen, doch diese führten  immer über die Männer – vor allem wenn Mütter für ihre unmündigen Söhne eine zeitlang die Regentschaft ausübten. Oder wenn der Gatte ihnen in iseiner Abwesenheit die Regentschaft übertrug.

Katrin Koller stellt grundsätzliche, meist juristische Fragen, wobei sie einen langen Weg durch die interpretierende Literatur der vergangenen Jahrhunderte (zurück bis ins 16.) antritt. Wobei immer wieder von den (männlichen) Historikern ihrer Zeit festgestellt wird, dass der Kaiserin von den Privilegien des Gatten nur jene zuständen, „die ihr als Frau gebühren“. Die Frau galt also durch die Jahrhunderte als grundsätzlich zweitrangiges Wesen (und es war eine Katastrophe, wenn es keinen männlichen Erben gab).

Interessant für uns ist daran auch, dass es in den Schriften von einst absolut keine Einigung über die genaue Stellung und Rechte der Kaiserinnen gibt, wobei ein gewisser Handlungsspielraum immerhin gegeben war – durch das Recht auf eine eigene Kanzlei (wir würden „Büro“ dazu sagen) und einen eigenen Hofstaat, durch Steuerprivilegien und das „Recht erster Bitte in weiblichen Stiften“ – so erklärt sich auch das Kopfschütteln der Zeitgenossen, als eine Äbtissin es wagte, einer Kaiserin einen Wunsch abzuschlagen. Wobei Äbtissinnen durchaus zu den mächtigen Frauen gehörten, die in ihrem Rahmen über weitgehendes Entscheidungsrecht verfügten.

Wenngleich Kaiser- und Königskrönungen im Reich auch damals „mediale“ Ereignisse im heutigen Sinn waren, galt die Kaiserin doch nicht als bloßes Schmuckstück (wie eine Farah Diba), ihre Pflichten waren umrissen: Ihre Herkunft, sprich: ihre Familie musste dem Kaiser zumindest Prestige- oder gegebenenfalls Machtzuwachs bringen, und im übrigen hatte sie viele Söhne (zur Sicherung der Nachfolge in der Herrschaft) und  einige Töchter (zu Heirats- und Bündniszwecken) zu gebären. Weitere Selbstverwirklichung war nicht vorgesehen.

Obwohl Frauen über Jahrhunderte in der zweiten Reihe standen, wurden sie medial durchaus wahr genommen, in Porträts, in Darstellungen mit den Gatten, auch Kaiserinnen-Krönungen wurden in eigenen, vielfach opulenten Kupferstichen gestaltet. Schließlich fanden solche Ereignisse aus Raumgründen nur vor einem engen Personenkreis statt, hatten aber ihre repräsentative Funktion. Also mussten Bilder verbreitet werden, sobald der Druck ab Mitte des 15. Jahrhunderts erfunden war. Interessante Details  dazu liefern erhaltene handschriftliche Skizzen von Höflingen, die sich über die Sitzordnungen bei Zeremonien und Banketten ausführlich den Kopf zerbrachen, um alle Rangordnungen zu erfüllen. Und es gab auch zeitgenössische Literatur über Kaiserinnen, Huldigungsschriften allerdings meist anlässlich – ihres Todes.

Das Buch erzählt  auch von Skurrilitäten – denn eigentlich wurden Kaiserinnen, wenn überhaupt (es kam nicht immer zur Krönung) gemeinsam mit den Gatten gekrönt. Ein einmaliger Sonderfall ereignete sich 1630 beim Reichstag zu Regensburg, der für Kaiser Ferdinand II. ziemlich erfolglos ausgefallen war (die Königs- und Kaiserwürde im Heiligen Römischen Reich vererbte sich nicht automatisch, sondern war von den mächtigen Kurfürsten – und sehr viel Bestechungsgeld – abhängig, was die Lage immer schwierig machte). Um den Kaiser zu trösten, beschloß man, seine zweite Gattin Eleonora Gonzaga, die bei seiner Krönung noch gar nicht mit ihm verheiratet gewesen war, schnell im Dom zu Regensburg zu krönen, „damit der Kayser nicht ganz leer von diesem Reichs-Tage abzöge…“

Kaiserinnen hatten zwar keine reale Macht (außer in Ausnahmefällen), aber doch viele Funktionen, und sie haben auch Beachtung gefunden, so weit es Medien gab, um Informationen zu verbreiten. Diese Frauen spielen keine Rolle, wenn Geschichtsschreibung nur aus trockenen Fakten besteht, die Männertaten aneinander reihen, sehr wohl aber, wenn man näher hinsieht. Selbst in Zeiten, wo man sich noch nicht durch Soziale Medien selbst in Szene setzen konnte.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken