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KASSEL: L’OLIMPIADE von Antonio Vivaldi

03.05.2013 | KRITIKEN, Oper

KASSEL: L’OLIMPIADE von Antonio Vivaldi am 2. Mai 2013 (Werner Häußner)

 Seit fünf Jahren pflegt das Staatstheater Kassel eine Reihe mit barocken Opern und hat bisher stets eine glückliche Hand bei der Auswahl bewiesen. So auch in dieser Spielzeit wieder mit Antonio Vivaldis „L’Olimpiade“. Das vielfach vertonte Libretto Pietro Metastasios arbeitet mit einer üppig verästelten Intrige, in der nicht nur die Olympischen Spiele den Hintergrund bilden, nicht nur die üblichen Liebesverirrungen ver- und entflochten werden. Sondern das auch archetypische Situationen aus der antiken Literatur verarbeitet: ein Königssohn, der aufgrund eines Orakels getötet werden soll, aber in fremdem Lande überlebt (Ödipus). Ein Vater, der aus Pflichtgefühl sogar seinen Sohn hinrichten lassen will, weil es dem Recht entspricht (Titus Manlius). Eine Frau, die bereit ist, sich für ihren Geliebten zu opfern (Alceste). Und dazu die Anziehungskraft des verwandten Blutes, auch wenn sich Vater und Sohn, Schwester und Bruder nicht erkennen.

Regisseur Dominique Mentha, Dramaturgin Ulrike Benzing und Musikalischer Leiter Jörg Halubek haben aus der gut vierstündigen Oper eine Zwei-Stunden-Version erstellt, die den komplizierten Handlungsstrang einigermaßen erzählbar macht und dennoch die besten musikalischen Teile nicht unterschlägt. Das ist wichtig, denn Vivaldi hat einiges zu bieten, kontert in dieser späten Oper erfolgreich seinem Ruf als eifriger Schreiber verwechselbarer Musik. Schon die scharf geschnittene Sinfonia lässt aufhorchen, bietet markante Rhythmen und kurznotige Erregung. Auch die Arien sind – nicht nur im Detail – individuell gearbeitet, fesseln durch abwechslungsreiche Rhythmen, sind melodisch prägnant und fordern von den Sängern hohe Kunstfertigkeit.

Bei Jörg Halubek sind Vivaldis geschliffen funkelnde musikalische Edelsteine in besten Händen. Er entlockt dem aus dem Staatsorchester gebildeten Ensemble die nötige Agilität und reaktionsschnelle Präzision; er lässt vor allem die Musik nicht in Einzelheiten zerfallen, sondern behält den Zusammenhang im Blick. Auch wenn es manchmal in der Intonation und den Einsätzen wackelt: der musikalische Eindruck bleibt positiv, zumal die Instrumentation farbig ist und das Orchester – auf modernen Instrumenten – nach barocker Manier phrasiert und mit dosiertem Vibrato, aber nicht rissig-trocken spielt.

Die Sänger präsentieren sich allesamt als stilistisch versiert. LinLin Fan als Aminta bezaubert mit dem natürlichsten Stimmsitz und damit einem angenehm resonanzreichen Sopran, mit dem sie die Koloraturen-Virtuosität Vivaldis locker und klangvoll umsetzen kann. Christiane Bassek und Maren Engelhardt haben als Freundespaar Licida und Megacle die prominentesten Rollen. Ihre emotionale Verfassung zeigt die kräftigsten Amplituden: Stolz und Ehrgeiz, echte Freundschaft und verborgene Eifersucht, Raserei und Depression. Beide Sängerinnen spüren diesen Gefühls-Wechselbädern sensibel nach, drücken sie in Farbe und Spannung des Timbres aus.

Belinda Williams als natürlich fingierte Schäferin Argene – in Wirklichkeit ist sie die Jugendliebe Licidas – bringt einen feinen, manchmal ein wenig unkontrolliert schwingenden Sopran mit, mit dem sie zärtlich und heftig agieren muss. Die Sängerin verkörpert glaubwürdig eine junge Frau, die um ihre Liebe bis zum Einsatz des eigenen Lebens kämpft: In der Jugend ist sie vom Hofe Kretas geflohen, weil der König die Liebe zwischen ihr und Licida nicht akzeptiert hat; nun muss sie nicht nur Licidas Betrug bei den Olympischen Spielen, sondern auch die vermeintliche Aussichtslosigkeit ihrer eigenen Liebe erkennen.

Zwischen den Freunden Licida und Megacle steht Aristea, Tochter des Königs und Preis für den Sieger der Wettkämpfe. Sie liebt Megacle – der in einen heillosen Konflikt gerät, als er erkennen muss, dass auch sein Freund Licida die Königstochter begehrt. Aristea wird völlig aus der Bahn geworfen, als sie erfährt, dass Megacle unter dem Namen seines Freundes in den Spielen gesiegt hat, um sie für Licida zu gewinnen. Ihre Verfassung schwankt zwischen Zorn und Todessehnsucht. Ulrike Schneiders Mezzo hat zu wenig Körper, um ihrer Partie die dramatischen Momente abzugewinnen; die lyrischen Reflexionen liegen ihren begrenzten Mitteln besser. Als König Clistene zeigt Marc-Olivier Oetterli über weite Strecken die flachen Töne einer für die „historisch informierte“ Aufführungspraxis typischen, zu wenig im Körper verankerten Stimme. Tomasz Wija hat als Ratgeber Alcandro eine weniger umfangreiche Rolle, die er mit einem noch nicht ausgereift klingenden Bariton erfüllt.

Im zweigeschossigen Bühnenbild von Justyna Jaszczuk unternimmt Dominique Mentha gar nicht erst den Versuch, die komplexe Story nachzuerzählen; er veranschaulicht Gefühlszustände, folgt den verschlungenen Wegen der wechselnden Affekte. Das Bild spielt mit den beiden Ebenen der Oper: auf der einen Seite die Tiefe der „natürlichen Empfindungen“, die Metastasios Libretto deutlich pointiert, auf der anderen Seite der „Mechanismus“ der Intrige. Für das eine steht das stimmungsvolle Naturbild eines Waldes, für das andere ein weißer Kasten, dessen Hintergrund sich in mehreren Segmenten öffnen lässt.

In den Öffnungen stehen die Personen manchmal wie Figuren in einem Setzkasten; dann wieder funktionieren die Türen wie in einer Boulevardkomödie, wenn sie Akteure rasch ins Spiel bringen oder entfernen. Eine Idee, die der Dramaturgie einer barocken Oper angemessener ist als der aktionistische Firlefanz, mit denen sich andere Regisseure zu helfen versuchen. Dennoch: Wäre da nicht die Wirkkraft der Musik Vivaldis, die Spannung des Abends wäre gefährdet. Kassel hat mit dieser – nach der deutschen Erstaufführung in Schwetzingen 2007 – erst zweiten Inszenierung von Vivaldis „L’Olimpiade“ an ein Werk erinnert, die sich auf der Bühne auf Dauer bewähren könnte.

 

 

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