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KARSRUHE/ Staatstheater: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Das Klavier steht im Mittelpunkt. Premiere

Premiere „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner am 10.12.2022 im Badischen Staatstheater/KARLSRUHE

Das Klavier steht im Mittelpunkt

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Konstantin Gorny (Daland). Foto: Arno Kohlem

 

Eine ungewöhnliche Sichtweise bietet die Inszenierung von Ludger Engels im Bühnenbild von Volker Thiele und den Kostümen von Heide Kastler. Der Holländer wird hier nämlich sehr menschlich gezeigt, wobei die unheimlichen Züge nicht fehlen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Klavierflügel, dem irgendwie eine seltsame symbolische Bedeutung zukommt. Doch eine plausible Antwort auf diesen szenischen Einfall bekommt man in der Inszenierung nicht. Im Hintergrund wehen schwarze Tücher und Vorhänge in gespenstischer Weise auf der Bühne. Senta und der fliegende Holländer erscheinen auch als Kinder. Es ist ein mehr oder weniger virtuoses Spiel mit verschiedenen Zeitebenen.

Manchmal scheint die Zeit sogar stehen zu bleiben, ein anderes Mal folgt ein Blick in eine imaginäre Zukunft. Seile fungieren als Spinnennetze, die Seemannschaft montiert den Flügel kurzerhand auseinander. Und der Auftritt des Holländers bei „Die Frist ist um“ hinterfragt noch einmal das Geschehen. Diese Szenen gehören zu den stärkeren Momenten dieser Inszenierung. Im zweiten und dritten Aufzug fällt die Qualität des Bühnenbildes dann merklich ab. Zu viele Showeffekte mit Nähkästchen stören beispielsweise die Szene mit den Spinnerinnen im zweiten Aufzug, wo in Dalands Haus dessen Tochter Senta mit Mary und den Frauen beim Arbeiten sitzt. Schließlich singt Senta die Ballade vom fliegenden Holländer, die das tragische Los dieser Gestalt schildert. Die ekstatischen Momente dieser Szene werden zwar recht gut erfasst, doch fehlt ein noch genauerer Blick für das dramatische Geschehen. Dies betrifft auch die Beziehung Sentas zu Erik, der sie heiraten möchte – und diese Beziehung endet wegen dem Holländer in einer heftigen Eifersuchtstragödie.

Als im dritten Aufzug dann das Volk die Heimkehrenden feiert, herrschen in einem rötlichen Ambiente wieder Glitzer und Glamour vor. Alles bleibt in dieser aufgesetzten Moulin-Rouge-Atmosphäre seltsam an der Oberfläche. Senta weist Erik schließlich ab und schwört dem fliegenden Holländer ewige Treue. Eine gewisse Spannung entsteht in dieser nicht immer gelungenen Inszenierung vor allem dann, wenn der Holländer dem Volk  sein furchtbares Geheimnis enthüllt. Das Holländerschiff versinkt. Der Holländer und Senta bleiben allein zurück.  Doch auch hier fehlt irgendwie die Spannung. Senta stürzt sich beim Ausruf „Preis deinen Engel und sein Gebot! Hier steh ich treu dir bis zum Tod“ nicht in die Flut. Das Motiv der Verklärung wird nicht sichtbar.

Überzeugender als die Inszenierung sind in jedem Fall die musikalischen Leistungen. Unter der impulsiven Leitung von Georg Fritzsch kommen die Verbindung und Verzweigung der thematischen Motive sehr gut zum Vorschein. Und die musikalisch-poetische Wiederkehr des Holländermotivs mit den leeren Quinten und dem Erlösungsmotiv in B-Dur gewinnt hier sehr stark eine leitthematische Bedeutung. Fahles d-Moll, schrille Holzbläser und scharfes Tremolo der Streicher verleihen der Schilderung des Meeres bei der Ouvertüre drastische Deutlichkeit. Mit markanter Grundierung und sonorem Ausdruck gestaltet Thomas Hall  die Partie des  Holländers – und auch die Sopranistin Dorothea Herbert kann der Figur der Senta vor allem gegen Ende großes Format verleihen. Gerade der melodische Reiz des Spinnliedes kommt nicht zu kurz. Mirko Roschkowski als Erik bietet ebenfalls ein packendes Rollenporträt, auch wenn die explosiven Akzente bei manchen Passagen noch präziser zum Ausdruck kommen könnten. Konstantin Gorny singt die Rolle Dalands bei manchen Passagen mit starkem Volumen – doch zuweilen fehlt des Basses Grundgewalt.  In weiteren Rollen überzeugen noch die Mezzosopranistin Julia Faylenbogen als Mary mit warmem Timbre und Michael Porter als Steuermann mit schlank geführten Kantilenen. Markante Akzente erhält auch der Sekundenschritt, wenn der Anker in den Grund sinkt und der Kapitän an Land steigt. Das Erlösungsmotiv rauscht zuletzt triumphierend dahin, auch wenn die szenische Darstellung hinter der musikalischen Gestaltung zurückbleibt. Und zuvor erklingt das Unmutsmotiv während der Enthüllung des Geheimnisses deutlich drohend.  Leonhard Kloes und Ida Müller spielen Holländer und Senta als Kinder.

Eine sehr gute Leistung bietet der von Ulrich Wagner sorgfältig einstudierte Badische Staatsopernchor sowie der Extrachor des Badischen Staatstheaters. Am Ende gab es heftige „Buh“-Rufe für die Inszenierung, aber auch starken Publikumsapplaus für die Sänger. „Bravo“-Rufe erhielt auch der Chor.  

Alexander Walther

 

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