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KARLSRUHE/ Staatsballett: SIEGFRIED – der edle Held als Falke. Ballett-

24.06.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Badisches Staatsballett Karlsruhe: „SIEGFRIED“ 23.6. 2013– der edle Held als Falke


Siegfrieds Welt in Tänzer-Gestalt – das Corps des Badischen Staatsballetts. Copyright: Jochen Klenk

 Nicht erst zum Wagner-Jahr, bereits im Herbst 2011 hat Salzburgs langjähriger Ballettdirektor und Chefchoreograph Peter Breuer für das Badische Staatsballett ein Werk geschaffen, das nun auch in die noch laufende Saison übernommen wurde und sich explizit auf den ersten Teil des Nibelungenliedes, Siegfrieds Leben und Tod konzentriert (Libretto: Andreas Geier, Dramaturgie: Esther Dresen-Schaback ). Der Schwerpunkt wurde auf die emotionale Ebene gelegt, weil erzählerische Fakten durch Tanz nur schwer vermittelbar sind. Die Hauptfiguren erhalten Begleiter in Tiergestalt, die ihre Charaktere entweder erweitern, kontrastieren oder symbolisieren. Das schafft ohne vorherige Information durch das Programmheft anfangs für Verwirrung, erst nach und nach klären sich die Identitäten dieser mythischen Wesen und sorgen schließlich in der Komprimierung des Konflikts für spannende choreographische Verwicklungen aus verschiedenen Kombinationen von realer Figur und Alter ego.

Zentrum des Geschehens ist zwar Siegfried, doch zur eigentlichen Hauptfigur gerät Kriemhild (bei Wagner Gutrune), die zu spät ihre eigene Schuld am Tod ihres Mannes erkennt und in einer hinzugefügten Vision bereits mit dem Erscheinen von Etzel, dem nächsten Helden, konfrontiert wird. Ihre blinde Mutter Ute, von Markéta Elblova in greisenhafter Erscheinung und mit langen weißen Haaren mit beschwörerischem Gestus eindringlich verkörpert, taucht mehrmals, bei sich zuspitzenden Ereignissen von Betrug und Mord als Mahnerin, ja Hellseherin bevorstehender Katastrophen auf.

Die einzelnen Szenen und Stationen auf dem Weg der Verknüpfung der Ehe von Siegfried und Kriemhild mit der betrügerischen Gewinnung Brünnhildes für Gunter werden durch Zwischenvorhänge und nur wenige Requisiten pausenlos zusammengefügt. Eine sehr phantasievolle Eingebung bildet die See-Überfahrt der Männer zur Brautwerbung der isländischen Königin Brünnhilde, in dem sie vor einem von Wellen durchbrochenen blauen Vorhang an Seilen befestigt auf- und abgleiten. Zentrum des meist dunklen, durch Lichtschneisen oder Kreise magisch erhellten Bühnenraumes des ehemaligen Tänzers Dorin Gal ist eine riesige Deckenkonstruktion mit ringförmiger Öffnung, die sich in unterschiedliche Höhenpositionen heben, senken oder auch kippen lässt. Die in schwarz, weiß, verschiedenen Grautönen und nur vereinzelten in rot oder blau gehaltenen Kostüme mit der Kombination aus freiem und benetztem Oberkörper bei den Herren sowie Formen und Applikationen einer sagenumwobenen, romantisch-abenteuerlich angehauchten Vorzeit garantieren ein milieugerechtes Flair ohne dabei zum bloßen oder übertriebenen Ausstellungsträger zu werden. Vor allem erlauben sie die bei Tänzern so wichtige Bewegungs-Flexibilität, zumal Breuer in seiner choreographischen Anlage eine Verflechtung von klassischen Grundlagen und zahlreichen modernen Errungenschaften fordert. Vor allem in den Pas deux mit verschlungenen Hebungen baut er auf den in Crankos Nachfolge erzielten Entwicklungen mit eigenen Variationen auf. Als ausgleichender Gegensatz zu den Großformen stehen minimale Zeichen und Gesten von Nähe und Abneigung. Dazwischen formieren sich Gruppenszenen der Nibelungen, Wormser Bürger, Hochzeitsgesellschaften, aber auch für die bildliche Umsetzung des Drachens, auf dessen Erlegung durch Siegfried die Choreographie einen Rückblick vornimmt, zu synchronen Ensembles mit dynamischen Sprüngen und schnell heraus gestoßenen Armen, die allerdings weniger zur Verdichtung des Geschehens beitragen als vielmehr die Funktion von Brückengliedern und Lückenfüllern einnehmen. Vielleicht verstärkte sich dieser Eindruck noch durch eine nicht ganz konsequent durchgehaltene Stringenz des Corps. Deutlich wurde dies im direkten Zusammenhang mit der musikalischen Pranke, die ausgewählte Ausschnitte aus zwei verschiedenen Ring-Bearbeitungen Wagners, aus zwei Franz Liszt-Kompositionen und mehreren Schöpfungen von John Adams im Spannungsfeld mit der Bühne bilden. Überhaupt erweist sich die Konzentration auf die deutliche Parallelen in der Orchestrierung aufweisenden Komponisten als stimmungsvolle und vorantreibende Komponente, die in der leidenschaftlich strotzenden und doch auch sensiblen Wiedergabe durch die Badische Staatskapelle unter der animierenden Leitung von Christoph Gedschold ein wesentlicher Träger dieses Gesamtkunstwerks bildet und sogar minimale Leerläufe ausgleichen kann.

Zudem können gerade auch die Solotänzer viele ihrer Impulse, ob leis verhangener oder mehr unerbittlich vorantreibender, teils minimalistisch in sich kreisender Natur, direkt aufgreifen. Vor allem bei den beiden Frauen war dies in der hier besuchten Vorstellung zu spüren. Und sie nutzten es ergänzend zu ihren passend verschiedenen Typen gewinnend zur Ausrichtung ihrer Charaktere. Harriet Mills ist eine herrschaftlich um ihre Position und ihre Liebe zu Siegfried kämpfende Brünnhilde mit unnachgiebig powervollem Zuschnitt, manchmal fast zu hartherziger Attitude. Ihr gegenüber beglaubigt Elisiane Büchele die Kriemhild mit weichem, lyrisch zartem Körperduktus, unauffällig klarer Linie und dennoch einem körperlichen Selbstbewusstsein, das sie keineswegs als charakterschwach zwischen den Männern wirken lässt – zumal ihr Bruder Gunther von Arman Aslizadyan als Geschäftsleiter zum Trotz mit der geschichtsgebotenen Schwäche als eher blasser Zeitgenosse gezeichnet wird. Da ist Andrey Shatalin schon aus ganz anderem Holz geschnitzt und verleiht dem hinterlistigen Hagen mit streng unerbittlicher Machtbeanspruchung die bis in schnelle Drehungen hinein wirkende kantige Härte. Bledi Beljeris Siegfried ist wohl ein ausgesprochener Sympathieträger, aber für den Zuschnitt des furchtlosen, spontan und unüberlegt handelnden Helden zu brav, um in seinen Handlungen, aber auch seiner bloßen Präsenz zu überzeugen. Dass er die Choreographie dennoch anständig ausfüllt und auch in der Konfrontation mit Frauen partnerschaftliches Geschick beweist, steht da auf einem ganz anderen Blatt.

Als mythische Begleiter dienten Sabrina Velloso als Siegfrieds weiblicher Anteil, Ronaldo dos Santos als Kriemhilds Macht demonstrierender Adler, der wie in einem ihrer Träume vorhergesehen einen Falken tötet, den Ute wiederum als Synonym für den kommenden Helden deutet, Admill Kuyler als Brünnhildes Pferd und Reginaldo Oliveira als Hagen symbolisch bestimmende Krähe.

Dem Falken leiht Brice Asnar, dem Alberich Zhi Le Xu die mehr bzw. weniger passende Gestalt.

Insgesamt betrachtet kämpft Breuers Choreographie mit einigen Schwächen an Ausdrucks-Defizit im Gruppenbereich, gewinnt andererseits durch die weiteren Aspekte eines Gesamtkunstwerks und so manch eindringlichen Pas de deux-Aufbau.

Langer, aber nicht sonderlich begeisterter Beifall beendete diese Aufführung.

Udo Klebes

 

 

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