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Karina Urbach: QUEEN VICTORIA

17.12.2018 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Karina Urbach:
QUEEN VICTORIA
Die unbeugsame Königin
Eine Biographie
288 Seiten, Beck Verlag, 2018

Sie zählt zu den berühmtesten Königinnen der Welt, zu den längst regierenden (mittlerweile hat ihre Ururenkelin Elizabeth II. sie überholt), man gab dem Zeitalter in Großbritannien ihren Namen: „Viktorianisch“ nennt man es, und es läuft weitestgehend mit jenem von Kaiser Franz Joseph I. parallel (wo sich der Begriff „Franzisko-Josephinisches Zeitalter“ weit weniger eingeprägt hat). Es ist großteils jene Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als durch Industrialisierung und Kolonialisierung gleicherweise riesiger Reichtum wie auch extreme gesellschaftliche Verwerfungen geschaffen wurden. Wie viel hatte „Queen Victoria“ selbst auf ihre Welt Einfluß genommen?

Eine deutsche Biographin für eine Königin, die von den Briten selbst oft und gern als Deutsche verfemt und verflucht wurde, ist für den deutschen Leser angenehm: Karina Urbach kann ihr Thema ohne Emotionen betrachten, und sie tut es auch. Sie muss keine grandiose, überlebensgroße Superfrau schaffen, die an Elizabeth I. Maß nimmt (was ohnedies unmöglich wäre), sie muss aber auch der „unbeugsamen Königin“, wie sie ihr Buch im Untertitel nennt, nicht unbedingt etwas ans Zeug flicken, was zu deren Lebzeiten und danach ununterbrochen der Fall war. („Hagiographien und Hinrichtungen [Victorias] wechseln einander alle zwanzig Jahre ab“, meint die Autorin im Vorwort.) Für Erregungen war diese Victoria jedenfalls immer gut… und eine nüchterne Betrachtung tut Not.

Vor allem aber kann man Klischees aufbrechen und durchleuchten, und das geschieht reichlich. Dass diese Princess Alexandrina Victoria of Kent, geboren am 24. Mai 1819, keine leichte Jugend hat, steht fest. Großvater George III. ist durch seine „Madness“ in die Geschichte (und auch in die Literatur und Populärmedien) eingegangen, von den 15 Kindern, die der Hannoveraner mit seiner deutschen Gattin hatte, war Victorias Vater (den Namen Alexandrina ließ sie später weg, obwohl man sie als Kind „Drina“ nannte) der vierte Sohn. Es mussten schon zahlreiche Todesfälle dazwischen kommen, dass dieses Mädchen – mit einer Mutter aus dem deutschen Haus Sachsen-Coburg-Salfeld – Thronfolgerin und Königin wurde. Ihren Vater hat sie nicht erlebt, er starb ein Jahr nach ihrer Geburt, und die Mutter Viktoria Luise gelangte unter den Einfluß eines dämonischen Ehrgeizlings, Sir John Conroy, der sich schon als künftigen heimlichen Herrscher hinter einer jungen Frau sah. Er war nicht der einzige, der an Victorias Willen scheitern sollte.

Ein anderer Drahtzieher war erfolgreicher, jener Coburger Leopold, der später König Leopold I. von Belgien sein würde, der selbst mit einer britischen Thronfolgerin (einer anderen Enkelin von Georg III.) verheiratet gewesen war, die allerdings starb. Die Ehe seiner älteren Schwester, der verwitweten Viktoria Luise, mit dem Herzog von Kent fädelte er ein. Und dann auch noch die Ehe von Victoria mit seinem Neffen Albert, der vielleicht (die Argumentation lässt es wahrscheinlich klingen) sein Sohn war – als er die vernachlässigte Gattin seines älteren Bruders „tröstete“…

Die „Liebesheirat“ von Victoria und Albert, die uns schon Romy Schneider in „Mädchenjahre einer Königin“ vorgespielt hat und die seither Fernsehserien bestückt, war keinesfalls auf Anhieb eine solche. Victoria, die in einer Welt dysfunktionaler Ehen lebte, wollte gar nicht heiraten, als sie mit 18 (!!!) Jahren am 20. Juni 1837 den Thron bestieg. Leopold hatte Albert auf seinen Job, Victoria zu gewinnen, regelrecht gedrillt und alles getan, um ihn so in Position zu bringen, dass der hübsche junge Mann (drei Monate jünger als Victoria) der kleinen (körperlich kleinen, was sie stets störte) Königin dann unwiderstehlich ins Auge fiel – sie hatte eine Vorliebe für schöne Menschen. Leopolds Schachzug führte zum Schachmatt der Nichte zugunsten des Neffen (oder Sohnes): Sie heirateten im Jahr 1840, bekamen neun Kinder (was Victoria gar nicht freute), waren unendlich verschieden und liebten sich dennoch sehr – und Albert nahm (Intelligenz und Kalkül hatte er seiner Frau voraus ebenso wie künstlerische Begabungen und Interessen) nach und nach seine Stellung nicht nur in der Familie, sondern auch in der Regierung ein, wie er es von Anfang an angestrebt hatte. Der „Prince Consort“ war der heimliche Regent, so weit die königliche Macht eben reichte.

Die Autorin erzählt – übersichtlich, klar und leidenschaftslos – nun die „Doppelbiographie“ der beiden nach, denn bis zu seinem frühen Tod 1861 waren Victoria und Albert nicht zu trennen. Dass auch die heutige englische Königin die „Familie“ als „Firma“ bezeichnet, geht auf Albert zurück. Er hat – nicht zuletzt durch die Gemälde von Franz Xaver Winterhalter (der auch das weltberühmte Bildnis von Kaiserin Elisabeth von Österreich mit Sternen im Haar malte) – die Familie medial vermarktet, hat den Royals neue Gebäude gebaut (darunter Schloß Balmoral), sorgte für positive Zeitungsartikel. (Dass Victoria und Albert untereinander und mit den Kindern Deutsch sprachen, machte man nicht publik.) Dabei wurden die Kinder als glücklicher Nachwuchs präsentiert, was sie alle neun absolut nicht waren. Victoria war alles andere als eine ambitionierte Mutter, Albert arbeitete sich (vielleicht aus Eskapismus, um der Familie zu entkommen, wie die Autorin vermutet) zu Tode. Er wusste, man musste den Briten eine glückliche königliche Familie zeigen, damit das Volk Bindungen entwickeln konnte – wie es wirklich aussah, war unwesentlich. (Und das hat sich wohl bis heute kaum geändert.)

Aber ein langes Leben wie jenes von Victoria ist nicht nur eine Liebes-, Ehe– und Familiengeschichte, sie überlebte Albert um 40 Jahre. Die Königin hatte theoretisch Macht, wenngleich die Regierung im Parlament (zwischen wild rivalisierenden Whigs und Tories) stattfand und in den Händen wechselnder Premierminister lag, mit denen sie „konnte“ (wie mit Disraeli – Antisemitismus war keine ihrer schlechten Eigenschaften) oder auch nicht. In ihre Epoche fiel die Industrialisierung, die mit der Ausbeutung weiter Teile der Bevölkerung Hand in Hand ging. (Als die junge Victoria anlässlich der Lektüre von „Oliver Twist“ soziale Ambitionen zeigte, regte man an, sie möge ihnen besser nicht nachgeben.) Hungersnöte in Irland (die man den Engländern zuschrieb) und Fehlentscheidungen radikalisierten das Irland-Problem. Die Briten bekämpften im Süden Afrikas die Buren, Cecil Rhodes schuf die Kolonie Rhodesien – und „Kaiserin von Indien“ zu sein, war Victoria ein persönliches Anliegen: Dass es einen Kaiser von Österreich gab, einen deutschen Kaiser (später ihr Enkel Wilhelm II.) und einen russischen Zaren, und dass sie, die sich als Mächtigste von allen erachtete, „nur“ Königin sein sollte, widersprach ihrem Selbstgefühl. Welche Völkerrechtsverbrechen im Namen ihres „Empire“ und damit in ihrem Namen geschahen, hat Victoria nie wahrgenommen – aber diese Betrachtung lag damals nicht im Blickwinkel der „Herrschenden Klasse“…

Victoria ist in den letzten Jahren als die „alte Königin“ populär geworden – in Gestalt von Judi Dench erlebte sie auf der Kinoleinwand ihre Beziehung zu dem Schotten John Brown (obwohl sie auf ungesunde Art exzessiv um Albert trauerte, war sie doch zu einer weiteren Beziehung bereit) und mit dem Inder Abdul, der ihr einziger echter Konnex zu Indien war, abgesehen von dem Reichtum, der hereinfloß.

Die alte Königin / Kaiserin legte für jeden ihrer Enkel (die meisten lebten in Deutschland) ausführliche Fotoalben an und versuchte bis zum Ende Einfluß zu nehmen. Dass sie – als Erste ihrer Familie – durch fehlerhafte DNA die Bluterkrankheit weitergab, an ihren Sohn Leopold und an drei ihrer Töchter als Trägerinnen der Krankheit, hat dann über ihre Enkelin Alexandra zu den schweren Problemen der Zarenfamilie (der Bluter-Zarewitsch, Rasputin) beigetragen.

Karina Urbach belässt es nicht dabei, Victorias Schicksal von der Wiege bis zur Bahre (sie starb am 22. Januar 1901 im Osborne House auf der Isle of Wight, das Albert für die Familie hatte errichten lassen) zu erzählen, sehr lesbar, sehr übersichtlich, doch nie oberflächlich.

Die Probleme, die die „Deutschen“ auf Englands Thron mit sich brachten (die Autorin nennt sie die „berühmteste Einwandererfamilie Großbritanniens“), brachen so richtig im Ersten Weltkrieg aus, als ihre Enkel und Urenkel sich auf den verschiedenen Seiten fanden, nachher bei den Siegern oder Verlierern waren. Ein tragischer Aspekt, der nicht so bekannt ist: Die russische Regierung fragte bei Victorias Enkel, George V., an, ob man die Zarenfamilie ins englische Exil schicken könnte. Der Premierminister meinte, selbstverständlich, und fragte beim König nur an, welches Schloß man ihnen zur Verfügung stellen sollte. George V. fand es aber nicht opportun, die Verwandten (Alexandra war eine Cousine ersten Grades, ihre Mutter und sein Vater waren Geschwister) aufzunehmen, stand man doch im Krieg auf verschiedenen Seiten. So kam es zur Hinmetzelung der Zarenfamilie…

„Großmamas Clan“, wie ihre Kindeskinder und deren Kinder sich nannten, zerbrach: Ihre Enkelinnen mochten Königinnen (in Griechenland, Rumänien, Norwegen, Spanien) sein, der verschärfte Nationalismus, der Europa zerriß, erledigte auch die so vielfach vernetzten „großen Familien“ der Kaiser und Könige. Die Engländer nannten sich schon im Ersten Weltkrieg „Windsor“, um ihre doppelten deutschen Wurzeln (Hannoveraner und Coburger) zu vertuschen, und wer bei ihnen leben wollte, musste seinen deutschen Namen ablegen – so konnte Victorias Ururenkelin Elizabeth Victorias Ururenkel Philip Mountbatten (nicht Battenberg) heiraten.

Dass sich unter den „Windsors“ dann immer noch höchst unerwünschte  „Deutschland-Freunde“ fanden, das bewies der Herzog von Windsor (von dem es ein Kinderfoto mit der alten Victoria gibt) durch seine Sympathien für die Nationalsozialisten…

Man möchte als fast einziges Defizit des Buches vermerken, dass es zwar im Vorsatz und im Nachsatz verschiedene Stammtafeln gibt, aber gerade weil die Autorin auch in der Nachkommenschaft so weit ausgreift, scheinen die Angaben unzureichend. Da hätte man schon noch zahlreiche Familienstränge mit Gewinn verfolgen können. „Stammmutter Victoria“ ist ja ein fast so großes Thema wie ihre Lebensgeschichte.

Renate Wagner

 

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