Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

JÜDISCHES OTTAKRING UND HERNALS

11.06.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Evelyn Adunka / Gabriele Anderl
JÜDISCHES OTTAKRING UND HERNALS
400 Seiten, Mandelbaum Verlag, 2020

Oft wird man von ganz unbewussten Vorurteilen beherrscht. Wiener Juden anno dazumal, sprich vor 1938, vor allem noch in der Monarchie – das waren im allgemeinen Bewusstsein entweder die armen, orthodoxen Bewohner der Leopoldstadt, die ihr Galizien noch mit sich trugen, oder die assimilierten, reichen, gebildeten Juden zwischen Innerer Stadt und Cottage.

Aber inzwischen weiß man, dass es in allen Wiener Bezirken jüdische Bevölkerung gab, auch in Ottakring und Hernals, den klassischen „Arbeitervierteln“ von Wien. Die Geschichte der Juden wird nun in allen Wiener Bezirken aufgearbeitet, und gerade „Ottakring und Hernals“, mit unendlichem Fleiß aus den Archiven und der „Oral History“ geholt von den Autorinnen Evelyn Adunka und Gabriele Anderl, erweisen sich als besonders ergiebig.

Schon vor der Eingemeindung der niederösterreichischen Randgebiete 1892 in den nunmehrigen Großraum Wien, hatten die rund 8.500 dort ansässigen Juden im Jahr 1874 die „Cultusgemeinde von Hernals, Ottakring und Neulerchenfeld“ begründet, obwohl an den vielen jüdischen Schicksalen, die dieses Buch hervorholt, nicht nur gläubige Juden erwähnt werden, sondern auch konvertierte oder glaubenslose. Sie alle wurden spätestens von den Nationalsozialisten auf ihre „Rasse“ zurück geworfen.

Dass bis heute gerade Ottakring und Hernals, der 16. und 17. Wiener Gemeindebezirk, als „proletarische“ Orte gelten (mit starkem Anteil an Zuwanderern), hat die jüdische Bevölkerung zur Zeit der Monarchie nicht gehindert, ihren Weg zu machen – von kleinbürgerlichen Gewerbetreibenden bis zu großbürgerlichen Industriellen, mit einem starken Anteil an Künstlern und Wissenschaftlern, die in diesem Buch alle gewürdigt werden. Es gab vier Bethäuser in Ottakring und Hernals, aber gerade mit dem Tempel in der Hubergasse (nicht mehr existent, ein Bild ist auf dem Schutzumschlag des Buches) hatte die jüdische Bevölkerung ein besonders repräsentatives Gebäude zur Ausübung ihres Glaubens.

Mit der Ottakringer Brauerei gab es eine große Fabrik, die sich lange Zeit in Besitz der weit verzweigten Familie Kuffner befand, die als große Wohltäter galten. Moriz von Kuffner hat die bis heute existierende Kuffnersche Sternwarte errichten lassen. Er zählte zu den Stiftern des Musikvereins, und seine Kunstsammlung war so edel, dass Hitler selbst Stücke daraus für seine eigene Sammlung einforderte…

In der Folge listet das Buch in unterschiedlich langen Beiträgen die Biographien von „Ottakringern“ und „Hernalsern“ jüdischer Herkunft auf. Nicht alle Namen kennt man noch, bei den Schriftstellern beispielweise Albert Ehrenstein weniger wegen seiner einst geschätzten expressionistischen Dichtungen, als weil er sich im Kreis um Karl Kraus bewegt hat. Fritz Mandelbaum, der sich im Exil „Frederic Morton“ nannte, hat viel gelesene Romane geschrieben, in denen er auf seine Zeit in Wien zurück blickt.

Zu den bis in die Gegenwart bekannten Namen, denen man begegnet, zählen der Operettenkomponist Edmund Eysler (dessen „Goldene Meisterin“ manchmal noch in den Spielplänen erscheint), Alfred Adler, der im Gegensatz zu Sigmund Freud die „Individualpsychologie“ entwickelte, oder die beiden Maler Arik Brauer und Ernst Fuchs. Letzterer wird allerdings, nicht ganz erklärlich, mit gerade 14 Zeilen (!) abgetan. Weil er „nur“ Halbjude war und den Krieg als getauftes Kind in einem christlichen Kinderheim überlebte? Das mindert wohl seine späteren Leistungen nicht, die ihn weltberühmt machten.

Aber es geht den Autorinnen nicht so sehr darum, wie berühmt die Juden aus diesen Bezirken geworden sind, sondern um eine möglichst breite Aufarbeitung von Einzelschicksalen, wobei auch lange Listen von Rechtsanwälten, Ärzten und Apotheken in den Bezirken erstellt werden. Breiten Raum nehmen jene Schilderungen ein, in denen die Schicksale rund um 1938 und danach erzählt werden – wobei es öfter auf „deportiert und ermordet“ als auf die Emigration hinaus lief.

Manche kehrten zurück, wobei Evamarie Kallir heute in einer Substandardwohnung in Ottakring lebt – die Tochter jenes Otto Kallir-Nirenstein, der als Galerist und Kunsthändler eine so überragende Rolle in Österreichs Kunstgeschichte (und später auch in New York) spielte. Sie zählt zu jenen Juden, die nach ihrer Rückkehr (sie war dann als Sozialarbeiterin tätig) versuchten, die Bitterkeit zugunsten einer positiven Einstellung zu überwinden.

Wie immer ist jüdische Geschichte ein wichtiger Teil der österreichischen Geschichte und auch Identität. Die Fülle der meist tragischen Schicksale lässt dem Leser den Kopf schwirren, nötigt aber auch ganz große Bewunderung ab.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken