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JUAN DIEGO FLOREZ: Wir sind es, die auf der Bühne stehen

31.01.2019 | INTERVIEWS, Sänger

 
Foto: Gregor_Hohenberg / Website Wiener Staatsoper

JUAN DIEGO FLOREZ

„Wir sind es, die auf der Bühne stehen“

Juan Diego Florez will nur noch wenig Oper singen, um nicht zu viel von daheim weg zu sein. Welch ein Glück für die Staatsoper und das Wiener Publikum, dass er mit seiner Familie in Wien lebt – und man folglich hier derzeit und künftig am meisten von ihm hören und sehen kann. Demnächst erstmals den Edgardo in der „Lucia di Lammermoor“, für deren Premiere geprobt wird und wo er eine neue Deutung der Rolle bieten wird.

Das Interview führte Renate Wagner in englischer Sprache, weil Florez zwar „beim Einkaufen“ und mit anderen Wienern Deutsch spricht – aber noch nicht so gut, wie er gerne möchte…

Herr Florez, der Edgardo in der „Lucia di Lammermoor“ ist nach all den heiteren Donizettis – Ihr Nemorino, Ihr Tonio, Ihr Ernesto – der erste Ausflug ins tragische Donizetti-Fach. Es ist auch eine dramatischere Rolle als die anderen – schwieriger zu singen als die vielen hohen „C“ des Tonio?

Eigentlich nicht, heute für mich nicht, so wie sich meine Stimme entwickelt hat. Man muss einfach mehr dramatischeren Nachdruck geben, auch mehr gestalten. Zumal der Edgardo in der kommenden Wiener Aufführung anders angelegt ist als üblich.

Sie kennen die Rolle ja von anderen Inszenierungen?

Ja, in Barcelona war Damiano Michieletto der Regisseur, das war ziemlich abstrakt. Gut gefallen hat mir die Münchner Aufführung von Barbara Wysocka. Da spielte die Geschichte in den amerikanischen Fünfziger Jahren, mit mir als einer Art James Dean – das war ein erfrischender Zugang. Laurent Pelly sieht das Werk hier in Wien düsterer. Und vor allem hat er sich ausgedacht, dass Edgardo Lucia nicht wirklich liebt, sondern sie wie alle anderen Männer rund um sie nur benützt – in diesem Fall aus Rache an ihrer Familie und aus politischen Motiven. Aber was mich betrifft, so muss ihm zumindest in der wunderbaren Sterbeszene, die Donizetti wie einen inneren Monolog der Erkenntnis komponiert hat, klar werden, dass er sie doch geliebt hat…

Sie und „Lucia“ Olga Peretyatko sind alte Bekannte, von frühen Rossini-Tagen in Pesaro bis zu Ihrem gemeinsamen „Hoffmann“ in Monte Carlo?

Ja, und das ist natürlich bei der Arbeit angenehm, nicht nur, weil man viel Spaß miteinander hat. Man flüstert sich dann auch verschwörerisch zu: „Wie machen wir das am besten?“ Natürlich hat der Regisseur ein Konzept, und das von Laurent Pelly macht Sinn, aber es geht wohl um Details. Wir Sänger sind es, die auf der Bühne stehen, wir spüren genau, was das Publikum akzeptiert oder nicht. Wir haben es hier sicher mit einer intelligenten Produktion zu tun – aber es ist Oper, es geht auch um die Sänger.

Edgardo ist nur eine jener dramatischeren Rollen, mit der Sie schon seit Jahren Ihr Image aufbrechen, „der“, aber auch „nur“ ein Belcanto-Sänger zu sein. Sie haben einmal gesagt, der Alfredo in „La Traviata“ interessiere Sie nicht – und nun haben Sie ihn mit Diana Damrau an der Met doch gesungen?

Ja, weil mir klar geworden ist, dass man als Tenor um diese Partie nicht herumkommt, damit könnte man wahrscheinlich – ebenso wie mit dem Nemorino – bis ans Lebensende seine Karriere bestreiten. Aber ich habe den Alfredo derzeit nicht noch einmal vor – und die Met auch nicht, weil sie mich einfach zu lange von meiner Familie fern hält. Ich gebe trotz neuer Rollen mein altes Fach nicht auf. Demnächst singe ich in Wien wieder den Rossini-Almavvia im „Barbier von Sevilla“. Und ich werde im „Giullaume Tell“ wieder den Arnoldo singen, wie ich es schon früher getan habe.

Eigentlich ist es das französische Repertoire, das für Sie wichtig wird und schon ist – nach Ihrem „Romeo“ der „Werther“, wo man die Züricher Aufführung glücklicherweise auf DVD sehen kann, der „Hoffmann“, und jetzt kommt dann der Des Grieux, den Sie nach Paris auch diese Spielzeit noch in Wien vorstellen werden?

Ja, und der „Faust“ von Gounod ist auch schon eingeplant, und mit diesem Repertoire kann ich, glaube ich, die nächsten Jahre bestreiten. Gewisse „klassische“ Rollen kommen ja immer wieder, der „Rigoletto“-Herzog an der Scala, Werther und Hoffmann in Covent Garden. Die französischen Partien vereinigen Romantik, Passion und Delikatesse, das mag ich sehr. Und eines Tages will ich Mozart singen – den Don Ottavio oder auch den Tamino, aber dazu muss mein Deutsch noch besser werden.

Nur noch wenige Opernengagements pro Spielzeit und nur in Europa – immerhin Wien, Mailand, Paris, London, Barcelona, München, Zürich – , aber Sie kompensieren das durch eine große Zahl von Soloabenden mit Arien und Liedern?

Ja, denn das ist – immer mit Hinblick auf die Familie – nicht zeitaufwendig, sondern innerhalb Europas in wenigen Tagen zu machen. Außerdem erreicht man live weit mehr Publikum, als in Opernhäuser kommen, und auch an entlegeneren Orten. Und diese Zuschauer wollen dann spezifisch mich sehen, und man kann ihnen einen Abend lang alles geben.

Und am Ende zur Gitarre greifen…

Ja, das mache ich immer, und es ist immer ein großer Erfolg.

Wenn Sie in Wien daheim sind und nicht proben und nicht singen – wie lebt Juan Diego Florez?

Wie ein Ehemann und Familienvater, der seine Kinder in die Schule und den Kindergarten bringt und wieder abholt, der mit ihnen am Sonntag zur Marswiese klettern geht, der abends gern Konzerte besucht, natürlich viel mit seinen Auftritten zu organisieren hat… Und dann habe ich ja noch mein eigenes Büro für meine Stiftung „Sinfonía por el Perú“, die mir sehr am Herzen liegt. Es geht darum, im Land meiner Geburt sozial benachteiligten Kindern, die keine Chance auf musikalische Ausbildung haben, in Musikschulen zu ermöglichen, ein Instrument zu lernen oder im Chor zu singen. Derzeit betreuen wir 8000 Kinder – das ist ganz wichtig in meinem Leben. Und so sind meine Tage in Wien auch völlig ausgefüllt, wenn ich gerade nicht singe…

Ihren Fans zum Trost gesagt, sind es doch drei Rollen in dieser Spielzeit. Viel Erfolg, und danke für das Gespräch!

 

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