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JUAN DIEGO FLÓREZ: Musik vom Himmel

22.04.2015 | INTERVIEWS, Sänger

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Foto: Barbara Zeininger

JUAN DIEGO FLÓREZ

Musik vom Himmel

Juan Diego Flórez findet gar nicht, dass der Ernesto in Donizettis „Don Pasquale“ eine undankbare Partie ist, im Gegenteil, er bekommt die wunderbarsten Dinge zu singen. Im übrigen beruhigt der österreichische Kammersänger, der in Wien lebt, seine Fans: Wenn er demnächst auch einige Rollen des „schwereren“ Repertoires singen wird, so bleibt er doch dem Belcanto treu, seine Feuerwerke herrlichster Spitzentöne werden nicht verstummen…

Von Renate Wagner

Herr Kammersänger Flórez, Sie übernehmen in der Staatsopern-Neuinszenierung des „Don Pasquale“ die Rolle des Ernesto, eine, wie alle übereinstimmen, in der Darstellung  nicht übertrieben effektvolle Partie…

Es stimmt, dass Ernesto ein wenig im Hintergrund bleibt, er ist faul, er ist ein Muttersöhnchen und Nesthocker, wenn man so sagen will, aber er kommt doch recht liebenswert heraus. Und vergessen Sie eines nicht: Er hat an diesem Abend die allerschönsten Dinge zu singen! (Und dann kommt die Interviewerin in den Genuß einer Privatvorstellung, weil Flórez alle schönen Melodien des Ernesto teils summt, teils ansingt, um sein Argument zu erhärten.)   Und bei der Serenade wird es dann einen ganz witzigen Moment geben, wo ich anfange zu improvisieren… Sicher gehört das, was Ernesto singen darf, zum Besten, was Donizetti geschrieben hat, das ist Musik vom Himmel!

Aber wir sind uns einig, dass es bei Donizetti Rollen gibt, die mehr darstellerische Möglichkeiten bieten, der Nemorino zum Beispiel. Als Sie in Wien Vorstellungen abgesagt haben, hieß es, Sie wollten vielleicht einige Rollen Ihres alten Repertoires nicht mehr singen – was Ihre Fans vermutlich in Verzweiflung geschleudert hat.

Also, das muss ein Missverständnis sein – selbstverständlich werde ich den Nemorino weiter singen, auch den Tonio, vor ein paar Tagen bin ich in der „Italiana“ als Lindoro eingesprungen und habe wieder gemerkt, wie viel Spaß mir diese Rolle macht. Nein, ich werde absolut mein „altes“ Repertoire beibehalten. An der Scala singe ich demnächst in Rossinis „Otello“, in Pesaro die „Messa di Gloria“, da ändert sich nichts.

Dennoch – mit Ausnahme des Rinuccio in „Gianni Schicchi“ haben wir Sie in Wien bisher ausschließlich im Rossini / Donzietti / Bellini-Repertoire erlebt. Das wird sich geradezu dramatisch ändern, wenn Sie nächstes Jahr an der Staatsoper den Herzog im „Rigoletto“ und den Gounod’schen „Romeo“ singen werden. Der Werther, dessen Arie Sie ja bei Ihrer Gala so wunderbar interpretiert haben, steht auch auf Ihrem zukünftigen Programm – das klingt ja fast dramatisch nach einem Fachwechsel.

Meine Stimme ist im Zentrum breiter und stärker geworden, das gibt mir die Möglichkeit, jetzt gewisse Rollen zu singen. Etwa den Herzog in „Rigoletto“, den ich ja schon vor Jahren versucht und dann zurückgelegt habe, aber jetzt wieder in Zürich probiert und es ging sehr gut. Es ist schön, dass ich gerade in Wien dann mit dem in der Staatsoper vorhandenen Repertoire die neuen Rollen, die ich liebe, vorstellen kann.

Irgendwo habe ich gelesen, Sie hätten Ihre „Technik geändert“?

Ich habe seit zwanzig Jahren keinen Gesangslehrer mehr, nur ein paar Leute, die mir gut zuhören und Ratschläge geben. Wenn meine Stimme sich ändert, muss ich mich darauf einstellen, sie anpassen, damit ich mich bei dem, was sich singe, immer wohl fühle. Der Trick besteht ganz einfach darin, die Stimme nicht zu forcieren. Nicht in einer Note! Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, etwa im Stile von Alfredo Kraus immer dramatischere Partien mit völliger Leichtigkeit zu singen. Mir stehen jetzt neue Partien offen, der Edgardo in der „Lucia di Lammermoor“ zum Beispiel, den ich erstmals im Dezember in Barcelona mache. Aber ich werde nicht singen, was mir nicht liegt. Den Rigoletto-Herzog ja, den Alfredo wahrscheinlich nicht, da liegt die Tessitura tiefer, und ich finde die Rolle auch nicht sehr interessant.

Dieser Herzog wird etwas von Ihnen fordern, was Ihnen sicher noch nicht oft untergekommen ist – einen Villain, einen „Bösewicht“.

Ganz so sehe ich das nicht, ich denke, er hat auch seine sympathischen Züge. Das ist einfach ein reicher junger Mann, der ungestraft alles tun kann und sich um nichts schert… Ich versuche, jede Figur aus ihrem Inneren heraus zu verstehen, dann kann ich sie auch spielen. Ich weiß nur nicht, ob ich in der Wiener „Rigoletto“-Aufführung gerne diese strähnige Perücke tragen werde, die Piotr Beczała am Kopf gehabt hat…

Herr Kammersänger, leben Sie eigentlich in Wien?

Ja, seit einem Jahr haben meine Frau und ich ein Haus im 4. Bezirk, unser Sohn geht schon in den Kindergarten, beide Kinder sollen einmal hier in die Schule gehen. Wir sind sehr glücklich in Wien, das ist schließlich die Stadt, wo ich meine Frau kennen gelernt habe. Wir behalten nur unser Sommerhaus in Pesaro, weil ich einfach Rossini in jeder Hinsicht treu bleibe.

Mit Ihnen und Johan Botha in Wien ansässig, hat Direktor Meyer für jedes Fach einen Weltklassetenor zum Einspringen bei der Hand?

Sie sehen ja, dass ich es bei der „Italiana“ ohne weiteres gemacht habe, ich bin da nicht schwierig und lasse mich nicht groß bitten. Ich habe im „richtigen Leben“ ein ganz schlechtes Gedächtnis, aber ich merke mir Rollen – die Musik, die Texte, ich merke mir auch Inszenierungen, in denen ich gesungen habe, da steige ich ganz schnell ein. Den Ernesto in „Don Pasquale“ habe ich zuletzt 2007 in Zürich gemacht, und er war eigentlich gleich wieder da.

Wenn Sie nun glücklicherweise auch jenem Belcanto-Repertoire treu bleiben, für das gerade Sie ein „Markenzeichen“ in der Welt der Oper sind – bevorzugen Sie eigentlich einen der „großen Drei!?

Rossini, der ist wie das wirkliche Leben, ich liebe beispielsweise den Grafen im „Barbier“, und es ist hart, die anderen zu vergleichen, denn nachdem alle angefangen haben, wie Rossini zu komponieren, haben sie doch ganz zu ihrem eigenen Stil gefunden. Bellini ist so ein Drama in sich, und Donizetti, wie gesagt – die herrlichsten Melodien. Da kann man sich nicht entscheiden.

Sie haben kürzlich auch in Wien einen Benefiz-Galaabend für die Initiative „Sinfonia por el Perú“ gegeben. Spielt das in Ihrem Leben eine große Rolle? 

Natürlich, ich fahre jedes Jahr zurück nach Peru, gebe auch dort Konzerte, aber eigentlich überall in der Welt, und glücklicherweise finde ich überall Kollegen – „Juan Diego Florez and Friends“! -, die bereit sind, hier ohne Gage mit zu machen, damit wir Geld für die Kinder meines Geburtslandes sammeln. Sie sollen die Gelegenheit bekommen, Musik zu machen – ich halte das für die Möglichkeit, ein Tor zu einem neuen, besseren Leben für sie aufzustoßen.

Herr Kammersänger, sind Sie, wie alle großen Stars, bis 2020 ausgebucht?

Ja, grundsätzlich schon, aber ich will nicht zu viel machen. Man braucht auch Freiraum („Space“) – für neue Rollen, für die Familie.

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Mit bildschöner Partnerin Valentina Nafornită im Teesalon der Staatsoper  /  Foto: Barbara Zeininger

 

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