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JOHANN MICHAEL HAYDN

07.09.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Eva M. Stöckler & Agnes Brandter (Hg.)
„… dauert ewig schön und unveraltet …“
Johann Michael Haydn – kein vergessener Meister!
234 Seiten, Hollitzer Wissenschaftsverlag, 2020

Jüngere Brüder stehen nun einmal im Schatten der berühmten älteren, mögen ihre eigenen Leistungen noch so bemerkenswert sein. Manche Musikwissenschaftler meinen beispielsweise, Josef Strauß sei im Vergleich zu Johann jr. der begabtere Komponist gewesen… Über dem Glanz, der von dem Namen Joseph Haydn ausgeht, hat man auf dessen Bruder „Michael Haydn“ (eigentlich Johann Michael) in der Nachwelt fast vergessen. Zu Unrecht, wie man gerne glauben mag. Ein Band, den die Bundesländer Niederösterreich und Salzburg nun dem anderen Haydn widmen, stellt dessen Bedeutung ins volle Rampenlicht.

Das Buch mit dem etwas pompösen Titel „… dauert ewig schön und unveraltet …“- Johann Michael Haydn – kein vergessener Meister! ist keine Biographie im üblichen Sinn, sondern ein Sammelband, in dem Historiker und Musikwissenschaftler das Leben des „Salzburger Haydn“ (wie er von seinem in seinen späten Jahren weltberühmten Bruder abgegrenzt wurde) umkreisen. Natürlich erfährt man auch viel Biographisches über den Mann, der als zweiter von drei Söhnen der Haydn-Familie überlebte: Auf Franz Joseph, geboren 1732, folgten Johann Michael 1737 und dann noch Johann Evangelist im Jahre 1743. Alle Buben waren hoch musikalisch und hatten schöne Singstimmen, aber nur der letzte machte als Tenor seine Stimme zum Beruf. Ein sehr schöner Artikel von Herausgeberin Agnes Brandtner, „Kind sein in Rohrau“, schildert die Kindheit der Haydn-Buben mit den mannigfaltigen musikalischen Eindrücken, in deren Dunstkreis sie aufwuchsen.

Franz und Michael (von der Familie „Hansmichel“ genannt) wurden Komponisten, wenn sie auch verschiedene Wege gingen. Kurze Zeit  waren sie wohl gemeinsam in Wien Chorknaben im Stephansdom, wo sie eine nicht nur musikalische, sondern umfassende Ausbildung erhielten.

Dann trennten sich ihre Wege. Während Joseph jahrzehntelang im Dienst der Esterhazy stand (es dauerte mehr als ein Vierteljahrhundert, bis die Brüder einander wieder sahen), landete Michael zuerst im ungarischen Großwardein: Das war Provinz, das war die Schule des Lernens für künftigere größere Aufgaben.

Solche fand Michael Haydn in Salzburg, wo er sein Leben lang bleiben sollte – zufrieden damit, sich kaum weiter von seiner erwählten zweiten Heimat zu entfernen als in Richtung der zahlreichen Klöster und Stifte, die er auch mit seiner Musik belieferte. Denn Kirchenmusik wurde und blieb seine Spezialität, war das Feld, auf dem er sein Bestes leistete, wenn er im Dienst von Salzburger Fürsterzbischöfen (zuerst Sigismund Christoph Graf Schrattenbach, dann der reformwillige Hieronymus Graf Colloredo) gelegentlich auch „für das Theater“ schreiben musste, was aber nie über Salzburg hinaus gelangte.

Während der junge Wolfgang Amadeus Mozart äußerst freundschaftlich mit Michael Haydn verkehrte, den er sehr schätzte, gibt es in Briefen viele böswillige Bemerkungen von Leopold Mozart, der mögliche „Rivalen“ seines Sohnes (und seiner selbst) genau und giftig beobachtete. Natürlich gab es am Salzburger Hof heftige Intrigen wie überall sonst auch, stritten viele und auch begabte Musiker darum, an die hiesigen Futtertröge zu gelangen.

Tatsächlich aber erzählen die Zeitgenossen von diesem Haydn menschlich nur Gutes – keiner, der sich in den Vordergrund drängte, einer, dessen Bescheidenheit vermutlich auch daran schuld ist, dass die Nachwelt so wenig von ihm weiß. Auch erklingt Kirchenmusik nicht so oft in Konzertsälen wie die Symphonien des Bruders oder gar, in Opernhäusern, die Opern Mozarts. Und Michael hat sich, im Gegensatz zu Joseph, kaum um Drucklegung seines Schaffens bemüht.

Ein Mann, dessen Talent musikalisch bedeutend war, hat sich durch seinen friedfertigen Charakter selbst in den Hintergrund katapultiert. Dabei war er zu seinen Lebzeiten so geschätzt, dass man ihn etwa bei einem Wien-Besuch (wo er auch den Bruder wiedersah) auf der Straße erkannte. Kaiserin Marie Therese, die zweite Gattin von Kaiser Franz I., bestellte Musik bei ihm. Schubert schätzte ihn sehr. Und abgesehen vom Biographischen, das sich aus mehreren Artikeln des Buches zusammensetzt, bieten Musikwissenschaftler Analysen seiner Qualitäten, wobei festgestellt wird, dass es die inspirierende Konkurrenz des um fast zwanzig Jahre jüngeren, aber immer genialen Mozart war, die den „Haydn aus Salzburg“ in seinen Kompositionen wagemutig und experimentierfreudig werden ließ. Übrigens hat auch Michael Haydns Schillers „An die Freude“ vertont – nur wurde bei ihm ein Trinklied daraus… Man erfährt auch sehr viel in diesem Buch über die Musiktraditionen an den österreichischen Klöstern von damals.

Verheiratet mit der Sängerin Maria Magdalena Lipp (ihr Vater war Hoforganist in Salzburg), starb die einzige Tochter des Paares, was ihn tief betrübte. Nach 43 Jahren in Salzburg (in seinen späteren Lebensjahren war er auch ein gefragter Lehrer, nur Carl Maria von Weber bewahrte ihm diesbezüglich kein gutes Andenken) starb Michael Haydn 1806, drei Jahre vor dem älteren und berühmteren Bruder, neben dem er zu Lebzeiten seinen eigenen Platz behauptete, der ihn aber in der Nachwelt gänzlich überschattete. Kaum etwas von den 838 Werken in nahezu allen Musikgattungen seiner Zeit (mit Schwerpunkt Kirchenmusik) ist noch lebendig. Das Buch jedenfalls überzeugt den Leser davon, dass sich die Beschäftigung mit dieser Künstlerpersönlichkeit lohnt.

Renate Wagner

 

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