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Jessye Norman / James Levine: Liederabend

14.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Lieder Jessye Norman

Jessye Norman / James Levine: Liederabend
Salzburger Festspiele 1991
ORFEO CD

16 Jahre war sie den Salzburger Festspielen mit Soloabenden treu. Die amerikanische Sopranistin mit Wohnsitz in Paris prägte eine Epoche des Gesangs mit musikalischen und außermusikalischen Mitteln. Gesegnet mit einer prächtig timbrierten, leuchtenden Stimme, die in ihrer besten Zeit von üppiger Altlage bis zu lichten Höhen alles drauf hatte, waren ihre Auftritte immer auch gesellschaftliche Events. Eines der Markenzeichen war eine klug arrangierte Selbst-Inszenierung, in der exquisite Haute Couture, wirkungsvoller Auftritt und alle einer Diva zugeschriebenen Attribute nicht unwesentlich zum Erfolg beitrugen. Ging man zu Norman, war man Gast bei einer modernen Königin von Saba.

ORFEO bringt nun offiziell basierend auf den Original-Rundfunkbändern einen Liederabend aus dem Jahr 1991 heraus, bei dem James Levine den Klavierpart innehatte. Reduziert auf die rein akustische Seite ist wohl manches kritisch anzumerken. Etwa dass Jessye Norman bei den das Konzert einleitenden Richard Strauss Liedern (All mein Gedanken op. 21 Nr. 1; Nachtgesang op. 29 Nr. 3; Du meines Herzens Krönelein op. 21 Nr. 2; Allerseelen op. 10 Nr. 8; Ständchen op. 17 Nr. 2) sehr verhalten sang. Das wäre ja auch noch keine qualitative Einsicht, wenn da nicht Intonationsprobleme und mangelnde Textausdeutung gewesen wären. Auch James Levine als Liebhaber schöner Stimmen agierte anfangs eher als dienender Begleiter denn als mitgestaltender Partner. Viel besser gelangen da schon die vier Gesänge Op. 65 von P.I. Tschaikowski in französischer Sprache. Hier kann Jessye Norman alle Stärken, die sie sich bei der Interpretation der Musik des französischen Impressionismus unzweifelhaft erarbeitet hat, voll auf die wunderschönen Tschaikowski Lieder ummünzen. Natürlich kommt der enorme Farbenreichtum und das edle Stimmmaterial auch bei Richard Wagners Wesendonck-Liedern hervorragend zur Geltung, den wahren Höhepunkt des neuen Albums machen aber eindeutig die Brettl-Lieder von Arnold Schönberg aus. Was die große Diva bei dieser Gelegenheit an Sprachraffinement, klanglicher Differenzierung, Ausdrucksintensität und Interpretationslust zu mobilisieren vermag, ist großartig. Jessye Norman bietet hier eine Kombination aus opernhafter Disposition mit allen Qualitäten einer Diseuse, wohl einmalig in der Interpretationsgeschichte dieses Zyklus. Genauso wie bei der Musik von Gustav Mahler hat Jessye Norman damit Maßstäbe gesetzt, die kaum zu toppen sind. Das kann man insbesondere von der letzten Zugabe (Habanera Bizet) nicht sagen. Komplett zerdehnt, gerät der Vortrag so manieriert und eigenwillig, dass es schon an Karikatur grenzt.

Fazit: Eine lohnende Begegnung mit der Vergangenheit, die so manche Erinnerung allerdings etwas relativiert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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