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Jerneja Jezernik: ALMA M, KARLIN

19.04.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Jerneja Jezernik
ALMA M, KARLIN
Mit Bubikopf und Schreibmaschine um die Welt
200 Seiten, Drava Verlag, 2020

Zu ihren Lebzeiten war Alma M. Karlin (1889–1950) eine erfolgreiche Autorin populärer Bücher, die nicht nur Romane, sondern auch Reiseberichte umfassten. Nach ihrem Tod weitgehend vergessen, hat sich wohl die slowenische Journalistin Jerneja Jezernik am meisten um ihre Wiederentdeckung verdient gemacht – auch in dem Wunsch, die Autorin für Slowenien zu gewinnen, obwohl sie von ihrer damals „untersteirischen“ Herkunft her (Kronland Herzogtum Steiermark) und in ihrer Sprache wohl „deutsch“ war. Aber wo es um „altösterreichische“ Schicksale geht, verschwimmen solche Grenzen, die wir eher heute ziehen.

Jerneja Jezernik, die sich seit zwei Jahrzehnten mit dem Nachlass von Alma M. Karlin beschäftigt, legt nun die Biographie der Autorin vor, vermutlich selbst übersetzt von ihrer 2009 schon erschienenen Biographie auf Slowenisch. Es ist ein mehr als seltsames und oft auch tragisches Leben, das Bewunderung erregt, weil eine Frau aus eigener Kraft und gegen gewaltige Widerstände sich eine Lebensform und eine Karriere geradezu ertrotzt hat.

Schon ihre Voraussetzungen waren nicht die besten: Als Kind alter Eltern (Jakob Karlin war 57 Jahre alt, als er die 42jährige Willibalde Miheljak heiratete), kam sie in Celje, damals Cilli, mit einer leichten Lähmung zur Welt, mit einem „Wasserkopf“, „überzart“. Der soldatische Vater unterwarf sie einer überstrengen körperlichen Zucht, um ihre Defizite auszugleichen, die Mutter, von Beruf Lehrerin, bestand auf Bildung. Alma muss ein besonderes Talent für Sprachen gehabt haben, denn später im Leben lernte sie gut ein Dutzend, was ihr erleichterte, um die Welt zu reisen. „Sprachtollwut“ nannte sie selbst das Bedürfnis, zu lernen, was ihr ermöglichen sollte, die Enge der Heimat hinter sich zu lassen.

Die „Reisen“ der Alma M. Karlin begannen eigentlich schon, als sie sich selbständig 1908 in die Millionenstadt London aufmachte, dort arbeitete und ihre Sprachstudien fortsetzte. Hier hatte sie ihre erste Beziehung zu einem Japaner, die nicht lange hielt, dann, nach der Rückkehr nach Hause (bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war sie in England „feindliche Ausländerin“) zu einem Chinesen, dem sie Sprachunterricht gab. Ihre private Beziehungsfähigkeit schien allerdings gestört, und sie hat erst im Alter an der Seite einer treuen Freundin Ruhe gefunden.

Sobald der Krieg vorbei war, verließ Alma den nunmehrigen Südslawischen Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, dessen Bürgerin sie jetzt war, und brach zu der schier unglaublichen „Weltreise“ auf, die sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie dauerte von 1919 bis 1927, und wo

immer sie in der Folge hinkam, musste sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie reiste nicht, wie andere bewunderte Weltreisende, mit einem dicken finanziellen Polster oder in einer herausragenden Funktion wie etwa Gertrud Bell, der alle Großen des Vorderen Orients ihre Huldigungen entgegenbrachten. Allein dieser Wagemut macht die Geschichte der Alma M. Karlin, die hoffte, sich nicht zuletzt mit Schreiben erhalten zu können, so singulär.

Eine junge Bubikopf-Frau mit einer Erika-Reiseschreibmaschine – so brach die 30jährige mit geringen Mitteln Richtung Triest und Venedig auf um ein Schiff zu besteigen, Sie reiste mit einfachsten Mitteln, in Zwischendecks, auf Segelbooten, in den Dritte-Klasse-Abteilen von Zügen. Sie traf nicht die High Society, sondern einfache Menschen. Lebte oft nur von Brot und Tee oder, wenn sie sich gar nichts leisten konnte, faulem Obst. Wir, die noch bis vor kurzem mit Flugzeugen um die Welt jetteten und in bequemen Hotels unterkamen, fragen uns, worin der Reiz dieser Strapazen lag. Für Alma war es offenbar eine Lebensform. Wobei – das kann auch Jerneja Jezernik nicht verleugnen – sie den Blick einer „Erste Welt-Weißen“ auf die koloniale Welt warf, die sie vielfach vorfand… Was sie dann zu erzählen hatte, traf den Geschmack (und wohl auch die Neugierde) der Leserschaft der dreißiger Jahre.

Man reist in dem Buch nun mit Alma M. Karlin mit, teilt die Härte ihrer Existenz, begleitet sie erst nach Peru, wo sie sich für die Inkas begeisterte (und versuchte, als Privatlehrerin in wohlhabenden Bürgerfamilien die Reisekasse aufzubessern). Alma erlebt Bedrohliches wie Überfälle auf ihre Person, macht den Weg über Chile, Panama, interessiert sich besonders für Frauenschicksale. Setzt über in die USA, von San Francisco nach Hawaii mit Ziel Japan, wo sie besonders entsetzt ist über die Praxis armer Familien, kleine Mädchen zu verkaufen, um unnütze Esser los zu werden. Dennoch gesteht sie den Japanern zu, dass sie kein Volk kenne, das so fleißig, nett und höflich ist. Weiter nach China und Taiwan, wo sie eine Romanze mit einem Japaner erlebt, nach Malaysien, Borneo, Australien, Neuseeland, Inseln der Südsee und Papua-Neu Guinea, Indonesien, Indien, Pakistan – und endlich nach Hause.

Eine Biographie kann nicht annähernd alles, was da erlebt wurde, verzeichnen, aber mittlerweile sind einige der Reisebücher von Alma M. Karlin neu aufgelegt. Sie hat den Rest ihres Lebens, das noch mehr als zwei Jahrzehnte währte, meist geschrieben. In „exotischen“ Frauenromanen verarbeitet sie Schicksale, die ihr begegnet sind. (Zur selben Zeit bediente ja auch Pearl S. Buck das Interesse der Leser weltweit nach Geschichten aus fernen Ländern.)

Im Zweiten Weltkrieg erlebte sie den Einmarsch der deutschen Truppen in Jugoslawien, Alma wurde mit einem Teil der „slowenischen Intelligenz“ verhaftet, kam ins Lager, fand Fürsprecher, wurde entlassen. Bis zu ihrem Tod hat sie sich an der Seite ihrer Freundin mehr und mehr isoliert, als Deutsch schreibende Autorin von ihrer slowenischen Mitwelt misstrauisch betrachtet.

Immerhin, das kann die Verfasserin der Biographie und treue Kämpferin für das Ansehen von Alma M. Karlin feststellen, hat man ihr heute in ihrer Heimatstadt nicht nur eine Gedenktafel, sondern auch eine Gedenkausstellung gewidmet. Am stärksten aber spricht Alma M. Karlin wohl für sich selbst, in den Reiseberichten, die eine ungewöhnliche Frau und ein ungewöhnliches Leben reflektieren. „Klein an Gestalt, mächtig in ihren Taten“, sagen ihre slowenischen Freunde heute von ihr.

Renate Wagner

 

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