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Janina BAECHLE „Warum ist der Liederabend in Verruf geraten?“

12.06.2014 | INTERVIEWS, Sänger

WALDEMAR KAMER IM GESPRÄCH MIT JANINA BAECHLE:

 Nach Brangäne in Paris (siehe Rezension von „Tristan und Isolde“ vom 8. April 2014 im MERKER Heft 5/2014), bald wieder Erda und Waltraute im „Ring“ der Wiener Staatsoper (von 30. Mai bis 25 Juni 2014), träumt die Sängerin von ihren Liederabenden.

 Baechle-@KurtPinter

 

 „Warum ist der Liederabend in Verruf geraten?“

 

Die Art wie sie sich in einem Pariser Restaurant auf die banquette setzt und lässig den Kellner herbeiwinkt, erinnert auf eigentümliche Weise an Anna Bahr-Mildenburg. Über das Kompliment freut sich Janina Baechle, denn es verbindet sie viel mit der Sängerin, die Gustav Mahler aus Hamburg nach Wien holte.

Vor drei Jahren gestaltete sie eine „Hommage“ an die Mildenburg im Brahmssaal des Wiener Musikvereins mit Michael Heltau, der Briefe von Mahler und Hofmannsthal vorlas. Denn Janina Baechle wollte nicht nur singen, sondern „mit Musik und Literatur ein Zeitbild entstehen lassen“. Auch sie kam von Hamburg nach Wien und ging dabei, wie sie sagt, „den altmodischen und heute kaum noch üblichen Weg“.

 Nach dem Studium in ihrer Heimatstadt Hamburg war sie vier Jahre Ensemblemitglied in Braunschweig und dann drei Jahre in Hannover. Dort sang sie ungefähr alles, was ein Mezzo im gängigen Opernrepertoire singen kann. Bei einem Gastspiel in Innsbruck wurde die Wiener Staatsoper auf sie aufmerksam, wo sie 2004 nach einem Vorsingen ins Ensemble aufgenommen wurde. 2006 gab sie ihr erstes Interview im Merker. Seitdem hat sich viel verändert, denn seit 2010 bindet sie nur noch ein Residenzvertrag an die Staatsoper, wo sie einen Teil der Spielzeit auf der Bühne steht (vor kurzem als Jezibaba und derzeit als Brangäne). Die andere Zeit füllt sie an anderen Opernhäusern und – vor allem – mit eigenen Projekten, wie der oben erwähnte, gänzlich selbst konzipierte Liederabend.

 Janina Baechle sagt dazu: „An der Oper gibt es als Mezzo eigentlich nur drei Rollentypen: die Verführerin (aber ich bin eben keine Carmen), die Hexe (wie Jezibaba) oder die Vertraute/Amme/Dienerin (wie Brangäne). Ich singe zur Zeit viel Brangäne (nach Wien und Paris bald in Bordeaux), Jezibaba (nach Wien in Lyon), Fricka (bald in Toronto) oder Erda. Eine Ausnahme war die wunderbare Akhmatova von Bruno Mantovani (1974 geboren), die hier an der Pariser Oper 2011 uraufgeführt wurde, und wo ich die Titelrolle gesungen habe. Das war keine einfache Musik! Man musste viel zählen, bis man diese Konstruktionen in Emotionen umsetzen konnte, aber es war eine unglaublich spannende Arbeit zusammen mit dem Dirigenten Pascal Rophé, wo wir sehr viel in das Stück einbringen konnten. So viel, dass der Komponist die Schlussszene noch bei den Endproben für uns adaptiert hat. Natürlich gäbe es eines Tages auch Rollen wie Geneviève (Pelléas et Mélisande), Klytämnestra (Elektra) und vielleicht auch die Küsterin (Jenufa). Doch im Augenblick ist es dafür noch zu früh, und muss ich mir meine geistige Nahrung selber suchen. Die finde ich in Liederabenden, denn das Lied hat sehr viel mehr Bandbreite als meine jetzigen Rollen im gängigen Opernbetrieb. Seit meinem Studium bewundere ich Lotte Lehmann, Christa Ludwig, Jessye Norman und Brigitte Fassbänder, die alle vier auch große Liedinterpreten waren/sind. Über Lotte Lehmann hat mir ihre einstige Schülerin Grace Bumbry viel erzählt. Lotte Lehmann war ihrer Zeit weit voraus und sang schon vor dem Krieg als Frau die Winterreise.

 Das habe ich vor zwei Jahren auch gemacht (in Paris, Wien und Bonn), zusammen mit Elisabeth Leonskaja – und ich glaube, wir waren das allererste reine Frauenduo in diesem Stück.

 Die Winterreise war wie ein Wendepunkt in meinem Leben. Seitdem scheue ich mich nicht, interessante, sei es auch anspruchsvolle Liederabende zu initiieren. Immer hört man die Zyklen, die Winterreise, Die schöne Müllerin, Frauenlieben und –leben, aber das sind doch nur ganz winzige Teile des Lied-Repertoires. So habe ich vor kurzem einen Schumann-Abend in Nürnberg gegeben mit den Kerner-Liedern, der Maria Stuart und unbekannten frühen Liedern. Das Publikum war so von den Kerner-Liedern ergriffen, dass es danach erst einmal keinen Applaus gab, nur betroffene Stille. Ja, ich verstehe wirklich nicht, warum der Liederabend inzwischen so in Verruf geraten ist.“

 Jedes Publikum ist anders, und Janina Baechle wundert sich, dass das Opernpublikum und das Konzertpublikum in Wien so wenige Überschneidungspunkte haben. Von dem Unterschied zwischen dem Wiener und Pariser Publikum ganz zu schweigen: „In Wien spürt man die große Musik- und Operntradition, und trotz aller Busse mit Touristen spürt man wie im Saal Leute zuhören die gezielt zwei oder drei Mal wegen einer Oper oder einem Sänger kommen. Das gibt es in Paris nicht, wo die Oper ein sozialer Treffpunkt geblieben ist, und man dann und wann aus Prestigegründen in die Oper geht. In der französischen Mentalität spielt das Repräsentative halt eine große Rolle“.

 Janina Baechle kennt Paris inzwischen genauso gut wie Wien, denn sie hat mit ihrem Mann, einen in Wien kennengelernten Franzosen, in jeder Stadt eine Wohnung. Nicht irgendeine, denn in Paris wohnen sie in der ehemaligen Wohnung von Régine Crespin, wo noch immer der Flügel steht, auf dem Francis Poulenc mit ihr die Rolle der Madame Lidoine in Dialogues des Carmelites erarbeitet hat. An diesem Flügel bereitet Janina Baechle nun ihre Liederabende und Platten vor, die viele Brücken zwischen Wien und Paris schlagen. 2008 erschien ihre CD „Chansons grises“ („graue Lieder“) mit selten gespielten Liedern von Reynaldo Hahn („chansons grises“), Lili Boulanger („quatre chants“), Darius Milhaud („poèmes juifs“) einerseits, und andererseits den Sechs Gesängen von Alexander von Zemlinsky und dem kaum bekannten Lobgesang von Alma Mahler (nach dem Gedicht von Richard Dehmel „Wie das Meer ist die Liebe“). 2009 erschien „Was Liebe sei“ mit 20 deutschen und französischen Liedern von Franz Liszt, davon 7 Erstaufnahmen. Und – nach einigen anderen – letztes Jahr „Urlicht“ mit 14 Liedern von Gustav Mahler. Letzten Monat hat sie eine Brahms-CD aufgenommen, und eine Woche nach der Tristan-Première gab sie an der Pariser Oper einen Liederabend mit „Nachtgesängen“, beginnend mit „An den Schlaf“ von Hugo Wolf und – nach einigen romantischen Alpträumen – endend mit „Un grand sommeil noir“ von Maurice Ravel. Nicht nur als Brangäne, sondern auch als Liedsängerin, kann sie ganze Nächte verbringen ohne zu schlafen…                                                                                                                  

 

Waldemar Kamer

 

Die nächsten Termine von Janina Baechle:

„Der Ring des Nibelungen“ and der Wiener Staatsoper, www.wiener-staatsoper.at
– „Rheingold“, Erda – 19. Juni 2014
– „Siegfried“, Erda – 25. Juni 2014
– „Götterdämmerung“, Waltraute – 29. Juni 2014

 Liederabend: „Au pays qui te ressemble“ mit Markus Hadulla, Klavier
– 26. Juli 2014 in Montoire (Frankreich)

Information: www.academiedesheuresromantiques.fr

und: www.janinabaechle.com

Foto von Janina Baechle: Copyright Kurt Pinter

 

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