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Jana Revedin: MARGHERITA

22.07.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Jana Revedin:
MARGHERITA
Roman
300 Seiten, Aufbau Verlag, 2020

 

Für Jana Revedin, in Venedig verheiratete und ansässige Deutsche, Architektin und Schriftstellerin, die schon einen biographischen Roman über Ilse Frank, die Gattin von Walter Gropius, geschrieben hat, ist „Margherita“ ein sehr persönliches Projekt, gewissermaßen eine Familienangelegenheit. Denn jene Margherita Revedin, um die es geht, war die Großmutter ihres Gatten, und im letzten Kapitel wird Jana Revedin ganz persönlich, erzählt ihre schicksalhafte Begegnung dem Marineoffizier Antonio Revedin, der ihr Ehemann (und Vater ihrer Kinder) wurde. Auch das, ein wenig „Liebe auf den ersten Blick“ in einem venezianischen Palazzo, hat etwas Romanhaftes.

So, wie Jana die Geschichte Margheritas erzählt – die Frau, die durchaus ein Sachbuch wert gewesen wäre, das so viel von der Geschichte Venedigs von den zwanziger Jahren bis in die Nachkriegszeit beinhaltet, wird in einen teils schwülstigen, mit endlosen, erfundenen Dialogpassagen aufgeblähten Frauen-Schicksal-Roman gegossen. Und dabei steckt so viel Historisches darin, das weit eher der genauen Betrachtung wert gewesen wäre.

Es beginnt wie im Märchen – oder wie im Kitschroman. Aber es passierte damals im wahren Leben. Man schrieb das Jahr 1920 in der kleinen Stadt Treviso in der Nähe von Venedig. Die 25jährige Margherita, die junge Frau aus dem Arbeiterstand, führte mit Mutter und zwei Schwestern ein bescheidenes Leben rund um eine von ihnen betriebene Trafik. Aus heiterem Himmel bat der Conte Antonio Revedin, genannt Nino, elf Jahre älter als sie, um ihre Hand.

Vermutlich steckte dessen kluge Tante, die Contessa Bianca, dahinter, die den musikbesessenen Neffen mit einer Frau zusammen bringen wollte, die erdverbunden und doch intelligent war und wahrscheinlich eine brauchbarere Gefährtin als irgendeine adelige venezianische Egozentrikerin. Dafür nahm man in Kauf (und Margherita bekam es lebenslang zu spüren), dass sie eben nicht wirklich zum Adel dazu gehörte… Immerhin hatte sie in eine anfangs reiche Familie (Hausbank, Palazzo am Canal Grande, Villen, Landhäuser, Weingüter) geheiratet und konnte zwischen Golf und Drinks an den Bars der Grandhotels ein entsprechendes Leben führen. Sie war dafür ausgebildet worden.

Denn es dürfte Margheritas Zukunft entschieden haben, dass die Contessa sie vor der Hochzeit einige Monate lang „zur Selbsterziehung“ nach Paris schickte und ihr dort Eintritt in den Salon von Eugenia Errázuriz verschaffte. Diese extrem reiche südamerikanische „Salonière“, bei der sich die ganzen künstlerischen zwanziger Jahre versammelten, hielt lebenslang ihre Hand über Margherita, schickte später „Paradiesvogel“ Peggy Guggenheim zu ihr nach Venedig (die Millionärin und Kunst- wie Künstlerfreundin ist für die Nachwelt eigentlich die wahre Königin von Venedig in dieser Epoche), und stattete sie in Paris mit entscheidenden Bekanntschaften aus – mit Coco Chanel, die sie im Stil der Zeit einkleidete und ein mondänes Geschöpf aus ihr machte; oder mit dem Architekten Jean-Michel Frank, der später auch nach Venedig kam und Teile ihres Palazzo umdekorierte. Dass von Picasso bis Strawinsky alles bei Eugenia Errázuriz aus und ein ging, was noch in die Nachwelt hinein glänzt, versteht sich. Ernest Hemingway allerdings kam später – er wurde zu einem Freund von Margheritas Sohnes Luigi…

Davor liegt noch die lange Geschichte des gesellschaftlich-kommerziellen Aufschwungs von Venedig als Top-Luxus-Location, woran Nino Revedin als unermüdlicher Geschäftemacher beteiligt war (und später sein ganzes Geld in den Sand setzte). Margherita war das Aushängeschild, die gesellschaftliche „First Lady“ der Stadt, veranstaltete berühmte Parties, war bei der Gründung der Filmfestspiele dabei (leider wird in dem Buch aus Charlie Chaplin konstant ein „Charly“, was von der Schlampigkeit der Lektoren zeugt). Auftritt Sohn Luigi, der in der Jugend verschlossen, aber brillant war und lange in Quarantäne (!! wie zeitgemäß) musste, weil er an Pocken erkrankt war.

Der Nationalsozialismus kam auf, und während Margherita (aus unserer Sicht politisch korrekt) ihren Abscheu über Hitler kundtat, waren ihr Gatte und seine Geschäftsfreunde durchaus bereit, sich mit den Deutschen einzulassen… Wie die Heldin des Buches durch den Krieg gekommen ist, erfährt man kaum: Denn eines Tages im Dezember 1936 starb Nino plötzlich, nachdem er ihr eben mitgeteilt hatte, dass er mit einer Geliebten in Mailand auch einen Sohn hätte und die beiden nun nach Venedig holen wollte…Nur noch sporadisch und ohne viel inhaltliche Substanz werden dann die Jahre bis zu Margheritas Tod im April 1978 behandelt, offenbar hat das Revedin-Familienarchiv, auf das die Autorin zurück gegriffen hat, hier seine Lücken.

Dennoch, man hätte rundum recherchieren können, die Sache wäre es wert gewesen. Und bedenkt man, dass Nino Revedin einer der Pioniere der Fotografie in Italien gwesen ist, also viel Material aus der Zeit existieren muss, hätte man sich wirklich eine solide, bebilderte Biographie über eine interessante Frau in einer hoch interessanten Zeit in einer gloriosen Stadt gewünscht. Im Roman ist ihr Schicksal keineswegs in seiner Bedeutung umrissen und geradezu verschenkt.

Renate Wagner

 

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