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Iwona Sobotka im Interview: Verdi, Muti und der Mut zum Nein

30.07.2026 | Allgemein, Sänger

Iwona Sobotka im Interview: Verdi, Muti und der Mut zum Nein

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Im August debütiert die polnische Sopranistin Iwona Sobotka bei den Salzburger Festspielen – als Solistin in Verdis Messa da Requiem unter Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern. Erfahrung sei das größte Kapital in diesem Beruf, sagt die Grand-Prix-Gewinnerin des Concours Reine Elisabeth von 2004, die zu den wenigen Sängerinnen ihrer Generation zählt, die eine internationale Opernkarriere mit dauerhafter Zusammenarbeit mit den großen Orchestern verbinden. Ein Gespräch über Wandlung, das Vertrauen in die eigene Stimme und warum sie ihre Karriere mit einem Nein begann.

Frau Sobotka, im August stehen Sie zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne. Woran haben Sie zuerst gedacht, als die Einladung kam?

Es war für mich nie nur eine Einladung nach Salzburg – es war die Einladung von Riccardo Muti. Salzburg ist der nächste, besondere Schritt auf einem gemeinsamen Weg.

Riccardo Muti und Verdis Requiem

Da geben Sie schon das Stichwort. Erzählen Sie von Ihrer Zusammenarbeit mit Riccardo Muti.

Kennengelernt haben wir uns vor Jahren in Paris, bei Verdis Requiem, und es hat sofort gestimmt. Seither ist unsere Zusammenarbeit immer enger geworden.

Was macht die Arbeit mit ihm aus?

Er versteht Sänger – wie wir atmen, wie wir interpretieren. Er singt mit dir auf der Bühne. Solche Dirigenten gibt es heute nicht mehr viele. Oft sind es großartige junge Talente, aber entscheidend ist, dass jemand am Pult begreift, was wir tun. Nach zweiundzwanzig Jahren in diesem Beruf kann ich meine Erfahrung in die Hände von jemandem legen, der genau weiß, was er damit anfangen soll – das gibt mir Ruhe und Sicherheit. Wir sollten eine Aufführung nicht allein auf dem eigenen Rücken tragen müssen. Wie tragfähig diese Verbindung ist, haben wir zuletzt bei unserer preisgekrönten Simon-Boccanegra-Produktion in Japan erlebt.

 

In Salzburg sind Sie Solistin im Verdi-Requiem. Was bedeutet Ihnen dieses geistliche Werk?

Für mich ist es geistliches Werk und Oper in einem – genau das ist das Wunder daran. Es ist das expressivste Requiem, das ich je gesungen habe. Verdi schreibt hochdramatisch und zugleich zutiefst spirituell. Ich verstehe bis heute nicht, wie er das zusammengebracht hat. Da ist dieses Ringen, den Tod zu begreifen, und gleichzeitig die nackte Angst davor. In der Musik verkörpert sich ein tiefer Glaube – und trotzdem eine große Furcht vor dem Ausdruck, der hinter diesem Glauben steht. Diese Widersprüche ziehen sich durch das ganze Werk.

„Ich trete aus dem eigenen Ego heraus“

 

Worin unterscheidet sich das Singen dieses Requiems vom Singen einer Opernpartie?

In der Oper spielst du, du bewegst dich, du erschaffst eine Figur. Beim Requiem ist es umgekehrt: Ich begebe mich in eine meditative Haltung, werde ganz offen und warte darauf, dass die Inspiration kommt. Ich trete aus dem eigenen Ego heraus – es geht nicht darum zu denken „Jetzt zeige ich meine Stimme“. Eher: Jetzt lasse ich alle Emotionen zu, die das Stück braucht. Das ist mir wichtig, weil ich ein sehr emotionaler Mensch bin und immer das Meiste aus dem herausholen will, was ich habe. Und das ist der schönste Teil meiner Arbeit: dass wir durch die Musik wildfremden Menschen unsere eigene Geschichte erzählen.

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Iwona Sobotka, Foto © Michael Heller

Was geschieht im Zusammenspiel mit dem Chor – diesem riesigen Klangkörper?

 

Es ist ein ständiger Dialog von riesiger Wucht. Jede einzelne Stimme trägt enormes Gewicht. Wenn ich die Obertöne des Orchesters spüre, wie sie zusammen mit dem Chor kommen, ist das wie eine Wand aus Stimmen, die einem in den Rücken fliegt – Stimmen aus dem Himmel und aus der Hölle zugleich. Diesen Dialog mit meiner Solostimme liebe ich. Er gibt mir eine unglaubliche Kraft.

 

Es gibt diese Stelle, „Libera me, Domine, de morte aeterna“. Was macht dieser Moment mit Ihnen?

 

Da ist alles auf einmal: Zweifel, Glaube, Angst. Ich glaube – und ich fürchte mich so sehr. Ich weiß nicht, was als Nächstes kommt. Das sind ja die beiden großen Fragen, die wir uns alle stellen: Warum sind wir hier? Und was kommt danach, wenn wir sterben? Neulich hat mir meine achtjährige Tochter genau diese Fragen gestellt – mit acht Jahren! Verdi fängt eben diese menschliche Natur ein, mit unendlich vielen Farben für alles, was im Kopf und im Körper eines Menschen vorgeht, während er Leben und Tod zu begreifen versucht. Diese Musik klingt, als käme sie nicht von dieser Welt.

 

Sie haben das Requiem oft gesungen. Ist es jemals dasselbe?

 

Niemals. Mit anderen Solisten, Orchestern, Chören verändert sich alles. Jede Aufführung kommt aus einem anderen Geisteszustand. Das ist das Wahre an der Live-Musik: dasselbe Stück und doch jedes Mal vollkommen anders. Genau deshalb ist es so beglückend – weil wir an jedem Tag andere Menschen sind und über andere Dinge sprechen, auch mit dem Publikum.

 

Der Salzburger Zeitplan ist eng getaktet. Wie bereiten Sie sich vor – körperlich und mental?

 

Da ist erst das Handwerkliche: Dynamik, Tempo, die Abstimmung mit den Kollegen, und ich muss wissen, wie weit ich gehen kann. Aber im Kern ist es mentale Arbeit. Körper und Geist wollen gleichermaßen vorbereitet sein. Wenn ich an mehreren Abenden hintereinander singe, geht es weniger um Kraftreserven als um vollkommene innere Sammlung.

 

Wenn sich die Stimme verändert

 

Sprechen wir über Ihre Stimme. Sie sind ins Spinto-Fach gewechselt. Was steckt dahinter?

Ich erkläre es so, dass es auch jemand versteht, der vom Singen nichts weiß. Frauen wie Männer gehen im Lauf des Lebens durch hormonelle Veränderungen, manchmal drastische – etwa nach der Geburt eines Kindes. Manchmal verändern die Hormone die Stimme, manchmal nicht. Ich habe als Koloratursopran begonnen, also sehr hoch. Mit der Zeit wurde daraus ein lyrischer Sopran, und nachdem ich Mutter geworden bin, ist meine Stimme noch einmal tiefer ins Spinto-Fach gerutscht. Beherrschbar wird das, wenn du ein gutes Gespür und ein Bewusstsein für die eigene Stimme hast. Manchmal aber fällt die Stimme sehr stark. Entscheidend sind die Übergangsnoten, das Passaggio. Bei einem Sopran liegen sie völlig anders als bei einem Mezzo. Wird die Stimme zu einem anderen Typ, muss das ganze Wechselregister neu auf den Körper abgestimmt werden. Es ist, als spielte man plötzlich Bratsche statt Geige – Technik und Instrument wollen neu verstanden werden.

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Iwona Sobotka, Foto © Michael Heller

Wie haben Sie diesen Übergang erlebt?

 

Er ist sogar gefährlich. Wer sich gegen die Veränderung des Körpers wehrt und die Stimme mit Gewalt dorthin zwingen will, wo sie früher war, kann sie verlieren. Ich kenne viele Sängerinnen, die nach der Geburt eines Kindes ihre Stimme verloren haben. Eine Freundin war eine wunderbare Barocksopranistin – nach der Geburt wurde sie zum Mezzo. Darüber ist erstaunlich wenig bekannt, und es gibt kaum Lehrer, die einen sicher hindurchführen. Im Grunde beginnt man noch einmal ganz von vorn.

 

Haben sich bei Ihnen Erfolgserlebnisse eingestellt?

 

Am Ende war es ein großes Glück. Endlich kann ich die Rollen singen, die ich liebe, und meine Emotionen wirklich ausdrücken, denn ich bin eine sehr expressive Sängerin. Ich fühle mich in vielen neuen Partien zu Hause, und es gibt noch so viel zu entdecken – all das, was Verdi und Puccini geschrieben haben. Schritt für Schritt möchte ich auch in die Welt von Richard Strauss und Wagner gehen. Diese Musik ist völlig anders, und doch spricht mein Geist durch sie. Ich höre immer auf meine Stimme und merke, wohin sie mit mir will – es gab auch Rollen, die ich nie singen wollte.

 

Sie sagen, Sie hören auf Ihre eigene Stimme – was bedeutet das?

 

Wenn eine Partie nicht zu dir gehört, wirst du sie nicht gut singen. Es ist wie bei Schauspielern: Entscheidend ist, sich in eine Figur hineinversetzen zu können. Im Grunde geht es um das Bewusstsein für die eigenen Gefühle. Für die Micaëla in Carmen konnte ich mich nie erwärmen. Unzählige Anfragen habe ich dafür bekommen, aber ich verstehe diese Figur nicht, sie berührt nichts in mir. Die Noten könnte ich problemlos singen – aber ausdrücken kann ich nur, was ich auch fühle. Ehrlich gesagt wäre ich lieber Carmen als Micaëla.

 

Eine Karriere, die mit einem Nein begann

Wann hat Ihre Karriere eigentlich so richtig begonnen?

 

Auf eine Weise, über die jeder überrascht ist, der die Geschichte hört. Mein Lehrer Tom Krause, der wunderbare finnische Bassbariton, sagte einmal zu mir: „Iwona, deine eigentliche Karriere beginnt in dem Moment, in dem du zum ersten Mal Nein sagst.“ Ich war einundzwanzig, zweiundzwanzig, und bekam Angebote, die weit über das hinausgingen, was meine Stimme – und vor allem meine Erfahrung – hergaben: zwanzig Vorstellungen Salome, dazu Norma und Tosca. Für eine junge Sängerin ist es verlockend, sofort die großen Partien an den großen Häusern zu singen. Aber Gott sei Dank war ich klug genug abzulehnen – wer weiß, was passiert wäre, hätte ich diese Salome-Serie wirklich übernommen. Die Operndirektoren waren irritiert: Warum sagt diese junge Frau Nein? Das zeigt ja, dass sonst alle Ja sagen. Es war nichts Persönliches – ich war dankbar für die Chance, aber diese Rollen kamen zu früh.

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Iwona Sobotka, Foto © Ewa Zukowska

 

Warum war Ihnen das so wichtig?

 

Weil schwere Rollen Reife verlangen – als Mensch wie als Stimme. Schon damals habe ich gespürt, dass mir genau diese Erfahrung fehlte, und ich wollte sie mir nicht ersparen. Insofern bin ich in meinen Entscheidungen vielleicht nicht ganz „normal“. Aber ich wollte keine Karriere von vier oder zehn Jahren. So viele junge Sänger werden gefördert und nach vorn geschoben, und manche verschwinden wieder, weil ihre Stimmen nicht mehr frisch sind. Ich wollte die Welt verstehen, mich selbst, meine Stimme, das Sich-immer-wieder-neu-Entdecken. Es war eine wunderschöne Reise, und ich bin seit zwanzig Jahren glücklich mit all meinen Entscheidungen.

 

Erfahrung als größtes Kapital

 

Was gibt Ihnen diese Erfahrung heute auf der Bühne?

 

Erfahrung ist das Wertvollste, was wir in diesem Beruf besitzen – sie ist durch nichts zu ersetzen. Sie gibt mir Kraft. Ich kenne mein Instrument, ich weiß, wie ich singe und wie ich mit Stress und Emotionen umgehe. Gerade ein Werk wie das Verdi-Requiem lässt sich ohne sie gar nicht singen. Sonst hört man nur die Noten, ohne von den nötigen Emotionen erfüllt zu sein – und das Stück ergibt keinen Sinn mehr. Deshalb sind erfahrene Sängerinnen und Sänger so wichtig: wegen der Qualität, der Technik, der musikalischen Intelligenz. Ich höre selbst so gern Kollegen mit großen Karrieren zu. Wenn sie singen, hat das etwas geradezu Metaphysisches. Denn auch wir gehen in Konzerte, weil wir bewegt werden wollen – wir kennen dieses Gefühl von uns selbst und sehnen uns danach, es als Zuhörer wiederzufinden.

 

Das erste Soloalbum

 

Im Sommer nehmen Sie Ihr erstes Soloalbum auf. Was wird darauf zu hören sein?

 

Diese CD wird mein Porträt – als Sängerin und als Interpretin der Titel, die mir am meisten bedeuten. Es ist ein italienisches Programm mit Arien von Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini, genau dem Repertoire, in dem ich mich nach dem Wechsel ins Spinto-Fach zu Hause fühle – Partien wie Tosca, Manon Lescaut oder Madama Butterfly. Ich habe nur Musik gewählt, die zu meinem Herzen spricht und die Verbindung zwischen dem Publikum und mir herstellt. Davon habe ich lange geträumt, und ich bin überglücklich, dass es endlich geschieht.

 

Warum fiel die Wahl auf das Polnische Radio-Orchester und den Dirigenten Marco Guidarini?

 

Mit Marco verbindet mich eine sehr tiefe Beziehung. Er war mitten in meinem Prozess dabei, als sich meine Stimme veränderte – er hat mich durch diese Wandlung geführt. Immer wieder habe ich ihn gefragt: Ist es jetzt so weit, kann ich das mit dir aufnehmen? Dass diese CD nun ausgerechnet mit ihm entsteht, ist für mich wie eine Geburtstagstorte. Wir haben das Programm gemeinsam entwickelt und hatten so viele Ideen, dass die nächsten drei Alben praktisch feststehen. Wir verstehen uns musikalisch blind und haben unzählige Konzerte miteinander gegeben. Für mich ist die italienische Musik etwas so Kostbares: so poetisch, so emotional, dramatisch und zugleich voller Freude und Leben. Am Ende feiern wir durch diese Musik jeden Augenblick unseres Lebens.

 

Iwona Sobotka, vielen Dank für dieses Gespräch.

Stefan Pieper

 

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