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Hybrid SACD FRANZ SCHUBERT Symphonie in C-Dur „Die Große“ D. 944, ERNST KRENEK „Static and Ecstatic“ Op. 214 – FRANZ WELSER MÖST dirigiert das CLEVELAND ORCHESTRA

27.10.2020 | Allgemein, cd

Hybrid SACD FRANZ SCHUBERT Symphonie in C-Dur „Die Große“ D. 944, ERNST KRENEK „Static and Ecstatic“ Op. 214 – FRANZ WELSER MÖST dirigiert das CLEVELAND ORCHESTRA

 

Auf dem orchestereigenen Label des Cleveland Orchestra ist der Live-Mitschnitt der letzten Konzertserie vor dem Lockdown im März 2020 aus der Severance Hall  erschienen. Franz Welser-Möst, der die Geschicke dieses Weltklasseklangkörpers bereits seit 2002 leitet und dessen Vertrag bis 20127 läuft, sieht in Schuberts Musik Parallelen zu der aktuellen Welt und wie wir nun pandemiebedingt leben müssen: „Bei Schubert liegt der Fokus oft auf den kleinen Dingen… So schafft er in gewisser Weise eine kleine Welt, die unglaublich reich ist. Dies spiegelt sich in vielerlei Hinsicht wider, was so viele von uns in den folgenden Wochen und Monaten erlebt haben – als wir mit unserer Familie isoliert waren, in einer kleinen und sehr persönlichen Welt saßen, umgeben von etwas Größerem, einer tief miteinander verbundenen Welt.“

 

Der österreichische Dirigent, der diesem technisch erstklassigen US-Big Five Traditionsorchester vorsteht, fügt sich stilistisch gut in die Riege der illustren Nachkriegsdirigenten Georges Szell, Pierre Boulez, Lorin Maazel und Christoph von Dohnányi. Ein intellektueller Musiker und praxisbezogener Könner, dem Strukturen und das Offenlegen des architektonischen Aufbaus oft wichtiger sind als bloß sinnliche Klangeruptionen und eine leicht zu verdauende Politur des Klangs. Ist der Start des ersten Satzes der Schubert C-Dur Symphonie mit den knappen Phrasen und einem behutsamen Steigern der Spannung noch gewöhnungsbedürftig, so erschließt sich Franz Welser-Mösts zunehmend dramatischer sich zuspitzende Interpretation in einem groß angelegten Bogen bis zum überwältigendem, überschäumenden  Allegro vivace im Finale. 

 

Schubert hat die Große C-Dur Symphonie 1825/26 komponiert, nachdem Beethoven 1824 die erste Aufführung der Neunten Symphonie dirigierte. Schuberts Innovation in der Orchestersprache bestand nicht in der noch einmal erweiterten Einbeziehung der menschlichen Stimme, aber in der prominenten Platzierung von drei Posaunen anstatt eine zweiten Paars an Hörnern. Der langsame Satz spiegelt das angstbesetzte Sein bis zum Fortissimo Kollaps. „Es braucht eineinhalb Takte an Stille, bevor die Musik wieder beginnen kann, verwundet aber lebendig.“ Hugh Macdonald. Schubert macht  in seiner Melancholie immer auch Abschied spürbar und eine Sehnsucht, die nicht stillbar noch zielgerichtet ist. Als Kontrast dazu das Scherzo: Hier erlaubt uns Schubert einen kurzen Blick in ein utopisches Paradies, unbeschwert und wolkenlos. Im vierten Satz spüren wir die Energie einer Riesenmaschine, deren Unerbittlichkeit und vorwärtsstürmende Kraft auch einen Teil der Befindlichkeit der heute so gnadenlos technik- und vorschriftengetriebenen Menschheit ausdrückt.   

 

Ernst Kreneks „Static and Ecstatic“ in zehn Sätzen für Kammerorchester wurde 1971 vom Dirigenten Paul Sacher in Auftrag gegeben. Das für Streichorchester, ein umfangreiches Schlagzeug und Klavier in serieller, bester post Schönberg Manier geschriebene Werk der Klassischen Moderne gliedert sich in die Grundstimmungen ,statisch‘ und ,ekstatisch‘. Bisweilen klingt das wie Anton von Weberns pointillistischer Minimalismus, dann wieder scheinen sich Geschwindigkeit und Klangideen, volles Orchester und einzelne Instrumente diffuse, dennoch von Zahlen und Mustern bestimmte Wettrennen zu leisten. Auf jeden Fall macht die Musik Effekt und ist als Kontrapunkt zu Schubert bzw. als dessen Parallelle – was das Einfangen einer relevanten Stimmung der Entstehungszeit betrifft –  eine gute Wahl.

 

Das Cleveland Orchestra unter Welser-Möst sind exzellente Anwälte dieser beiden wahrscheinlich so noch nie kombinierten Werke. Der sachliche, dennoch vor Binnenenergie berstende Ansatz, die groß angelegten Spannungsbögen, die immense Orchesterkultur, die Durchsichtigkeit des Klangs, all das belegt den hohen künstlerischen Rang dieser Aufnahme. Je öfter ich das Album höre, desto besser gefällt es mir. 

 

Das schwierige Hin und Her einer für das Frühjahr 2020 geplanten Tournee des Orchesters, die Komplexität von musikalischen Darbietungen mit den Corona-bedingten Unwägbarkeiten und die Einzigartigkeit der Umstände dieser Aufnahme erfahren in dem klugen Aufsatz „Recording in a time of Crisis, Mirror an Message“ – von Franz Welser-Möst im Juni 2020 in Seewalchen am Attersee geschrieben – eine allgemein gültige zeitgeschichtliche Dimension. 

 

Hinweis: In der Podcast-Folge „The Sounds of Crisis“ des neuen Podcasts des Cleveland Orchestra „On a Personal Note“ spricht Welser-Möst ausführlich über die Proben und Aufführungen im März. Der Podcast ist auf allen gängigen Streaming-Apps sowie unter clevelandorchestra.com/podcast verfügbar.

 

Die vorliegende CD (im eigenartigen quadratischen Format 19,5 x 19,5 cm) ist die zweite Publikation des 2020 gestarteten Orchesterlabels. Auf der im Juni 2020 erschienenen ersten  drei CD Box „A New Century“ samt einem 150 Seiten Buch ist Musik von Beethoven, Strauss, Varèse, Prokofiev, Staud und Deutsch zu hören. Free HD Download unter clevelandorchestra.com/newcentury !

 

Möge mit den beiden vorliegenden Editionen eine Aufnahmegeschichte wieder an Fahrt aufnehmen, von der wir vor allem aus der Ära George Szell einen einzigartigen Schatz an Tonträgern haben und für alle Ewigkeit genießen können. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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