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Herbert Lackner: DAS SCHWEIZERHAUS

21.06.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Herbert Lackner
DAS SCHWEIZERHAUS
Die Geschichte einer Wiener Institution
104 Seiten, quadratisches Format, Verlag ueberreuter, 2020

Nicht jeder verfügt über den eisernen Magen, eine richtig fette Stelze essen zu können (oder zu wollen), aber wenn die Rede darauf kommt, werden die meisten Wiener automatisch an den Ort denken, wo sie als Spezialität serviert wird, nämlich an das „Schweizerhaus“. Dieses ist eine der ältesten Attraktionen des Wiener Praters, und Autor Herbert Lackner hat ihm nun ein schmales, aber hübsches Büchlein gewidmet, das vor allem auf Bildern basiert. Fotos, Reklame und viele Zeitungsausschnitte, mit Fleiß und Ambition zusammen getragen, bestimmen die „Geschichte einer Wiener Institution“, wie der Untertitel lautet.

Als Kaiser Joseph II. im Jahr 1766 das bisher strikt kaiserliche Jagdgebiet des Praters der Bevölkerung öffnete, bewarben sich zahlreiche Gastwirte um eine Konzession. Das „Schweizerhaus“ war damals, einfach ein Holzhaus im Schweizer Stil, nur ein Lokal von vielen, bis sich der Ringstraßen-Architekt Eduard van der Nüll seiner annahm und es mit einer spektakulären Architektur versah. Erst in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde das Schweizerhaus in seiner klassischen Form zerstört – nur noch auf Fotos ist zu erleben, wie pompös es einst aussah…

Das Haus wurde so beliebt, dass die „Fiakermilli“ plante, es für ihre leicht geschürzten Auftritte zu mieten, aber das ließen die Behörden nicht zu. Verschiedene Besitzer führten das Schweizerhaus zum Erfolg, zumal in der Zeit der Wiener Weltausstellung, die 1873 auch im Prater stattfand. Es gab dort Konzerte. neben dem Essen noch allerlei Unterhaltungen, und die prominenten Gäste ließen nicht auf sich warten. Herbert Lackner, der derzeit mit seinen Büchern über Österreichs Zwischenkriegszeit in den Buchhandlungen ist und die Künstler kennt, lässt immer wieder Arthur Schnitzler im Prater und im Schweizerhaus auftauchen – vom jungen Mann, an der Seite seiner später auch so prominenten Freunde Hugo von Hofmannsthal, Richard Beer-Hofmann und Felix Salten, bis kurz vor seinem Tode an der Seite der damaligen Freundin… Das war dann in den frühen Dreißiger Jahren. Kaisers Zeiten, wo sich so viel Militär und süße Mädeln im Schweizer Haus tummelten, waren vorbei.

Immer ist die Geschichte eines Gebäudes auch Zeitgeschichte, aus der sich Menschen und Institutionen bekanntlich nie heraushalten können. Im Ersten Weltkrieg versuchte man noch, mit Konzerten Attraktionen zu bieten (Robert Stolz war auch dabei), aber nach dem Krieg war das Gebäude, war die Institution „Schweizerhaus“ recht verwahrlost. Auftritt „Kolarik“, jene Familie, die das Haus bis heute führt und in ihren gegenwärtigen Mitgliedern gegen Ende auch die wahre Würdigung erfährt.

Fleischhauer Johann Kolarik, einer der vielen Tschechen in Wien, war der richtige Mann, das Schweizerhaus wieder in Schwung zu bringen und es mit Unterhaltung, Nahrung und viel Werbung (man sieht mit Vergnügen Speisekarten und Werbeplakate) über die Runden zu bringen. Die Kartoffel-Rohscheiben, die die Köche ins Öl warfen, um zu sehen, ob dieses für ihre damals populäre „Fischbratküche“ heiß genug war, wurden bald selbst zur schmackhaften Attraktion des Hauses… Und auf besonders gutes Bier hielt man dort auch. Und da die Wiener Wert auf gutes Essen und Trinken legen, wäre alles bestens gelaufen – wäre der Zweite Weltkrieg nicht gekommen. Man sieht zwar Nazi-Uniformen unter den Gästen, aber was blieb, beweist ein tragisches Foto: eine ausgebrannte Ruine.

Immerhin ließ sich Karl Kolarik, der 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, nicht entmutigen und arbeitete mit seiner Familie ununterbrochen am Wiederaufbau. Heute ist das Schweizerhaus wieder eine Institution, prominente Gäste von Peter Alexander bis Curd Jürgens hinterließen ihre Lobpreisungen samt Unterschrift – und ganz am Ende kann man, wenn man Lust hat, ein paar Rezepte aus der Zeit nachkochen, „als Böhmen noch bei Österreich war“: Prager Kuttelflecksuppe oder Budweiser Bierfleisch, im allgemeinen nicht mehr auf Wiener Speisekarten, können jedenfalls im Schweizerhaus noch bestellt werden…

Renate Wagner

 

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