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Henrike Rost: MUSIK-STAMMBÜCHER

16.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Henrike Ros:
MUSIK-STAMMBÜCHER
Erinnerung, Unterhaltung und Kommunikation im Europa des 19. Jahrhunderts
360 Seiten. In der Reihe „Musik – Kultur – Gender: Studien zur europäischen Kultur“, Band 17, des Böhlau Verlags, 2020

Ein Zufall hat die Musikwissenschaftlerin Henrike Rost auf ein Thema gebracht, das bisher wenig Beachtung gefunden hat: die Musik-Stammbücher. Man kennt Stammbücher mit ihren Sprüchlein und Zeichnungen, aber unter Musikern ist das doch anders – denn da gibt es oft auch Noten, gibt es ganze musikalische Huldigungen, und das war, obzwar heute vergessen, im 18. und 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes Phänomen. Henrike Rost stieß im Zusammenhang mit Ignaz Moscheles auf außerordentliche Beispiele dieser Widmungen (oft, sehr oft von Berühmtheiten), und sie hat ein ganzes Buch darüber geschrieben.

Es sind „Miniatur“-Quellen der Geschichte, die oft von hoher Aussagekraft sind, oft aber auch Rätsel aufgeben, weil sie durch ihre Verkürzung nicht umweglos zu entziffern sind. Der von der Autorin vorgelegte „Queelenkorpus“ umfasst über 60 musikbezogene Stammbücher zwischen 1790 und 1900, wobei dieses Genre um 1840 offenbar eine wahre Hochkonjunktur erlebt hat.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Musikstammbücher von Ignaz Moscheles (1794, Prag – 1878, Leipzig), Komponist, Klaviervirtuose, Pädagoge, zu Unrecht aus dem Bewusstsein der Nachwelt gerückt. Er war ein einflussreicher, in der europäischen Musikkultur tief verwurzelter Künstler, ein Freund Beethovens, der Lehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy, in Hamburg und London tätig, bevor er in Leipzig 1846 die Klavierklasse am dortigen Konservatorium übernahm.

Zur Salon- und Geselligkeitskultur dieser Epoche zählte es, bei verschiedensten Gelegenheiten um Stammbuch-Eintragungen zu bitten, und je bedeutender der Empfänger und der Geber waren, umso interessanter wird es oft. In die vielen Einzelbeispiele, die das Buch bietet, wird der Leser wohl nach eigenem Interesse „einsteigen“, auf der Spur von Künstlern, deren Namen ihn reizen. Das Kompendium der Ausdrucksmöglichkeiten auf diesen kleinen Papierblättern ist schier grenzenlos.

Es gibt einen sehr schönen Hochglanz-Bildteil, aber es würde das Gelesene doch anschaulicher machen, wenn man mehr als nur minimal Illustrationen in den Lauftext eingefügt hätte. Es ist jedenfalls ein Buch, das Spezialinteresse verlangt: Bringt man es allerdings auf, ist es eine Fundgrube über die Kommunikation von Menschen und Künsten und in der kleinen Form von besonders großem Reiz.

Renate Wagner

 

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