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HELSINKI: JENUFA

25.01.2014 | KRITIKEN, Oper

HELSINKI: JENŮFA – 24.1.2014

Personen mit einem guten Gedächtnis werden sich vielleicht noch an den Aufschrei der Empörung erinnern, den vor ca. 50 Jahren Herbert von Karajan mit seiner Idee auslöste, einen Pool von bedeutenden Opernhäusern zu gründen, die die jeweiligen Inszenierungen untereinander austauschen sollten. Was damals als verwerflich galt, weil die Bühnen so ihr eigenständiges Profil verlören, ist heute weltweit geübte Praxis. Wer also heute Leoš Janáčeks Jenůfa in der Realisierung durch das Team OLIVIER TAMBOSI (Regie), FRANK PHILIPP SCHLÖSSMANN (Ausstattung) und MARIELLA VON VEQUEL WESTERNACH (Lichtdesign) einkauft, kann sich eines großen Erfolgs sowohl bei Publikum als auch bei Presse ziemlich sicher sein, ist diese Produktion nach dem ius primae noctis 1998 in Hamburg danach doch an so wichtigen Häusern wie der Met, Liceu, Los Angeles und Covent Garden gezeigt worden. Man geht sicherlich nicht fehl in der Annahme, dass die Präferenz der finnischen Starsopranistin KARITA MATTILA für die Inszenierung nicht unwesentlich für deren Erfolg gewesen ist; so nun auch bei der Premiere am 24.1. an der Finnischen Nationaloper.

Diese trug an diesem Abend ihren Namen zu Recht, waren doch alle Gesangspartien finnischen Künstlern anvertraut worden; einige von ihnen waren nach langen Jahren der Ignoranz wieder an ihrer Heimatbühne zu hören. Für diese Achterbahnfahrt einer Karriere ist RITVA-LIISA KORHONEN  das beste Beispiel. Vor gut 20 Jahren ein verheißungsvoller leichter lyrischer Sopran (z.B. Marzelline in Savonlinna), wurde sie in Helsinki unter der Intendanz ihres Bruders Erkki Korhonen in solche Hauptrollen hinauf katapultiert, die sie vokal nicht ganz ausfüllte (Arabella, Manon Lecaut), was jedoch die Vernachlässigung durch die nachfolgende Intendanz (Mikko Franck) nicht verständlicher machte. In Jenůfa trat sie in der Minirolle der Frau des Dorfrichters auf. Auch ein JUHA KOTILAINEN (Altgesell) gehört an die Finnische Nationaloper, wie auch ein JYRKI ANTTILA in Števa endlich einmal wieder eine seinem markanten metallischen Tenor gerecht werdende Rolle bekommen hat. Zu den bisher so schmerzlich vermissten Sängern gesellte sich PÄIVI NISULA (Kostelnička), auf die am Schluss ein in dieser Stärke selten erlebter Beifallsorkan des Publikums hernieder prasselte, der die Künstlerin sichtlich gerührt hinterließ. Mit ihrem vokalen Material, das sich in der Vergangenheit nie so recht zwischen Sopran und Mezzosopran entscheiden konnte, ist sie heute ideal für die Tessitura dieser Rolle, die sie zudem mit ungeheurer darstellerischer Präsenz ausfüllte – weniger hart die auf Einhaltung der Moral pochende Küsterin, weniger das Monster in Menschengestalt, das Jenůfas Kind tötet, als vielmehr eine berührende Umsetzung der Vielschichtigkeit dieser Figur, wie auch keine der handelnden Personen einseitig schwarz-weiß gezeichnet ist. Auch Laca erfährt so durch JORMA SILVASTI mit seinem so gut zur Rolle passenden weichen Tenor eine passende Umsetzung, dem man abnimmt, dass er trotz allem, was er Jenůfa antut, eine tiefe Liebe ihr gegenüber empfindet. Darstellerisch sehr eindrücklich, im Timbre (zu) jung wirkend: SARI NORDQVIST als alte Buryja.

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Das Foto (Heikki Tuuli) zeigt Jorma Silvasti, Päivi Nisula und Karita Mattila

 Im Vorfeld der Premiere kündigte KARITA MATTILA an, dass dies ihre letzte Jenůfa sei und sie zukünftig zur Partie der Kostelnička zu wechseln beabsichtige. Nach fast 15 Jahren in dieser Titelrolle eine nachvollziehbare Entscheidung, obwohl ihre stimmliche Leistung nach wie vor keinen Anlass zu diesem Schritt bieten würde. Noch immer besitzt sie die Leuchtkraft ihres jugendlich-dramatischen Soprans, von der Schönheit dieses Timbres und ihrer immer noch jugendlich wirkenden Ausstrahlung ganz zu schweigen, gepaart mit einer darstellerischen Unbedingtheit, die die Tragik dieser Figur berührend zum Ausdruck bringt – für jeden Regisseur ein Genuss, mit dieser Vollblutkünstlerin zu arbeiten. Schön für das Publikum, an dem Produkt dieser Arbeit teilhaben zu können.

 Das wie immer herzlich applaudierende, diesmal jedoch erstaunlich differenzierende Publikum schloss auch den Dirigenten der Aufführung, den jungen JAKUB HRŮŠA, mit ein, nach meinem Geschmack leider nicht in dem Maße, die seiner Leistung gerecht würde, zumal wenn man bei vergangenen Premieren den Beifall für den meiner Meinung nach weit überschätzten Mikko Franck zum Maßstab macht. Mag sein, dass Janáčeks Meisterwerk auch 110 Jahre nach seiner Premiere für ein Normalauditorium nicht zum Normalrepertoire gehört. Umso höher ist die Leistung Hrůšas zu bewerten, der das wie gewohnt sehr gute Orchester nicht nur gekonnt auf das ungewohnte Janáček’sche Idiom eingeschworen hat, sondern in seiner Interpretation überzeugend den Pulsschlag der packenden Partitur hörbar machte, der Aufführung damit die nötige Authentizität verleihend. Also Dank und zugleich Kompliment an die neue Intendantin der Finnischen Nationaloper, der Mezzosopranistin Lilli Paasikivi, für diese höchst gelungene Premiere. Möge sie auf dem Wege weiter voranschreiten, aus dem zweifellos vorhandenen Potenzial ausgezeichneter finnischer Stimmen ein einheimisches Ensemble zu formen, um das herum das Repertoire gebildet werden sollte.

 Sune Manninen

 

 

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