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HEIDELBERG/ Schloßfestspiele: ANATEVKA

22.06.2018 | Allgemein, Operette/Musical

Bildergebnis für heidelberg schlossfestspiele anatevka
Foto: Ensemble (c): Sebastian Bühler

Heidelberg: ANATEVKA/Schloßfestspiele  21.6.2016

Bei den Heidelberger Schloßfestspielen wird jetzt erstmals das Musical Anatevka gegeben. Hier wurde viele Jahre als ‚Markenzeichen‘ die Musical-Operette ‚Der Studentenprinz‘ sowie Opernhits gespielt, nun möchte man sich aber stärker dem Musical öffnen.

Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton hat sich als Kontrast zur romantischen Schloßruine, die für sie die Außenwelt des Dorfes Anatevka darstellen soll, für ein mehr oder weniger abstraktes Bühnenbild entschieden, das ihr von Jürgen Kirner in Form von vertikalgestellten „Nestern“ aus Holz- oder Schilfmaterial, die sich öffnen und schießen, und aus denen die Menschen heraustreten, gebaut wurde. Wie ein Kokon haben sie etwas die Außenwelt Abweisendes im Stil der immer wieder beschworenen eigenen Tradition. In der lebhaften Regie, in der der ganze Schloßhof einbezogen ist, wird die Geschichte des Milchmannes Tevje und seiner Familie mit fünf Töchtern, davon drei in heiratsfähigem Alter, erzählt. Das gelingt gut im Verein mit der äußerst schönen suggestiven Musik von Jerry Bock, die die Handlung auch kommentiert und immer vorwärts trägt. Sie wird von den Philharmonikern etwas versteckt hinter der Bühne gespielt. Der im Freien aber nie hallige, eher (bei verstärkten Sängern) plastisch wirkende Sound, wird von Davide Perniceni präzise moderiert.

Die dem Raum bestens eingepaßte Choreographie der Tanzszene der Männer im Wirtshaus und bei der Hochzeit der Tochter mit den Damen stammt von der Regisseurin und Sabine Hack. Sehr originale Kostüme mit fantastischen Kopfputzen sind von Pascal Seibicke. Die Direktion der munter singenden Chöre liegt bei Ines Kaun.

Den Tevje gibt Wilfried Staber mit großer Einfühlung. Sein Changieren zwischen liebevollem Verständnis für seine Töchter, seiner anstrengenden Arbeit und seinen an Gott gerichteten Monologe verlangen seinem tief dunkel grundiertem Baß mit erstaunlich weicher Höhenöffnung ganz besondere Farben ab. Seine Golde wird von Carolyn Frank mit viel weniger Gesang gegeben. Sie  stellt das rationale Pendant an seiner Seite. Tochter Zeitel wird von Vasiliki Roussi, die schon viele Musicalrollen verkörpert hat, hier aber als  Älteste auch nicht viel zu singen hat. Die 2. sich eher emanzipiert gebende Tochter Hodel singt Annika Sophie Mendrala dagegen mit strahlendem Opernsopran und folgt ihrem „Revolutionär“ in die Verbannung. Tochter Chava, gestaltet von Musicalsängerin Lena Weiss, nimmt einen russischen Christen und bricht aus den Schtetl aus. Anjara Bartz gibt die köstlich Jiddisch sprechende  Heiratsvermittlerin Jente, den Schneider Mottel, Bräutigam der Zeitel, Markus Schöttl. Den Fiedler spielt Mark Johnston als völlig unbeiligter Maskenträger. Die Aufgezählten mögen für die große Reihe der weiteren ebenso liebevoll  gestalteten Mitwirkenden stehen. Die wenigen auftretenden Russen sind im Gegensatz zu den dunkel schwarz gekleideten Schtetlbewohner, die am Schluß erhobenen Hauptes ihr Anatevka verlassen müssen, in rote Wamse gesteckt.                                               

Friedeon Rosén 

 

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