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HEIDELBERG: IN MEINER NACHT . Drei Kammeropern

01.11.2014 | KRITIKEN, Oper

Heidelberg: In meiner Nacht (drei Kammeropern)  30.10.2014

Das Theater Heidelberg, wo die Musiktheatersparte gerade mit dem Preis der Theaterverlage 2014 prämiert wurde, brachte unter dem Motto „In meiner Nacht“ 3 Kammeropern in seiner Spielstätte Zwinger1 heraus. Gegeben wurde zuerst die dramatische Szene für Mezzosopran und 16 Musiker Twice through the Heart (Zwei mal durchs Herz) von Mark-Anthony Turnage (!994/96), dann die ‚opera in one act‘ „Death knocks“ von Christian Jost nach dem Schauspiel von Woody Allen (2001) und am Ende „Erwartung“, Monodram von Arnold Schönberg, Libretto von Marie Pappenheim, reduzierte Fassung für 20 Musiker von Faradsch Karaev (2004).

So verwandt vom zeitlich vorgegebenen Rahmen her dies ‚Trittico‘ auch erscheinen mag, in dem alle 3 Stücke an einem Abend spielen, und mit Ausnahme von Dead knocks nur mit einer Person auskommen, an um so unterschiedliche gesellschaftliche bis philosophisch relevante Themen arbeiten sie sich ab. In ‚Twice through the Heart‘ geht es um eine Frau im Gefängnis, die ihren Mann erstochen hat, nachdem dieser ihr gegenüber immer gewalttätig war. Aus falscher Scham bringt sie das aber beim Prozeß nicht zur Sprache, und in der Haft empfindet sie diese Scham als ihr eigentliches Gefängnis, das psychologisch stärker als steinerne Gefängnismauern wirkt. M. A. Turnage, der seinen Durchbruch bei der Münchner Biennale mit der Oper „Greek“ erlebte, ließ sich von der ‚poetry documentary‘ über diesen Fall von Jackie Kay in der BBC inspirieren und schuf ein spannendes Seelenporträt für seine Protagonistin. Musikalisch bis zum Zerreißen gedehnte Phrasen stehen Klangeruptionen gegenüber, die von den Musikern ebenso packend wiedergegeben werden. Ks. Carolyn Frank wirft dazu ihren interessant gefärbten Mezzo in die Waagschale und spielt auch mit Kindheit-und Eheuntensilien, die sie im erdigen Boden, in einer Art Gedankenraum, vergräbt und wieder ausgräbt.

In Death Knocks (Der Tod klopft an), geht es um eine eigentlich fast witzige Begegnung, in dem ein dem erfolgreichen Geschäftsmann Nat Ackermann ähnlich sehender Mann in dessen Wohnzimmer auftaucht, sich als Tod ausgibt und ihn mitnehmen will. Woody Allen hat dieses Stück anspielungsreich an den um 1400 entstandenen Traktat ‚Der Ackermann aus Böhmen‘ angelehnt. Christian Jost läßt bei der Vertonung seinen musikalischen Charme aufblitzen. Wie in seiner letzte Spielzeit in Heidelberg aufgeführte mexikanische Oper „Rumor“ weist auch Death Knocks große Qualität auf auch mit seiner Nähe zum Jazz; ein Schlagzeuger kommt dabei auch zum Einsatz, dazu fängt Jost atmosphärisch die Musik der glitzernden Metropole New York ein. Nat Ackermann hält seine Tödin erst mit Spielchen (Romee) hin, bevor er sie samt dem ‚Totenbett‘ aus dem Wohnzimmer mit Efeu durchwirkten Wandspiegeln (Einheits-Bühnenbild, auch Kostüme: Pia Dederichs, Lena Schmid) hinauswirft. Den Nat gibt mit distinguiert trockenem Bariton Zachary Wilson, der Tod wird elegant lasziv inclusive Kletterkünsten von dem samtweichen, sehr flexibel timbrierten Sopran Amélie Saadia gespielt und gesungen. Das teilweise auch an einen Ehepaar-Diskurs erinnernde Duett der beiden wird im Orchestrino von Violine und Klarinette leicht süffisant gedoubelt.

Zum Schluß führt A.Schönbergs Monodram Erwartung wieder in ernstere Gefilde. Dieses fast schon klassisch gewordene Stück zeigt Schönberg zwar auf dem Weg in die Atonalität, spielt aber nichtsdestotrotz mit seinem kleinpartikularen Melos musikalische Schönheit aus. Diese wird  von den einzelnen Instrumenten incl. Harfe sehr atmosphärisch wiedergegeben unter der animierten Leitung von Tomothy Schwarz, der auch die anderen Stücke dirigierte. Hye-Sung Na gibt die Frau in der Regie von Clara Kalus mit sich in die disparate Situation hineinsteigerndem Einsatz höchst expressiv und singt mit vollem und warm timbriertem Sopran gekonnt die z.T. explosiven Phrasen.                                                                   

Friedeon Rosén

 

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