Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

HECTOR BERLIOZ – drei interessante Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr

150. Todestag des Komponisten am 8. März 2019

17.02.2019 | Allgemein, cd

HECTOR BERLIOZ – drei interessante Neuerscheinungen im Jubiläumsjahr (150. Todestag des Komponisten am 8. März 2019)

 

CD BERLIOZ: HAROLD EN ITALIE, LES NUITS D‘ÉTÉ – Les Siècles unter François-Xavier Roth; harmonia mundi

 

Es ist ja nicht zum ersten Mal, dass die historisch informierte Aufführungspraxis bis tief in das romantische Repertoire hinein mit respektablen Ergebnissen erprobt wird. Einer der engagiertesten Befürworter zeitgenössischer Instrumente bei Berlioz-Konzerten schon in den 90-er Jahren war wohl Sir John Eliot Gardiner. Seine gesammelten Berlioz-Aufnahmen mit dem Orchestre Revolutionnaire et Romantique sind soeben als 8 CD Box bei DECCA erschienen.

 

François-Xavier Roth legt nun mit seinem famosen Originalklangkörper Les Siècles eine Aufnahme von „Harold en Italie“ vor. Berlioz etablierte mit diesem 1834 geschriebenen Werk  eine völlig neue Form lange Zeit vor Richard Strauss mit „Don Quixote“. Er setzt die Bratsche (Tabea Zimmermann) nicht als konzertierendes Instrument ein, sondern lässt sie den Erzähler und Protagonisten darstellen. Die Geschichte erzählt  von einem das Sehnsuchtsland Italien durchstreifenden, an Einsamkeit und Liebeskummer laborierenden  Künstler. Die Geschichte ist wohl autobiographisch, ist doch Berlioz selber, nachdem seine Verlobte ihn verlassen hat, durch Italien gereist. In den Bergen trifft Berlioz‘ alter ego Harold auf einen Zug von Pilgern und begegnet einem Liebespaar. Die Story endet – wie könnte es anders sein – mit einem wilden Gelage, das „von Blechbläsern erfüllt und von Räubern bevölkert ist“.  Das Stück ist klanglich visionär, die Orchestrierung des viersätzigen Werks ist rauschhaft kühn. Roth gelingt eine den zerklüfteten Seelenzustand des empfindsamen Antihelden anschaulich spiegelnde klangliche Inszenierung. Ob messerscharf akzentuierte Rhythmen oder tänzerisch gestische Anmut, die speziellen Timbres des zeitgenössischen Instrumentariums versetzen den Hörer in eine eigene Welt, Erlebnisbericht und seelischer Befund in einem.

 

Den Zyklus „Les Nuits d‘été“ lässt Roth auf dem neuen Album vom Bariton Stéphane Degout singen. Textlich basierend auf Gedichten aus der Sammlung „La Comédie de la mort“ von Théophile Gautier, reflektieren die sechs Orchesterlieder wieder einmal die – vorsichtig ausgedrückt – unausgeglichene Gefühlswelt von Berlioz, im Entstehungsjahr 1841 zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen: seiner irischen Frau Harriet Smithson und seiner neuen Gefährtin, der Mezzosopranistin Marie Recio. Die Aufnahme ist indes enttäuschend. Es  mag sein, dass die männlichen Gefühlswelten zwischen rau und zart, gemüthaft und überspannt, feinfühlig und tiefgründig in einer idealen Betrachtung für einen Bariton passen. Degout ist noch dazu einer der besten aus der jungen französischen Sängergeneration. Und doch sind die Lieder voller Schuldgefühle, Todesahnungen und euphorischen Erwartungen bei einem hervorragenden (Mezzo) Sopran, der über wesentlich mehr Zwischen- und Obertöne verfügt, viel besser aufgehoben. Meine Lieblingsaufnahmen mit Regine Crespin und Eleanor Steber bleiben unangefochten auf dem Podest.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

CD BERLIOZ: SYMPHONIE FANTASTIQUE in der Fassung für zwei Klaviere von Jean-Francois Heisser; Stradivari

 

Jean-François Heisser, Pianist, Kammermusiker und Dirigent, u.a. musikalischer Direktor des Orchestre de Chambre Nouvelle-Aquitaine, hat seine eigene durchaus überzeugende Fassung dieser fünfteiligen Symphonie über das “Leben eines Künstlers” schon vor 30 Jahren erstellt.  Im Gegensatz zu Franz Liszt, der sich erstaunlicherweise mit einem Klavier begnügte, hat Heisser seine Transkription der einen riesigen Orchesterapparat erfordernden Symphonie Fantastique für zwei Klaviere entworfen. Laut Heisser  erlaubt das Spiel von zwei Klavieren eine durchsichtigere Polyphonie, einen höheren Farbenreichtum in denselben Registern und profitiert von der Möglichkeit des unterschiedlichen Einsatzes der Pedale.

 

Gemeinsam mit Marie-Josèphe Jude bietet er das transparent präsentierte Stück auf einem raren Piano Pleyel vis-à-vis  aus dem Jahr 1928 dar. Das im Pariser Museum für Musik ausgestellte, stets für Konzerte bereit gehaltene Instrument misst 2,46 x 1,40 Meter. Der volle, perfekt verschmelzende Klang resultiert aus einem gegenüber einem “normalen” Flügel größeren einzigen Resonanzraum und überzeugt auch auf der CD. 

 

Eine Aufnahme aus dem und für das Kuriositätenkabinett? Sicherlich, aber eine, die mit zwanzig Fingern eine erstaunliche Fülle an Details, die sonst im Überschwang des (dicken) Orchesters absorbiert werden, neu hörbar machen. Besonders in der “Szene auf dem Lande” und dem “Hexensabbat” ist der Eindruck, den das “kleine Orchester” hinterlässt, äußerst intensiv. Ich weiß nicht, wie sich ein Opiumrausch anfühlt. Aber unser Künstlerheld aus der Symphonie, der aus Angst vor unerwiderter Liebe zu diesem Mittel greift, halluziniert ja in Tönen vor sich hin bis zum Traum einer nächtlichen Hexenorgie. Der skelettierte, bunt bewegliche Sound lässt Extreme noch schärfer hervortreten, plastisch und unerwartet wie in der Geisterbahn aufleuchten. Heisser und Jude experimentieren mit den komplexen Rhythmen, setzen auf markante Kontraste und pastose Klangmalerei. Gewagtester Ausdruck und Spannungsbögen bis hin zur Groteske und Horrorvision gehen ihnen vor Schönklang. 

 

Das Album hält also eine gelungene Alternative zur Klavierfassung von Liszt bereit und wird wahrscheinlich von einigen Musikfreunden noch dichter wie die originäre Orchesterfassung von Berlioz selbst empfunden werden.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

CD BERLIOZ: THE DAMNATION OF FAUST – BBC Broadcast live aus der Royal Festival Hall vom 25. Februar 1953; Cameo Classics

 

Eine weiterer historischer Schatz aus der Itter-Broadcast Sammlung: Die Rundfunkaufnahme von Berlioz’ “Damnation de Faust” in englischer Sprache unter der musikalischen Leitung von Sir Malcolm Sargent aus dem Jahr 1953 ist nun in großartiger Tonqualität auf dem Markt. Sargent war von 1950 bis 1957 Dirigent des BBC Symphony Orchestra und der BBC Choral Society. Seine einzigartige Begabung in der Arbeit mit Chören acht sich auch auf dieser Aufnahme positiv bemerkbar. Beste britische Chortradition verpflichtet eben. Artikulation, dynamische Differenzierung,  Volumen und Klangsprache sind vorbildlich. Richard Lewis als Faust ist eine Offenbarung an präziser Deklamation. Sein lyrisch liedhafter Vortrag und das so persönliche, mit Melancholie umflorte Timbre geben der Figur des Faust ein starkes Eigenprofil. Marian Nowakowski beeindruckt mit rabenschwarzem Bass als schuftiger Mephistopheles. Die Australierin Dame Joan Hammond (in den dreißiger und vierziger Jahren auch an der Wiener Volksoper und Staatsoper engagiert) reüssiert als Marguerite. Ihr expressiver Vortrag und das wundervoll dunkle, noble Timbre lassen auch heute noch nachvollziehen, warum ihre legendäre Aufnahme von ‚O mio babbino caro‘ (O My Beloved Father) aus Puccinis “Gianni Schicchi” mehr als eine Million Mal verkauft wurde. Hervey Alan ist Brander. Musikalisch wäre dieser “Faust” ohne jede Einschränkung zu empfehlen. Leider beeinträchtigt eine penetrante Huster-Fraktion zwischendurch erheblich das Hörerlebnis. 

 

Fans von Elisabeth Schwarzkopf werden sich über die das Doppelalbum ergänzende Aufnahme des “Te Deum” von Antonín Dvořák (Teil eines Gedächtniskonzertes) freuen. Hier handelt es sich um einen Mitschnitt aus der Royal Festival Hall vom 26. Mai 1954. Wiederum dirigiert Sir Malcolm Sargent, es singen und spielen die BBC Choral Society und das BBC Symphony Orchestra. Die Soli werden vom Bariton Bruce Boyce und Elisabeth Schwarzkopf natürlich glänzend dargeboten. Eine Repertoirerarität in klanglich historischem Prunkgewand. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

Diese Seite drucken