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Harald Haarmann: VERGESSENE KULTUREN DER WELTGESCHICHTE

29.07.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Harald Haarmann:
VERGESSENE KULTUREN DER WELTGESCHICHTE
25 verlorene Pfade der Menschheit
224 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2019

Glücklicherweise ist das Interesse an dem, was man nicht weiß, bei vielen Leuten groß. Ein Buch wie „Vergessene Kulturen der Menschheit“ von Harald Haarmann (im Hauptberuf Sprachwissenschaftler), das „25 verlorene Pfade der Menschheit“ verheißt, erregt also Neugierde – vor allem bei jenen, die sich selbst schon aufgemacht haben, um auf dieser Welt nicht nur das touristisch Übliche, sondern auch das Besondere zu sehen.

Dann merkt man schon am Inhaltsverzeichnis, dass nicht alle Kulturen, die der Autor als vergessen behandelt, es auch sind – die Pyramiden von Teotihuacan (Mexiko) oder die Tempelanlage von Angkor Wat (Kambodscha) stehen seit langem auf den Angeboten der Fernreise-Büros und leben im Bewusstsein der Menschen, die sie besucht haben oder besuchen wollen. Anderes, schwerer zugänglich, hat dennoch seine relativ breite Beachtung gefunden – die Steingiganten der Osterinsel, die Zyklopenmauern von Simbabwe, die Stelen im äthiopischen Aksum. Und wer in der Vergangenheit noch zur rechten Zeit gekommen ist, um Syrien zu bereisen, hat Palmyra noch in altem Zustand gesehen (und kann über die Zerstörungen, wie sie von den Medien berichtet werden, mitweinen).

Doch es bleibt noch genügend, was man als neu hier erfährt, und es lohnt sich, dem Rat des Autors zu folgen und die Artikel nicht nach Lust und Laune (wozu sie einladen würden), sondern in der gegebenen Reihenfolge zu lesen, denn dann ist auch eine zeitliche Chronologie gegeben.

Haarmann, der die etwas seltsame Methode pflegt, seine Fußnoten gleich mit Hilfe von Klammern in den Text zu setzen, betont – und beweist es auch Schritt für Schritt -, wie groß die Errungenschaften von fast vergessenen Völkern schon waren, und sei es nur, dass der Speer des „homo heidelbergensis“ so ausgereift und perfekt war wie heute ein Speer, den man bei den Olympischen Spielen einsetzt. ..

Die Reise beginnt also in der Frühzeit der Menschen und stellt interessante Fragen: Wie kam es, dass im tiefsten Anatolien die Tempelanlage von Göbekli Tepe nicht innerhalb einer Stadt liegt, sondern weit entfernt von jeder menschlichen Siedlung? Und wieso haben die Menschen in Catalhöyük, um in der Region zu bleiben, ihre Stadt unterirdisch gebaut, Raum an Raum, ohne Straße, ohne Zentrum, nur von den Dächern her zu erreichen?

Es gibt Kulturen, die man nicht genau orten kann, jene Handelsmetropole Dilmun, irgendwo am Persischen Golf, oder jenes legendäre Goldland Punt, zu dem die ägyptische Pharaonin Hatschepsut eine friedliche Expedition ausschickte – aber wo war es eigentlich?

Dass man in China die Mumien von ausgesprochen „europäischen“ Menschen gefunden hat, erregte bei den chinesischen Wissenschaftlern keinerlei Staunen und Bewunderung, sondern nur – aus der Distanz von Jahrtausenden! – Fremdenfeindlichkeit. Auch Fremde, deren Herkunft nicht wirklich erklärbar ist, sind wohl die so „europäisch“ wirkenden „Wolkenmenschen“ von Peru…

Der Autor findet unterdrückte Kulturen: Mehr noch als die Römer die Etrusker „auslöschten“, ist es den Griechen mit der Urbevölkerung der Pelager gelungen, gleichgültig, ob die erobernden Völker von denen, die sie verdrängten, gelernt haben oder nicht.

Einzelne Geschichten kann man belegen – von den Amazonen zum Beispiel, Kriegerinnen fand man am Schwarzen Meer, nur sie mussten sich keine Brust abschneiden, weil das für das Bogenspannen und –schießen gar nicht nötig ist… Erzählen kann man (wieder einmal) die Geschichte der Königin Zenobia, die von Palmyra aus die Römer bekämpfte. Anderes vernimmt man erstmals mit Staunen: Etwa dass nicht erst die gewissenlosen Kapitalisten von heute damit begonnen haben, den Regenwald zu vernichten. Präkolumbianische Großsiedlungen in der Amazonas-Region zeigen massive Erdwerke in Gestalt von Gräben und Wällen, mit denen sich die Eingeborenen in die Landschaft hineingearbeitet haben. Hier fragt der Autor zum letzten und zeitlich „jüngsten“ Kapitel seines Buches (13. 14. Jahrhundert nach Christus), ob die Geschichte von Umwelteinflüssen durch Menschenhand nicht viel älter ist, als wir vermutet haben…

Alles in allem ist es ein buntes Angebot von Völkern, Einzelmenschen, Tempelanlagen, Kulturen, Zivilisationen, Religionen, und immer wieder steht man vor Rätseln. Und manche Bilder werfen unbeabsichtigt zusätzliche Fragen auf: Wenn beispielsweise die aufrecht stehenden Sarkophage der Chachapoya-Kultur in den Anden (Seite 148) den Statuen der Osterinsel, die ein paar Seiten weiter abgebildet sind (Seite 160), verblüffend ähnlich sehen…

Renate Wagner

 

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