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HANS ROSBAUD dirigiert RICHARD WAGNER

13.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0747313903689

HANS ROSBAUD dirigiert RICHARD WAGNER, SWR Classic CD

Südwestfunkorchester Baden-Baden; Originalbänder 1955-1959 Remastered

Erstveröffentlichung

Der gebürtige Grazer Hans Rosbaud war ein musikalisches und Sprachen-Multitalent. Er glänzte nicht nur als fantastischer Pianist, sondern spielte viele Orchesterinstrumente, fünf Sprachen soll er fließend beherrscht haben. Karriere machte er aber nicht in Österreich, sondern in Deutschland und in Frankreich. Nach dem Krieg begründete er gemeinsam mit Ernest Bour die Festspiele in Aix-en Provence. Seine Stationen waren nach dem Studium am Konservatorium in Frankfurt am Main, der Posten des Direktors der Musikhochschule Mainz und die Leitung des dortigen Sinfonieorchesters. 1928 wechselte er zum Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt, Stationen in Münster und Straßburg folgten.

Die musikhistorische Bedeutung basiert auf Rosbauds Engagement für zeitgenössische Musik. 1954 dirigierte er die konzertante Uraufführung von Schoenbergs Moses und Aron in Hamburg, auch die szenische Uraufführung 1957 in Zürich fand unter seiner Stabführung statt. Aber Rosbaud auf dieses Repertoire, das er erfolgreich auch in Donaueschingen pflegte, zu reduzieren, wäre einseitig. Neben Mozart in Aix-en Provence hat Rosbaud mit Leidenschaft und Hingabe auch die Werke von Anton Bruckner, Gustav Mahler und Richard Wagner dirigiert. Manche werden den von ihm geleiteten Meistersinger Mitschnitt der RAI aus dem Jahr 1955 mit Hans Hopf, Elisabeth Schwarzkopf und Otto Edelmann kennen. Die vorliegende CD stellt Rosbaud als interessanten Wagner Instrumental-Interpreten ins Rampenlicht. Zu hören sind die erstmals aus den Archiven geholten Ouvertüren zu Rienzi, zum Fliegenden Holländer, zu Tannhäuser und die Vorspiele zu Lohengrin (1. und 3. Akt), zu Parsifal und die Einleitung zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg.

Jede Pauschalierung verbietet sich natürlich, aber um es anschaulicher erklären zu können, sei gestattet anzumerken, dass Rosbauds Wagner-Sicht primär stark intellektuell mit der Partitur unter der Lupe geprägt ist. Sofort auffällig sind die extremen dynamischen Ausschläge und das helle Klangbild. Schon bei der Rienzi Ouvertüre scheint die Zeit manchmal still zustehen, nur um dann in einer kunstvoll aufgebauten, langsamen Steigerung rasant dem Finale entgegenzueilen. Diese Fertigkeit, Bögen zu spannen, verbindet ihn mit Knappertsbusch. Die Klangtextur selber ist aber jederzeit transparent und sachlich. Die allerhöchste Akribie, die Durchhörbarkeit auch in den großen Aufschwüngen, das wie ein Uhrwerk präzise Erarbeitete und kontrolliert Passionierte sind Rosbauds Wagner-Interpretationen ebenfalls inhärent. Es ist einigermaßen verwirrend, Wagner so zu hören. Vor allem die eigenwillige Temporegie ist so eine Sache, die man mögen kann oder auch nicht.

Für das Vorspiel zu Wagners Parsifal braucht Rosbaud 13,26 Minuten und ist damit am langsamen Rand der Vergleichsskala. Von allen Aufnahmen, die ich habe, sind nur Knappertsbusch (Bayreuth 1951) und Karajan (Studioaufnahme) mit 14,14 Minuten, sowie Sir Mark Elder mit 14,10 Minuten noch gedehnter. Kubelik braucht in seiner Aufnahme mit dem Bayerischen Rundfunk 12,04 Minuten, die Flottesten sind Pierre Boulez (Bayreuth) mit 10,27 Minuten und, wer hätte es gedacht, Christian Thielemann an der Wiener Staatsoper mit 11,03 Minuten Spielzeit.

Die hohe Qualität in der Wiedergabe liegt aber wie schon angedeutet in der Beherrschung des Apparats, dem „Drill“ könnte man fast sagen, und in der starken Eigensicht auf die so oft gespielten Partituren. Das Klangbild ist trotz des Remasterings historisch, authentisch und klar. Eine interessante Neuerscheinung, die nicht nur das akustische Vermächtnis eines bedeutenden österreichischen Dirigenten erweitert, sondern auch der Interpretation manch reiner Orchesterstücke Wagners eine höchst eigenwillige, aber anregende Spielvariante hinzufügt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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