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HANS PFITZNER: DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN

24.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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HANS PFITZNER: DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN –  cpo 3 CDs

Erste komplette Gesamtaufnahme: Rehabilitation eines spätromantischen Wunderwerks

Der Experimentierwerkstatt Oper Chemnitz und des für die Wiederbelebung von Repertoireraritäten mittlerweile hoch angesehenen Dirigenten Frank Beermann (GMD der Theater Chemnitz und Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie 2007 bis Sommer 2016) verdanken die Opernfreunde schon solch bedeutende Ausgrabungen wie Otto Nicolais „Die Heimkehr des Verbannten“  bzw. „Il Templario“ (das ius primae noctis gebührt hier Chemnitz und nicht Salzburg!) oder Franz Schrekers „Der Schmied von Gent“ (alle auf CD verfügbar). Kaum zu glauben, dass die mutige und nachhaltige Zusammenarbeit der Oper in Chemnitz mit dem Label cpo nun acht Jahre nach der Aufnahme der „Rose vom Liebesgarten“ vom Juni 2009 wieder für eine der überraschendsten Opernaufnahmen des Jahres gut ist.

Wer diese Oper bislang hören wollte, musste auf die zwar künstlerisch interessante, jedoch arg gekürzte und klangtechnisch völlig unzureichende Aufnahme aus München 1953 unter Robert Heger mit Bernd Aldenhoff, Trude Eipperle, Max Proebstl, Paul Cuen und Marcel Cordes zurückgreifen.  „Die Rose vom Liebesgarten“ ist nun erstmals in voller Länge in allerbester Klangqualität erhältlich und dadurch erstmals einem wirklichen Urteil zugänglich. Gleich soviel: Wer die Chromatik und Tonsprache Wagners liebt, wird hier voll auf seine/ihre Kosten kommen. Die Musik im postbayreuther Fahrwasser enthält Elemente der  effektvollen Instrumentierung von Richard Strauss, des dunklen Glanzes Debussyscher impressionistischer Klangrede mit typisch keusch-rezitativischen Pfitznerschen Vokallinien. 

Jede Diskussion um Epigonentum beiseite, der Musikfreund darf abseits aller (möglicherweise berechtigten) Merkerkreide wegen „akustischer Korrektheit“ eine Oper (und vor allem geniale Vorspiele) genießen, die es mit den besten und weitaus bekannteren Schöpfungen etwa aus der Feder etwa Engelbert Humperdincks allemal aufnehmen kann. Als Gegenentwurf zu den naturalistisch-veristischen Opern des französisch-italienischen Repertoires ist „Die Rose vom Liebesgarten“ eine spätromantische Märchenoper auf ein Libretto von James Grun, inspiriert von Bildmotiven des Malers Hans Thoma. Es geht – kurz gesagt – um eine bukolisch ritterliche Liebesgeschichte (zwischen Siegnot und Minneleide) rund um eine zaubermächtige Rose. Das märchenhaft Böse spielt sich effektvoll im unterirdischen Höhlenreich  des Nachtwunderers (samt Zwergen) ab. Siegnot verliebt sich in die lichtscheue Waldkönigin, die Elfe Minneleide. Letztere flieht aber das Licht und wird entführt. Nach gescheiterter Prüfung, Zusammenbruch des Zwergenreichs samt Tod des Helden, Entsagung der Minneleide vom Elfenkönigreich steuert alles auf ein Happy End zu: Sie öffnet mit der Rose das Frühlingstor, final wird sie von der Sternenjungfrau begnadigt, die auch Siegnot zu neuem gemeinsamen Leben im Liebesgarten erweckt.  Natürlich ist jede Ähnlichkeit mit Rheingold oder Siegfried richtig gehört. Ich finde aber, vom Genre her ist die Oper eher Dvoraks Rusalka vergleichbar.

Sicher ist, dass das vor Alliterationen nur so strotzende Libretto (wie nicht wenige deutschsprachige Libretti) ziemlich hölzern ist. Das ist schon dem Dirigenten Josef Keilberth aufgefallen, der diesem Manko durch ausgedehnte Striche abzuhelfen versuchte. Allerdings hat sich schon zuvor Bruno Walter vehement für die Oper eingesetzt. Die Wiener Erstaufführung  vom 6. April 1905 dirigierte immerhin Gustav Mahler in Bühnenbildern von Alfred Roller. 

Was die Musik anlangt, die viel weniger streng und also ganz anders als der monolithische „Palestrina“ klingt, gibt es zwar ausreichend Parallelen mit Wagners Bühnenwerken samt Leitmotivtechnik, der musikalische Fluss ist aber lyrischer.  Michael Schwalb spricht zutreffend von einem „eher kleinzelligen, aus dem romantischen Lied entwickelten Prinzip des Poetischen“. Ganz herrlich sind die Vorspiele,  besonders dasjenige zum ersten Akt. Erstaunlich, mit welch hoher Qualität die Robert-Schumann-Philharmonie das Flirren und Lichtdurchwobene der musikalischen Naturbeschwörungen in schillernde „Klangfarbenmelodien“ zu übersetzen vermag. 

Diese Oper ist ein Glücksfall für die CD. Man spart sich eine mehr oder weniger peinliche Inszenierung, kann sich ganz auf den musikalischen Fluss, die vielfältigen teils auch hochoriginären Eingebungen konzentrieren und sich auch einmal über die  mangelnde Textdeutlichkeit der Sängerschaft freuen. Gesungen wird nämlich ganz ausgezeichnet. Allen voran überzeugt Eric Caves in bester James King-Attitüde als silbrig heldentenoraler Held Siegnot. Seine angebetete Minneleide, Elfe von Quellenstein, wird von der dramatischen Sopranistin Astrid Weber rollendeckend und ungeachtet leichter Schärfen in der Höhe vokal eindringlich  gestaltet. Der junge finnische Bass Kouta Räsanen darf dunkel-mächtig in die Rollen des Waffenmeisters, Edeling vom Liebesgarten, und vor allem des Nacht-Wunderers schlüpfen und als düsterer Finsterling beeindrucken. In weiteren Rollen reüssieren Andreas Kindschuh (Sangesmeister, Edeling vom Liebesgarten), Jana Büchner (Schwarzhilde, Waldweibchen, Dienerin der Elfe), Tiina Penttinen (Rotelse) und André Riemer (Der Moormann, Sumpfbewohner). Das Hauptlob aber gebührt dem umsichtigen Dirigat des Frank Beermann, der Wagner-erfahren, für die richtige Balance aus dramatischer Klammer und detailbesessener Binnenspannung, Klangsinnlichkeit und struktureller Klarheit sorgt. 

Fazit: Eine überaus lohnenswerte Begegnung. Für alle Avantgarde Liebhaber sei noch hinzugefügt, dass die bei der Wiener Premiere anwesenden Komponisten Alban Berg, Anton von Webern und Arnold Schönberg in ihren Werken (erstes der Fünf Orchesterstücke von Webern, Invention über den Ton h bei Maries Todesszene im Wozzeck und Fünf Orchesterstücke Op. 16 von Schönberg) bewusst musikalische Anleihen aus dieser Pfitzner Oper genommen haben. Nasenrümpfen ist also nicht angesagt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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