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Hans Kitzmüller: WEIT WEG VON WIEN

20.03.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Kitzmüller, Nora Gregor jpg

Hans Kitzmüller: 
WEIT WEG VON WIEN
236 Seiten, Verlag
Braitan, 2014

Mit einem Austrofaschisten verheiratet gewesen zu sein, dem die Nachwelt absolut keine Kränze flicht, das war wohl genau so verderblich für den Nachruhm, wie mit den Nazis in Zusammenhang gebracht zu werden: Anders ist nicht zu erklären, wie gering – bislang – die Nachhaltigkeit der Schauspielerin Nora Gregor war.

Immerhin hat sie mehrere Karrieren gemacht, durfte bei Reinhardt beginnen, landete dann in Hollywood, kam ans Wiener Burgtheater, und schließlich war sie auch noch während des Krieges in einem einst wenig, später sehr hoch geschätzten Film von Jean Renoir dabei. Immerhin eine Karriere – aber was weiß man von ihr? 2008 hat ihr die Viennale einen Filmschwerpunkt gewidmet und an ihre Schönheit und ihr Talent erinnert. Nun gibt es „ihr“ Buch – sofern und soweit es ihres ist.

„Weit weg von Wien“, von Hans Kitzmüller basiert auf „in Santiago de Chile verloren gegangenen“ (!!!) „Aufzeichnungen in grüner Tinte, an manchen Stellen ergänzt und größtenteils neu geschrieben.“ Das hinterlässt den Leser, der so etwas genauer wissen will, eher ratlos: Gibt es ein Original? Zweifelsfrei wird das nicht bestätigt (auch nicht mit Angaben, wo sich dieser Nachlass nun eigentlich befinden würde.) Oder ist alles nur ein Roman, der sich als Autobiographie ausgibt und zweifellos, das merkt man immer, viel aus zeitgenössischen Quellen und zeitgenössischem Wissen schöpft? Es ist ein Zwitterwerk, das im Zwielicht bleibt, und das man als solches annehmen muss.

Nehmen wir also an, die noch gar nicht alte Nora Gregor – etwas Mitte über 40 war sie damals – erinnert sich im chilenischen Vista del Mar, der letzten Station ihrer Emigration, an ihr Leben. Sie beginnt mit dem schicksalhaften Abend Ende November 1934, als der Waffenfabrikant Fritz Mandl einen großen Ball gab und dort auch seine schöne Gattin, Hedwig Kiesler, schon ein Skandalstar des Films, herumschwebte, Ödön von Horvath sich der schönen Nora Gregor annahm und ihr Klatsch erzählte, und sie schließlich den Mann kennen lernte, der vielleicht nicht ihre große Liebe, aber wohl ihr Schicksal sein sollte: Ernst Rüdiger Starhemberg, der unter Dollfuß Vizekanzler und prominenter Führer der Heimwehr war, also höchste Polit-Prominenz der österreichischen Zwischenkriegszeit, außerdem immer noch (der Adel in Österreich wurde ja nur auf dem Papier, nicht in den Köpfen abgeschafft) „Fürst“ genannt – wie seine Vorfahren es ja waren. (Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg, der namensgleiche Vorfahr, hat erfolgreich bei der Zweiten Türkenbelagerung Wiens 1683 mitgewirkt.) Liebe auf den ersten Blick war es wohl nicht…

… aber das Buch springt nun zurück, nach Hollywood 1932, wo Nora mit ihrem Anbeter, lange nur „Doug“ genannt, aber bald als Douglas Fairbanks jr. kenntlich (immerhin), eine Reise durch die Wüsten und zum Grand Canyon unternimmt, ein Kapitel, das weniger dafür geeignet ist, ihre Hollywood-Karriere zu beleuchten, wo sie zwischen 1929 und 1932 tätig war, sondern vor allem um die Sehnsucht nach Österreich und dem Wunsch, lieber Theater zu spielen, zu erklären.

Wie weit es Nora Gregor, eine von vielen Europäerinnen in Hollywood, wirklich gebracht hätte, weiß man nicht – immerhin sind die Überlegungen der damals (Jahrgang 1901) ungebrochen schönen Frau nachzulesen, wie schwer es sei, den Anforderungen der Kamera nach makelloser Schönheit nachzukommen… (Ihre erste Ehe mit dem Pianisten Mitja Nikisch, dem Sohn des Dirigenten, wird kaum erwähnt – Alkoholiker sei er gewesen, in Hollywood habe er sie verlassen.)

Die Erinnerungen / der Roman – Kitzmüller geht hier nicht chronologisch vor: Immer wieder blendet die Geschichte in die damalige Gegenwart, 1948 in Chile, wo Nora Gregor mit ihrem 1934 geborenen Sohn Heini bei einer reichen Freundin Unterschlupf gefunden hatte (Das Geburtsdatum wurde später auf 1937, das Hochzeitsjahr der Eltern, geschönt, aber der „uneheliche“ Sohn war schon um einiges früher da).

Von da geht es, nicht immer der Reihe nach, in die Vergangenheit: Ein Interview, das sie 1933 gab, liefert Informationen aus erster Hand, vor allem das ungeheure Glück, das sie empfand, als sie tatsächlich an das Burgtheater engagiert wurde und im Oktober 1933 erstmals auf den Brettern des Akademietheaters stand. Kritiken, die sie regelrecht feierten (in einer hymnischen Sprache, die Kritikern heute gänzlich verloren gegangen ist), können zahlreich zitiert werden. Wie schön, wie natürlich, welch wunderbare Sprecherin…

Und während sie am Burgtheater keine Geringere als Maria Theresia spielte (in einem Gebrauchsstück von Hans Sassmann), wurde Nora Gregor von Starhemberg umworben und bekam heimlich seinen Sohn – der „Fürst“ war noch verheiratet, ließ sich später wegen der Unfruchtbarkeit seiner ersten adeligen Gattin scheiden. Nora Gregor heiratete ihn dann im Dezember 1937 angeblich nur, um die Rechte ihres Sohnes zu sichern, denn dass der Mann, der nur Politik im Kopf hatte, und die Frau, die nur an die Kunst dachte, nicht wirklich zusammen passten, scheint ihr damals schon klar gewesen zu sein.

In einer Episode von 1936, als Nora Gregor wieder einmal in ihre Geburtsstadt Görz heimkehrte, ergibt sich Gelegenheit, über ihre Mutter, ihre Jugend zu erzählen, später erfährt man auch etwas über den Vater, über den Einfluß, den Alexander Moissi nahm, um Noras Karriere als Schauspielerin durchzusetzen, schließlich ihre Arbeit mit Max Reinhardt, als sie Anfang der zwanziger Jahre noch pudeljung war – dies wird kürzer und beiläufiger im Text verfließend behandelt, als es für die Schauspielerin Nora Gregor gerechtfertigt wäre.

1938 erreichte der „Anschluß“ die junge Familie im Schweizerischen Davos, und so sehr Starhemberg früher mit den Nazis geliebäugelt hatte, so wünschte er doch zu sehr ein unabhängiges Österreich, um in der „Ostmark“ willkommen zu sein: Nora Gregor hatte den falschen Mann geheiratet und ihre leidenschaftlich geliebte Heimat verloren. In der kurzen Zeit, die sie in Paris als Emigranten lebten, drehte sie den Film „La Règle du jeu“ mit Jean Renoir.

Aber damals gab es keine Spielregeln mehr – von Frankreich nach Portugal, weiter nach Argentinien, eine Frau mit Kind, denn Starhemberg blieb zurück, um an der Seite der Franzosen gegen die Deutschen zu kämpfen. Wie schwer es für ein Luxusgeschöpf wie Nora Gregor war, die Unsicherheiten und Entbehrungen der Emigration auf sich zu nehmen, wird klar.

Wieder kreuzte Fritz Mandl ihren Weg (seine Ex-Gattin war als Hedy Lamarr in Hollywood gelungen, was Nora nicht geschafft hatte – ein echter Star zu werden), und der übel beleumdete und wohl auch üble Waffenhändler hatte immer Glück und Geld: Er war es schließlich, der Nora Gregor und ihren Sohn unterstützte. Und als Starhemberg nach dem Krieg zu seiner Familie stieß, lebte er auch bei / von Mandl. Es war allerdings keine „glückliche Ehe“, die da wieder aufgenommen wurde, im Gegenteil.

Wahrlich dramatisch die Situation, wie sie sich selbst den Boden unter den Füßen wegzog: Als sie kundtat, wie ekelhaft ihr das Milieu war, in dem sie in Mandls Welt lebte, sagte ihr Gatte kühl: „Meine Liebe, dort ist die  Tür, sie steht dir offen.“ Nora ging, von Argentinien nach Chile, wo sie Unterschlupf fand und bis zum Ende ihrer Tage vergeblich auf eine Heimkehr nach Österreich hoffte. Aber das Burgtheater ließ sie wissen, dass das Fach der älteren Darstellerin im Haus mehrfach besetzt sei…

Es war kein Selbstmord, als Nora Gregor am 20. Jänner 1949, kurz vor ihrem 48. Geburtstag starb, darauf besteht der Autor. Man kann ja auch „gebrochenes Herz“ sagen. Tragisch tritt einem dieses Schicksal, das mit einem langen Brief an den Sohn Heini endet, wahrlich entgegen.

Und doch – man muss noch einmal darauf bestehen: Man würde wirklich gerne wissen, wie viel an diesem Buch nicht nur im übertragenen Sinn „echt“, sondern auch O-Ton ist (abgesehen von einigen wirklich gestelzten, gestrigen Formulierungen, die ein heutiger Autor auch kaum gebrauchen würde, wenn er sich historisierend einfügt.)

Doch, wie dem auch sei – Nora Gregor ist lebendig geworden, im wilden Auf und Ab eines Schicksals in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn es noch eine Theaterwissenschaft gäbe, sähe man darüber hinaus gerne ihre Theaterkarriere aufgearbeitet.

Renate Wagner

 

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