Hanauer Heimspiel mit französischem Esprit

Jens Troester. Foto: Mike Bender
Der Congress Park in Hanau verwandelte sich am Abend des 9. Mai in einen Ort französischen Esprits. Jens Troester und die Neue Philharmonie Frankfurt luden zum vierten Konzert der Reihe „Congress Park Sinfonie“ – und sie taten es mit der gewohnten Hingabe und handwerklichen Präzision. Das Orchester, das zwar den Namen der nahen Metropole Frankfurt im Titel trägt, seine künstlerische Heimat aber mit Fug und Recht in Hanau behauptet, servierte ein Programm wie ein exquisites Drei-Gänge-Menü: Lili Boulanger als spritziger Aperitif, Frédéric Chopin als virtuose Hauptspeise und César Franck als gewichtiger, aber keineswegs schwer verdaulicher Digestif.
Den Auftakt bildete Lili Boulangers „D’un matin de printemps“. Die viel zu früh verstorbene Komponistin hinterließ mit diesem Scherzo ein Werk von einer Farbigkeit und Raffinesse, die selbst Debussy oder Ravel die Schamesröte ins Gesicht treiben könnte. Troester führte das Orchester mit bemerkenswerter Akribie durch die wenigen Minuten. Hier gab es keine impressionistische Beliebigkeit: jede Klangfarbe war fein ziseliert, jede Linie klar gezeichnet. Das Orchester agierte so wach und reaktionsschnell, als sei die Partitur erst gestern für genau diesen Raum geschrieben worden. Ein Auftakt, der die Sinne schärfte und die Ohren für das Kommende spitzte.
Dann betrat Shaghajegh Nosrati die Bühne für Chopins Klavierkonzert Nr. 2 in f-Moll. Wer dieses Werk spielt, läuft immer Gefahr, im Morast des allzu Sentimentalen zu versinken. Nicht so Nosrati. Sie trat an den Flügel und machte sofort klar, dass Chopin ein Poet mit klarem Verstand und großer pianistischer Substanz ist. Schon im Maestoso des ersten Satzes beeindruckte ihr klar strukturierter Anschlag: die Läufe perlten nicht nur, sie hatten Kontur, Richtung und innere Logik. Mit geschmackvoller Dynamik und feinem Gespür für kleine agogische Freiheiten verlieh sie dem Satz eine erzählerische Qualität, der man sich nur schwer entziehen konnte.
Das Orchester unter Troester erwies sich als ebenbürtiger, sensibler Partner. Es legte der Solistin einen warmen, sonoren und doch zurückhaltenden Klangteppich unter die Finger – immer präsent, aber nie aufdringlich. Im Larghetto erreichte die Zusammenarbeit dann wahre Magie. Nosrati zelebrierte den Belcanto auf den Tasten mit einer Innigkeit und gesanglichen Schönheit, die den gesamten Saal kollektiv den Atem anhalten ließ. Ein Moment reiner, schwereloser Poesie. Wer jedoch dachte, die Solistin könne nur zart und lyrisch, wurde im Finale eines Besseren belehrt. Der feurige Krakowiak explodierte mit technischem Glanz und mitreißendem Elan. Nosrati fegte mit pianistischer Pranke über die Tasten und riss das Publikum zu begeisterten Beifallsstürmen hin. Die Zugabe von Tschaikowsky „Un poco di Chopin“ krönte einen bereits an dieser Stelle rundum gelungenen Konzertteil.
Nach der Pause folgte César Francks einzige Sinfonie in d-Moll. Viele Aufführungen dieses Werks geraten schwer, brütend oder zu trocken akademisch. Die Hanauer Interpretation ging einen anderen, überzeugenderen Weg. Troester erfasste mit chirurgischer Genauigkeit den architektonischen Kern der Partitur und legte großen Wert auf die Klarheit aller Stimmen – Haupt- wie Nebenstimmen –, ohne die emotionale Wärme und Unmittelbarkeit zu opfern. Das einleitende Lento mit seiner wiederkehrenden, beinahe schicksalhaften Frage „Muss es sein?“ erhielt eine ernste, dunkle Schwere, blieb aber nie starr, sondern atmete und entwickelte sich organisch und lebendig. Die Tempi waren stimmig und ließen die Musik atmen. Troester reizte dabei in den Steigerungen die Dynamik bis zum Anschlag aus, was enorm beeindruckte und überzeugte.
Das Allegretto bot dann einen wunderbaren Kontrast. Hier zeigten sich die Holzbläser und besonders die Harfe von ihrer sensibelsten und farbigsten Seite. Das berühmte Solo des Englischhorns erklang mit einer solchen Anmut, Wärme und cantablen Schönheit, dass das Zeitgefühl verschwand. Die Streicher unterstützten diese Klangreise mit präzisen, federnden Pizzicati, die rhythmisch leicht und doch tragfähig wirkten. Troester formte diesen Satz zu einem eleganten, leicht tänzerischen Intermezzo voller innerer Spannung.
Das Finale schließlich wurde zum eigentlichen Höhepunkt des Abends. Hier zog Troester alle Fäden zusammen und machte die zyklische Struktur des Werks lebendig hörbar. Die Wiederkehr der Themen aus den beiden vorangegangenen Sätzen wirkte nicht wie eine formale Übung, sondern als dramatische, triumphale Bestätigung eines großen sinfonischen Gedankens. Das Blech und die Pauke setzten markante, kraftvolle Akzente, die dem Satz die nötige Grandeur und sinfonische Wucht verliehen, ohne je ins Derbe oder bloß Lautstarke abzugleiten. Das Orchester spielte mit einer Spielfreude und einer klanglichen Geschlossenheit, die ansteckend waren und dem Publikum zeigten, welches Potenzial in dieser viel zu selten gespielten Sinfonie steckt.
Am Ende des Abends stand die Erkenntnis, dass Francks d-Moll-Sinfonie viel zu selten auf den Spielplänen erscheint. Wenn sie mit solcher strukturellen Intelligenz, klanglichen Schönheit und emotionalen Offenheit präsentiert wird wie an diesem Abend in Hanau, braucht sie den Vergleich mit den großen sinfonischen Werken anderer Meister nicht zu scheuen. Das Publikum dankte mit langanhaltendem, herzlichem Applaus – einer Anerkennung nicht nur für die Musik, sondern auch für eine echte Sternstunde regionaler Orchesterkultur.
Jens Troester hat einmal mehr bewiesen, dass er sein Handwerk meisterhaft beherrscht und seine Musiker zu Höchstleistungen zu inspirieren vermag. Wer dieses Konzert verpasst hat, darf sich ruhig ein wenig ärgern – oder sich fest vornehmen, beim nächsten Mal dabei zu sein, wenn in Hanau wieder die musikalischen Funken fliegen. Die bange Frage des Beginns wurde an diesem Abend mit einem überzeugten „Oui, bien sûr!“ beantwortet.
Dirk Schauß, 10. Mai 2026
Sinfoniekonzert im Congress Park, Hanau am 09. Mai 2026
Schaghajegh Nosrati, Klavier
Neue Philharmonie Frankfurt
Jens Troester, musikalische Leitung

