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HAMBURG/ Staatsoper: ORPHÉE ET EURIDICE von Christoph Willibald Gluck:

John und Eurydike

06.02.2019 | Allgemein, Oper

Christoph Willibald Gluck: Orphée et Eurydice, Staatsoper Hamburg, Premiere: 03 02.2019

(Koproduktion mit der Lyric Opera of Chicago und der Los Angeles Opera)

John und Eurydike

Nach San Francisco und Los Angeles hatte die Produktion John Neumeiers nun an seiner langjährigen Wirkungsstätte, an der Staatsoper Hamburg Premiere. Wie nicht anders zu erwarten, war der Zuspruch des Auditoriums weitgehend ungeteilt positiv.


Eurydike, Orphée und Amor; ©Kiran West

Neumeier ist seit 1973 Ballettdirektor und seit1996 Ballettintendant und feiert dieses Jahr seinen 80. Geburtstag. Diesen möchte er, so die Staatsoper Hamburg in ihrem Spielplan, mit „seinem“ Publikum feiern: „Für John Neumeier sind Beruf und Privatleben kaum voneinander zu trennen.“ Entsprechend hat Neumeier für seine Produktion die um die Ballette ergänzte Pariser Fassung von Glucks Reformoper gewählt. Und da er nicht zwischen Beruf und Privatleben trennen kann, ist Orpheus nun nicht mehr Sänger sondern Choreograf. Hebt sich zur Ouvertüre der Vorhang über dem im rechten Viertel abgedeckten Graben, wohnt der Zuschauer einer Ballettprobe bei. Orpheus Compagnie (Hamburg Ballett) probt das von Arnold Böcklins „Die Toteninsel“ inspirierte neue Stück. Die Primaballerina kommt offenbar nicht zum ersten Mal zu spät zur Probe und wärmt sich erstmal gemütlich auf, als die Compagnie schon längst hart trainiert. Darüber gerät sie mit dem Choreographen Orpheus in Streit. Wutentbrannt verlässt sie die Probe und wenige Takte später verunglückt Eurydike mit ihrem Auto tödlich. Der Knall ist deutlich zu hören und auf der Bühne werden die Hausecke und das Autowrack, aus dem die tote Eurydike geschleudert wird, sichtbar.


Eurydike; ©Kiran West

Nun beginnt die eigentliche Oper, die Orpheus mehrheitlich von dem Teil des abgedeckten Grabens aus, der mit einem Rasenteppich, einem angedeuteten Baum und einer Parkbank möbliert ist, beobachtet. Das Konzept mit Orpheus als Choreographen führt nun dazu, dass die Aufführung weitgehend spannungslos dahinplätschert und hauptsächlich als Vehikel für das Ballett dient. Szenen, wie Orpheus, der überschwänglich am Autowrack trauert, wie die Tänzer, die Kerzen aufstellen oder wie die Böcklins Gemälde Verschleierte in Weiss, wirken nur unnötig kitschig. Die Architekturelemente, die gerade nach der Pause laufend neu arrangiert werden, tragen wenig zum Verständnis bei. Amor, um ihm alles Göttliche zu nehmen in Jeans und Hoodie, motiviert Orphée mit den Pressebildern Eurydike das Projekt seines Balletts weiterzuverfolgen. Trotzdem erwürgt sich Orphée gegen Schluss fast selbst mit dem Schal, den Eurydike beim überstürzten Verlassen der Probe vergessen hat.

Alessandro de Marchi dirigiert das klein besetzte Philharmonische Staatsorchester Hamburg und den im Graben platzierten Chor der Hamburgischen Staatsoper (einstudiert von Eberhard Friedrich). Obwohl mit de Marchi ein, wie die Biographien vermerken,  Spezialist für die historische Aufführungspraxis engagiert wurde, ist davon leider wenig zu bemerken. Das Orchester klingt breit und breiig, ohne jegliche Ecken und Kanten und die Diktion des Chores lässt anfänglich doch sehr zu wünschen übrig.

Dmitry Korchak gibt unter Hochspannung den Orphée: ihm gelingt erst im dritten Akt die Lautstärke auf ein adäquates Mass zu reduzieren. Andriana Chuchman, die ihre Rolle wie auch Korchak schon in Chicago verkörpert hat,  vermag ihr in der szenisch zerfahrenen Produktion leider auch stimmlich keinen Charakter zu verleihen. Marie-Sophie Pollak (für Elbenita Kajtazi) bewältigt ihre Partie, mehr aber auch nicht.

Anna Laudere als „Double Eurydice und Edvin Revazov als „Double Orphée“ führen die Tänzer des Hamburg Balletts an.

Der Abend zieht sich gewaltig und geht als Ballett durch, bei dem auch noch gesungen wird. Oper geht anders!

Weitere Aufführungen: Samstag 09.02.2019, 19.30 Uhr, Dienstag 12.02.2019, 19.30 Uhr, Samstag 16.02.2019, 19.30 Uhr, Dienstag 19.02.2019, 19.30 Uhr, Sonntag 23.06.2019, 19.30 Uhr

06.02.2019, Jan Krobot (Zürich)

 

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