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HALBERSTADT: DORNRÖSCHEN von Engelbert Humperdinck

03.12.2014 | Allgemein, Oper

HALBERSTADT: DORNRÖSCHEN von Engelbert Humperdinck – Premiere am 30.11.2014  (Werner Häußner)

 Die Welle rollt, von Augsburg bis Wuppertal. An 31 Bühnen – das ist fast die Hälfte der fest bespielten deutschen Opernhäuser – öffnet sich in dieser Weihnachtszeit wieder der Vorhang für Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“. Das Stück gehört zu den meistgespielten überhaupt, rangiert in der Statistik noch vor Dauerbrennern von Mozart oder Verdi. Ein Zeugnis für die ungebrochene Sehnsucht der Deutschen nach Heimeligkeit und Märchenstimmung – sozusagen der ins Opernhaus fortgesetzte Weihnachtsmarkt? Oder ein Beweis für die jämmerliche Einfallslosigkeit in der Dramaturgie-Etage? Vermutlich beides.

Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, den mittlerweile säkularisierten Kulturbürger traditionellen Zuschnitts mit seinen Knusperhexen-Kindheitserinnerungen in die Oper zu locken und darauf zu vertrauen, dass leuchtende Kinderaugen von heute später mit ihren Enkeln das Gleiche tun – wenn sie denn nicht von allerlei regielicher Widerborstigkeit gegen die Lebkuchen-Fraktion abgeschreckt werden. „Hänsel und Gretel“ ist ja auch ein gutes, dankbares Stück: nicht zu lang, gewürzt mit Nachsingbarem, geeignet für ältere Unkündbare am Haus (Mutter, Hexe) und für den frischen Nachwuchs (das Kinderpaar, Tau- und Sandmännchen). Und auch der GMD ist zufrieden: Humperdinck geht als Chefstück durch, da muss man sich nicht schämen.

Und so findet die Hexenverbrennung allweihnachtlich in hohen Fallzahlen statt. An Alternativen denkt man dabei selten. Weihnachts- oder Märchenopern aus anderer Feder? Fehlanzeige. Obwohl von Rimski-Korsakows „Schneeflöckchen“ über Tschaikowskys „Pantöffelchen“ bis hin zu Siegfried Wagners psychologischen Kunstmärchen oder einem umstrittenen, aber herausfordernden Stück wie Pfitzners „Christelflein“ auch mal weihnachtliche Abwechslung möglich wäre. Von Lortzings köstlich-ironischer Kurzoper „Ein Weihnachtsabend“ gar nicht zu reden: Gäbe es Ingolf Huhn mit seinem unermüdlichen Entdeckungswillen in Annaberg-Buchholz nicht, würde das Stück auch zum Christfest 2014 nirgends gespielt. Aber das Erzgebirge ist eben ein Winkel, der mit Weihnachtstraditionen umzugehen weiß.

In all der pfefferkuchengepflasterten Einöde hat nun ein Theater – bezeichnenderweise wieder einmal ein kleines – den Absprung gewagt: Halberstadt besann sich darauf, dass Humperdinck noch einiges anderes zum Genre der Märchenwerke beigetragen hat, und befreite „Dornröschen“ aus seinem Dämmerschlaf. Der „unglückliche Zwitter von Kindermärchen und großer Oper“ (Peter P. Pachl) eignet sich gerade für ein Mehrspartenhaus: Gefragt ist das große Orchester, vor allem für die subtil ausgearbeiteten symphonischen Teile, aber auch der Chor, junge Sänger und Schauspieler und drei Charakterdarsteller für die Königin, den König und die böse Fee Dämonia. Wenn dann noch der hochschwülstige Text des Autorinnenpaares Elisabeth Ebeling und Bertha Lehmann-Filhès aus dem Muff wohlgesetzter wilhelminischer Sprachschablonen geschält und sprachsensibel witzig neu eingekleidet wird, dürfte dem Erfolg bei Kindern und kindlich gebliebenen Erwachsenen nichts im Wege stehen – auch jenseits von Weihnachten.

In Halberstadt hat Regisseur Philip Jenkins sich der Textlast achtbar entledigt. Er persifliert die altertümelnde Diktion, verflüssigt die Sprache, wo es um da Tempo der Handlung geht, und baut ein paar lacherfördernde Kalauer ein: Nicht nur Kinder wissen, was ein „Prinz“ mit „den Prinzen“ zu tun haben könnte … Aus der Distanz wird der Schwulst erträglich, bringt sogar einen gewissen Witz mit.

Das Gegengift zur lehrmeisterlichen Behäbigkeit der Handlung ist die Zeit: Nicht einmal zwei Stunden, Pause eingeschlossen, dauert das Humperdinck’sche „Dornröschen“ – vom Fluch beim Tauffest über den Stich der Spindel am 15. Geburtstag bis hin zur rührenden Wiedererweckung. Dazwischen darf Prinz Reinhold Prüfungen absolvieren und bis zur Sonne reisen. Die Figur, ein geistig abgemagerter Parsifal und Tamino, ist dem Schauspieler Jeremias Koschorz anvertraut. Er bringt seine wenigen gesungenen Sätze eher musicalhaft über die Rampe, macht den Prinzen mit natürlicher Diktion und aufmerksamem Körpereinsatz zu einer jugendlich-sympathischen Figur.

Genau der richtige „Erlöser“ also für das dornenumrankte Röschen. Nina Schubert hat etwas mehr zu singen und gestaltet ihr zentrales Lied mit leichtem, feinem Sopran. Sie trifft den Charakter des wohl behüteten Mädchens, das sich eine kecke Wissbegier bewahrt hat und so prompt in die Falle der bösen Fee Dämonia tappt. Gerlind Schröder gestaltet in dieser Sprechrolle eine Bösewichtin aus dem Bilderbuch – genau so, wie man sich die kreischenden, giftigen Hexen der Geister-Halbwelt vorstellt. Ihr Gegenpart ist die Rosa der Annabelle Pichler: eine fast schon mütterlich sorgende Fee, die von Anfang an den Trost des guten Endes ausstrahlt. Über das Königspaar von Thea Rein und Norbert Zilz konnte man nicht glücklich sein: da wurden die Stereotypen des Schultheaters zu ausgiebig bedient.

Regisseur Philip Jenkins scheint auch nichts anderes im Sinn gehabt zu haben: In den kunterbunten Kostümen von Wiebke Horn bleiben die Figuren in Arrangements stecken, die überraschungslos immer nur das Nächstliegende anpeilen. Auch wenn das Libretto schlecht und das Stück als weihnachtliche Kinder-Unterhaltung gedacht sein mag: Hindernisse für einen originellen Ansatz oder eine psychologische Vertiefung sind das nicht.

Auch die musikalische Realisierung durch das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter Johannes Rieger tröstet über die farbenfrohe Tristesse der Bühne nicht hinweg: Anstelle der bösen Fee erzeugt die Intonation Schauder und Schrecken, und die funkelnden Farben und schmeichelnden Klangmischungen aus der Feder Humperdincks lassen sich nur mit Fantasie aus Rudimenten der Graben-Realität erschließen. Der Prinz, der dieses Orchester wachküssen könnte, muss wohl erst noch gefunden werden.

 

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