ESTSPIELE „GUT IMMLING“;
„LA FORZA DEL DESTINO“
18. Juli 2025
Im wunderschönen Voralpenland im Chiemgau, unweit des „Meeres der Bayern“, dem Chiemsee, liegt der Markt Bad Endorf –Kurort, sympathischer Flecken mit einer großen Therme. Auf einem der Hügel in der Umgebung, geschützt durch einen romantischen Wald, liegt das Gut Immling. Ein malerischer, friedlicher Ort mit vielen Tieren – Pferde, Esel, Ziegen, Federvieh etc. – die hier zum Teil ihr Gnadenbrot erhalten und gepflegt werden.
Dort gibt es heuer zum bereits 29.ten Male Oper – unglaublich! Initiiert und geleitet von einer Person: Ludwig Baumann, Baßbariton aus Rosenheim gebürtig, der am Land mit Tieren aufgewachsen war, dann eine schöne Karriere durchlaufen hatte, die ihn an Opernhäuser von Los Angeles bis Rom, von der Deutschen Oper Berlin bis an die Pariser Oper brachte, ehe ein Bühnenunfall 1994 seine Tätigkeit jäh beendete. Er zog sich auf Gut Immling zurück, organiserte Sänger-Workshops und 1997 die erste Oper auf seinem Grund!
Und sein charismatisches Wirken zeitigte Erfolg, es gab mehrere Opern pro Jahr, die Infrastruktur wurde verbessert und wurde zu einer Institution im Süddeutschen Raum. Ich persönlich bedauere es, daß ich erst dieses Jahr diesen magischen Platz in einer sympathisch–gelösten Atmosphäre besucht habe: das „Gesamtpaket“ ist so etwas von überzeugend und gelungen, daß man nur so staunt.
Aber erstmals zurück jetzt zu Verdis 23.Oper (wenn man „Jerusalem“ nicht als eigene Oper zählt und dem Meister aus Busseto 27 Opern zuschreibt – wie es etwa der in Parma ansässige, berühmte „Club dei ventisette“ tut, wo es nur 27 Mitglieder gibt, wo jeder den Namen einer Oper zugeschrieben erhält!) „Die Macht des Schicksals“, die im ehemaligen Reitstall gegeben wurde. Eine riesige, hohe Halle aus Holz, angenehm temperiert, mit äußerst bequemen Sesseln bestuhlt und einer enormen Bühne und einem großen Orchestergraben – alles echt überraschend!
In diesem Orchestergraben nahm dann das „Festivalorchester Immling“ Platz – ein großes Orchester von einer erstaunlichen Qualität, das offenbar sehr gut vorbereitet worden ist, wirklich „transalpinen“ Verdi-Klang bereitete und dem Abend ein ausgezeichnetes Fundament bot – ja mit zu den besonders erwähnenswerten Leistungen gehörte! Auch der enorme „Festivalchor Immling“ bestach durch Spielfreude und klangliche Opulenz! Es waren mehr Akteure auf der Bühne als bei weit größeren und bekannteren Festspielen. Ein weiterer Pluspunkt war die erstaunliche Akustik – leider muß man es heute ja direkt schon erwähnen, an sich ein Trauerspiel, es wurde OHNE irgendwelche technischen Verstärkungen gespielt und gesungen.
Zentraler Angelpunkt des Abends war Cornelia von Kerssenbrock, die musikalische Leiterin des Festivals. Sie zeichnete nicht nur für das Dirigat, sondern auch für die Chorleitung u verantwortlich. Großes Lob für die Leitung des Orchesters, das ja „zusammengewürfelt“ ist, ausgeglichen in den Gruppen, wohldosiert und von mediterranem Klange. Die Maestra war den ganzen Abend über mit vollem Einsatz bei der Sache, scheint unendliche Energien zu haben und konnte einen spannenden, musikalischen Bogen über den Abend spannen. Der Vollständigkeit halber muß ich aber dennoch anmerken, daß sie manchmal sehr flott unterwegs war – wobei schon richtig ist und ich da einem alten Spruch zustimme, besser ne Spur zu schnell als ne Spur zu langsam! Aber das erfreulicherweise zu hören gewesene zweite Duett zwischen Alvaro und Don Carlo im Feldlager von Velletri trieb sie so durch, daß die beiden Männer schon gehörig nach Luft schnappen mußten; so schnell hab ich dieses Stück noch nie in meinem Leben gehört, weder live noch auf einer Aufnahme, und das waren sehr viele! Trotz dieser Beckmesserei eine ausgezeichnete Leistung! Mit der szenischen Umsetzung durch ihre Schwester, Verena von Kerssenbrock, war ich weit weniger zufrieden!
Obwohl man insgesamt von einer ästhetischen Wiedergabe in schönen Farbtönen berichten kann, erschloß sich mir die Quintessenz des Ganzen kaum – im Programmheft lese ich prinzipiell nicht nach. Zwei „Masken“ ( Geister, Perchten?) in wunderschönen Phantasiekostümen sollten „das Gute“ und „das Böse“ personifizieren – sie waren fast dauernd im Einsatz. Am störendsten im Finale, wo der „gute Geist“ Leonora mit sich über eine Treppe ( ins Jenseits?) führte und den verzweifelten Alvaro mit dem Guardiano einfach stehen ließ: das himmlische Finalterzett wurde so empfindlich gestört – für mich sogar zerstört.
Eines geht für mich gar nicht: daß man bewußt Übertitel in deutsch durch falsche Übersetzungen auf die Inszenierung „hintrimmt“! So wurde Guardianos Phrase: „No, venite fidente alla croce“ mit „Kommt unter das Schicksalsrad“ eingeblendet!!!! Zufällig blickte ich da gerade nach oben. Es war auch tatsächlich kein Kreuz, sondern eine Art Steuerrad, aber kein einziges christliches Symbol zu sehen – bekreuzigt haben sie sich allerdings schon bei der „Preghiera“ im zweiten Bild, aber das war es schon. Und das gerade in der „Forza“, wo es so oft wie in keinem anderen Verdi-Werk um christlich-relgiöses geht im erzkatholischen Spanien und Italien! Auch daran wurde man in keinster Weise erinnert, vielmehr trugen die Mönche an buddhistische Klöster erinnernde orange „Tracht“, was „La Vergine degli angeli“ auch nicht gerade zuträglich war. Alvaro kam im ersten Bild mit einem moslemischen (?) Beduinenkopftuch daher (Kostüme: Lilli Hartmann) …. Nun genug der Auflistung – also mit dem Libretto von Francesco Maria Piave waren nur schwer Parallelen auszunehmen. Positiv sei allerdings vermerkt, daß es keine ästhetischem Mißgriffe oder peinliche Szenen gab – auch das ja keine Selbstverständlichkeit mehr.
Als Leonora konnte die Mexikanerin Yunuet Laguna mit ihrem üppigen, samtenen Sopran gefallen, die gute Phrasierung und ein wunderschönes, tragendes piano ihr Eigen nennt. Einige wenige scharfe Töne in der Übergangslage sind da sicher auszumerzen, da müßten auch große Häuser für sie offen stehen!
Raaga Eldin kann schon auf Häuser wie Berlin verweisen, wo er den Kalaf gesungen hatte, und erfüllte die anstrengende Rolle des Don Alvaro mit schlank geführtem, in der Höhe schön aufgehendem Tenor ohne Tadel! Der Künstler aus Ägypten zählte zu den herausragendsten Stützen der Vorstellung.
Stefano Meo, von mächtiger Gestalt und ebensolchem Bariton war der rachsüchtige Don Carlo, der ebenso nicht zum ersten Mal in Immling aufgetreten war. Die Russin Maria Ermolaeva war eine auftrumpfende, handfeste Preziosilla mit ebensolchem Mezzo, und pfefferte ihre Soli bombensicher hin.
Mit prächtig-balsamigen Baß, blendender Technik und stimmlicher wie darstellerischer Autorität war Giorgi Chelidze als Guardiano für mich der Top-Sänger des Abends: er phrasiert musikalisch, sang eine schöne Verdi-Kantilene – bravo! Der Georgier ist noch jung, da scheint sich eine schöne Karriere anzubahnen.
Tiziano Bracci als Melitone war von der Figur her nicht sehr komisch gezeichnet, er sang mit auffallend heller Stimme zwar sicher – aber irgendwie sprang der Funke dieser an sich dankbaren Partie nicht über. Auch die kleineren Rollen waren gut ausgewählt, so etwa Levan Makaridze als Marchese di Calatrava mit interessantem Baß, speziell aber Ines Lopez Fernandez, die es schaffte in der kleinen Partie der Curra positiv aufzufallen. Von ihrem interessant timbrierten Mezzo hätte man gern mehr gehört!
Das Publikum war am Ende sehr angetan und jubelte! Und auch ich war – trotz aller Einwände – zufrieden mit einem interessanten Abend, der auch durch das Engagement aller Beteiligten und der unnachahmlichen Atmosphäre begeistern – jawohl begeistern – konnte. Ich werde diesen Ort im nächsten Jahr sicher wieder besuchen – da gibt’s dann „Lucia“ „Tosca“ und „Un ballo in maschera“! Auch der Sonnenuntergang in der Pause trug zum Flair dieses Ortes bei – und der „zweite Teil“ des Abends, denn der war damit noch lange nicht vorbei!
In unmittelbarer Nähe des Reitstalles ist dort nämlich auch eine Art „Zirkuszelt“ errichtet: innen mit schön gedeckten Tischen, einem riesigen Theaterluster, und einer kleinen Bühne mit Klavier. Da hinein strömten die Menschen, die sich eine Platzkarte beziehungsweise einen Buffettgutschein gelöst hatten – und das waren meiner Schätzung nach gut 500! Verschiedene Buffets, rasche Bedienung – bestens organisiert wie auch die Shuttle-Busse, die vom Vorstellungsende bis tief in die Nacht die Gäste bestens zurück kutschierten – es läuft dabei alles ruhig und entspannt ab – Kompliment!
Nach einiger Zeit erklomm Cornelia von Kerssenbrock die Bühne – sie ist auch die Gattin von Festivalgründer Ludwig Baumann – und plauderte, erzählte über das Festival, bedankte sich bei den Mitwirkenden, und das in einer derart herzlichen, aber auch pointierten und lustigen Art und Weise, daß es eine Freude war. Und – wie ich erfuhr – ist es üblich, daß ein Teil der Mitwirkenden auch noch etwas singt! Den Reigen eröffnete die Curra – Ines Lopez Fernandez als Orlofsky mit „Ich lade gern mir Gäste ein“ – wo sie den ausgezeichneten Eindruck aus der Aufführung deutlich unterstrich! Brava! Danach teilten sich die beiden georgischen Bässe hinreißend das „Lied vom goldenen Kalb“ aus „Margarethe“ : Levan Makaridze begann, Giorgi Chelidze vollendete, der Männerchor sang – vom Tisch wo sie saßen aus – mit! Maria Ermolaeva lag die „Carmen“, mit einer ausgezeichneten Seguidilla sogar noch besser in der Kehle als zuvor die Preziosilla, und Stefano Meo bot einen augenzwinkernden „Barbiere“ dar ( „Largo al factotum“), wobei ihm die sympathische Intendantin mitten drin ein Gläschen zum Laben vorüber brachte… Es ging sehr „amikal“ und locker zu, was das Publikum in vollen Zügen genoß.
Ein Bariton aus Namibia – dort wirkte die Musikdirektorin einige Jahre, brachte dann eine angenehme Stimme und viel Temperament mit, sang nicht nur, trommelte auch – und wurde spontan von Frau von Kerssenbrock am Klavier begleitet. Den Abschluß besorgte Yunuet Laguna mit einem sofort ins Ohr gehenden Lied aus ihrer Heimat, wo sie ihr schönes Timbre und berückende acuti, im piano angesetzt, darbot! Nach einer kurzen Pause trat dann der „georgische Teil“ des Chores – circa 20 Damen und Herren – in Erscheinung und sang Weisen aus ihrer Heimat: einfach großartig!
So verließ man diesen wahrhaft grünen Hügel im Chiemgau beglückt und wünscht dem engagierten Team für die „Jubiläumssaison“ im kommenden Jahr viel Erfolg! MT

