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Gunnar Decker: FRANZ VON ASSISI

11.11.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Decker, Franz von Assisi

Gunnar Decker
FRANZ VON ASSISI
DER TRAUM VOM EINFACHEN LEBEN
432 Seiten, Siedler Verlag, 2016 

Mit dem Leben von Heiligen tut sich die Nachwelt schwer. Nur die wahrhaft Gläubigen werden sie so hinnehmen, wie der Kanon der Kirche sie erzählt. Nun gibt es eine neue Biographie über Franz von Assisi, der eine besondere Stellung in der Kirche einnimmt – bewundert für sein Bekenntnis zur Armut, beliebt als Heiliger für Tiere, bekannt auch für seinen hymnischen „Sonnengesang“, berühmt als Ordensgründer. Vorbildfigur bis heute, denn nach ihm hat sich auch der gegenwärtige Papst benannt, der in ihm den Mystiker erkennt, „der seine eigene Sprache mit Gottes ganzer Schöpfung spricht“.

Wie viel Realität ist über ein Leben, das von etwa 1182 bis 1226 ca. 44 Jahre währte, aus der Distanz von mehr als einem Jahrtausend noch aufzufinden?

Autor Gunnar Decker zieht sehr viel Literatur heran, er  zeichnet das Leben dieses Francesco Bernadone aus Assisi  nicht nur nach den Berichten der (mehr oder minder) Zeitgenossen nach, er befragt auch viele Autoren, die sich mit Franziskus befasst haben, von Julien Green und Luise Rinser über Umberto Eco und Reinhold Schneider bis zu Chesterton oder Hermann Hesse. Die Nachwelt hat sich vielfach mit ihm auseinander gesetzt, nicht nur die Religionswissenschaftler, sondern auch Dichter und Filmemacher.

Es ist eine Biographie, die einen über die Maßen radikalen, ja brutal durchgeführten Bruch in der Lebenslinie zeigt. Da ist ein sehr reicher Tuchhändlerssohn aus Assisi, fröhlich, redegewandt, begabter Verkäufer in Vaters Laden. Aber man lebt in diesem beginnenden 13. Jahrhundert in einer Welt, in der es Kriege gibt, wo ein verwöhnter Jüngling ein Krieger wird, er ein Jahr im Gefängnis verbringt und dessen eigenes Wertesystem angesichts einer zerfallenden Gesellschaft ins Wanken gerät.

Der im Reichtum Aufgewachsene wird der Apologet der Armut, er provoziert den Vater so sehr, dass dieser sich gewaltsam von ihm trennt – und das ist Franz zur recht. Er reißt sich im wahrsten Sinn des Wortes die Kleider vom Leibe, protestiert nackt. Eine Verwandlung, die man nur mystisch erklären kann. Dennoch versucht der Autor, diesen Franz auch sprachlich zu uns zu holen und verwendet im Zusammenhang mit ihm viele heutige Begriffe wie „Performance“, „Happening“, „Kunstaktion“, „Werbetalent“, „Jugendkultur“,

Der Autor gibt uns ein gutes Bild von der Erscheinung und Persönlichkeit von Franz – äußerlich eher unansehnlich, aber mit guter Stimme und Sprache begabt, also der geborene Wanderprediger (der im heimatlichen Italienisch spricht und Französisch, das er von seiner Mutter gelernt hat), zumal er die Menschen nicht von oben herab belehrte, sondern als Brüder anredet. Das Belehren wäre ihm gar nicht so recht möglich gewesen, da es ihm an religiöser Bildung fehlte, er war ja nicht einmal ein Kleriker. Bildung lehnte er grundsätzlich ebenso ab wie Geld. Er hielt Glaube und Wissen für nicht vereinbare Gegensätze.

Entsprechend seinem mystischen Naturell, das sich nach einer „ganz normalen“ Jugend herausbildete, hatte Franz Erscheinungen – Jesus sprach vom Kreuz herab mit ihm (der Autor erinnert an Don Camillo…), Engel erschienen ihm, und seine Verbindung zur Natur (er predigte den Vögeln – „meine Schwestern Schwalben“) war bekanntlich so eng, dass selbst das Feuer für ihn „Bruder Feuer“ war, wenn es ihn schmerzlich verbrannte. Franz wies auch Wundmale auf, zählte also zu den Stigmatisierten.

Im Rahmen dieser Lebensgeschichte, der manchmal die Anschaulichkeit fehlt (man hätte gerne gewusst, wie die Lebensbedingungen der bettelnden Armut in der Realität  aussahen oder wie jemand wie Franziskus ohne Geld zu einigen großen Reisen aufbrechen konnte, wobei seine Begegnung mit Saladins Neffen, Sultan Melek al-Kadmil von Ägypten, besonders interessant ist und auch zum Schmunzeln einlädt), spielt Klara natürlich eine große Rolle, auch ein Mädchen aus einer reichen Familie, für die der Autor (wenn auch mit Fragezeichen) den Begriff „Groupie“ findet. Sie hat ihre (frustrierte) Leidenschaft für Franziskus wohl auf Jesus umgelegt und wurde zu einer sich selbstzerstörerisch kasteienden Nonne und Ordensgründerin.

Franz wird in diesem Buch nicht nur in Zusammenhang mit seinen Glaubensbrüdern und Anhängern sowie mit den für ihn so wichtigen Päpsten gezeigt, sondern auch mit Zeitgenossen, die Ähnliches wollten und doch so verschiedene Schicksale hatten. PetrusWaldus etwa, der die Waldenser begründete, die im Grunde dasselbe wollten wie die Franziskaner, fand sich vom Vatikan auf die „Ketzer“-Schiene geschoben – mit letalen Folgen für seine Anhänger. Dominik dagegen, Theologe, Intellektueller mit Sendungsbewusstsein, fanatischer Bekehrer zur „Rechtgläubigkeit“ (auf dem ideologischen Weg zur Inquisition), war von der milden Linie des Franziskus weit entfernt, zeigt als Beispiel, von wie vielen Seiten die Reform der Kirche im Mittelalter angegangen werden konnte.

Franz von Assisi, bewundert und angezweifelt, starb früh an Magen-, Milz- und Leberleiden, wie seine zeitgenössischen Biographen berichten, und – so grotesk es klingen mag- , noch vor seinem Tod (die Heiligsprechung ist längst beschlossen und erfolgt nur zwei Jahre später) stellt seine Leiche eine Begehrlichkeit dar, Heimatstadt Assisi und Reliquiensammler (!) lagen auf der Lauer, was einmal mehr von der religiösen Exzentrik dieses Mittelalters, durch das man Franz begleitet hat, zeugt…

Ein Problem für sich ist der Franziskaner-Orden, der mit ein paar Gefolgsleuten begann. Dass die „weltlichen“, organisatorischen Fähigkeiten von Franz mit seinen spirituellen nicht Schritt hielten, schuf seiner Bruderschaft zu seinen Lebzeiten jegliche Probleme, da er ihr keine Struktur gab und auch keine Begabung zeigte, mit Päpsten und Mächtigen im Vatikan (die den Mann in der braunen Kutte immer mit größtem Misstrauen betrachteten) zu verhandeln und wohl auch „handeln“. Was Diplomatie anging, war er völlig naiv.

Erst nach seinem Tod konnte der von ihm mit der Leitung beauftragte Bruder Elias, der so umstrittene Ordensgeneral, richtig durchgreifen – auch im schnellen Verbreiten der Franziskus-Legenden. Dem Streit um sein Erbe ist über den Tod von Franziskus hinaus noch eine ausführliche Betrachtung gewidmet. Um am Ende noch zum gegenwärtigen Papst Franziskus zu schwenken und hier Parallelen zu suchen und zu finden.

Renate Wagner

 

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