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Günther Anders: BRIEFWECHSEL

09.01.2023 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Günther Anders
GUT, DASS WIR EINMAL DIE HOT POTATOES AUSGRABEN
BRIEFWECHSEL MIT THEODOR W. ADORNO, ERNST BLOCH, MAX HORKHEIMER, HERBERT MARCUSE UND HELMUTH PLESSNER
Hg.  Reinhard Ellensohn  / Kerstin Putz
458 Seiten . Verlag C.H.Beck, 2022

Es ist ein Buch der großen Namen, die sich hier rund um die Persönlichkeit von Günther Anders ranken. Günther Anders, der „anders“ hieß, wie man weiß (er wurde als Günther Siegmund Stern 1902 in Breslau geboren), ist möglicherweise ungeachtet seiner literarischen und philosophischen Leistungen der Öffentlichkeit vor allem als (Kurzzeit)-Gatte der ungleich berühmteren Hannah Arendt bekannt. (Seine beiden weiteren Ehen haben keine öffentliche Beachtung gefunden.)

Dennoch – gerade im Verlag H.C.Beck akkumuliert sich ein beachtliches Gesamtwerk, dem nun ein Briefband hinzu gefügt wurde, der jeden Leser auf Anhieb durch die Namen faszinieren wird, die hier gleichfalls am Cover stehen: Briefwechsel mit Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und Helmuth Plessner

Originell und Fragen aufwerfend auch der Titel, den die Herausgeber Reinhard Ellensohn und Kerstin Putz gewählt haben: „Gut, dass wir einmal die hot potatoes ausgraben“.

Was sind für diese Geistesgrößen „heiße Kartoffel“ ? Dass man einander auch einmal die ehrliche Meinung sagt? Nun, es handelt sich um Briefe. Briefe sind etwas Privates, wenn auch Leute, die sich ihrer Bedeutung bewusst sind (und das waren sie alle),  möglicherweise nach einer späteren Veröffentlichung schielen (oder sie zumindest nicht für unmöglich halten). Diese Mischung aus Privatheit und möglicher Öffentlichkeit erklärt das Vorhandensein von gelegentlich flapsigen Formulierungen und ebenso gelegentlichen wissenschaftlichen Statements, die dem Buch die Bezeichnung von einem „Stück deutscher Philosophiegeschichte“ eintrugen.

Man begegnet im Dialog also Männern, die zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. geboren waren, im Alter mehr oder minder Zeitgenossen. Und alle waren  jüdischer Herkunft, mehr noch, wie die Herausgeber im Nachwort formulieren, die letzte Generation von Juden, die sich noch als „Deutsche“ fühlten…

Als Leser wird man kommentarlos in die einzelnen Briefwechsel gestoßen, wobei gleich die ersten Briefe zwischen Anders (der hier noch als „Stern“ unterschrieb – Anders war damals nur sein Pseudonym als Journalist) und Max Horkheimer zeigen, dass es nicht nur um Hochgeistiges, sondern um ganz Praktisches ging, etwa das höfliche Angebot, was man für einander tun könne. Anders, der im Lauf seines Lebens kaum je eine feste Stellung innehatte, war gewissermaßen auf Hilfe angewiesen. Man schrieb einander „nützliche“ Informationen, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und in den Fünfziger Jahren, und es ging um Empfehlungen, Beiträge in Publikationen oder Termine für Vorträge – die praktische Welt der Theoretiker. Horkheimer war Anders vielfach behilflich, entscheidend bei der Emigration, und man traf sich auch im amerikanischen Exil wieder.

Als Anders sich 1951, als er sich nach der Rückkehr aus den USA  in Wien niedergelassen hatte, bei Adorno meldet, kommt es bald zu den Verbalinjurien, die in ihrer Bosheit (Adornos peinliche Bemerkung über Franz Werfel) wirklich die Bösartigkeit streifen. Persönlicher wird es, wenn Anders – mit einiger Vorsicht – formuliert, was seine „Schwierigkeit“ in Bezug auf Adorno sei, nämlich dass einer gewissermaßen auf allen Hochzeiten tanzen will, gleichzeitig als philosophischer Avantgardist gelten und doch eine offizielle Stellung bekleiden… Dazu muss man wissen, wie oft sich Anders vergeblich um Stellungen bemüht hat (angeblich soll Adorno ihm einmal eine vermasselt haben) – und wie viele offizielle Stellungen und Ehrungen er aus moralischen Gründen abgelehnt hat. Kurz, man schrieb sich auch, wenn man einander nicht gänzlich grün war – und der Tratsch, wer was über wen gesagt haben mochte, flog herum wie in jeder anderen intriganten Gesellschaft auch. Anders, als in Wien ansässig, wird auch hineingezogen, wenn Adorno sich über despektierliche Äußerungen des Konzerthaus-Genralsekretärs Peter Weiser bezüglich moderner Musik erregt…

Nicht alle waren so aggressiv kämpferisch wie der dafür bekannte Adorno. Wenn Herbert Marcuse sich kurz nach dem Krieg noch in den USA an Anders wendet, tut er es teilweise auf Englisch, später wieder auf Deutsch, und der Ton ist ungleich freundlicher und herzlicher, wenn sie einander auch das eine oder andere vorzuwerfen hatten. Fast drei Jahrzehnte lang schrieben sie einander, erst mit Marcuses Tod endete das Gespräch, in dem sie einander viel über ihre Leben erzählten, mit Ironie und Zuneigung auch einen Bruch zwischen ihnen überwindend, und wo sie – wie es übrigens bei den meisten Briefschreibern der Fall war – immer beim „Sie“ blieben.

Ernst Bloch und dessen Gattin Karola waren gleichfalls über lange Zeit (ein Vierteljahrhundert) mit Anders im schriftlichen Gespräch. Seiner Ideologie folgend, war das Ehepaar nach dem Krieg in der DDR geblieben, bevor sie zu Beginn der sechziger Jahre in den Westen überwechselten. Auch hier herrscht der angenehme Ton kultivierter Menschen vor, und mit den Blochs ging das Brief-Gespräch auch nach einiger Zeit zum  „Du“ über.

Der Briefwechsel mit Helmuth Plessner schließlich währte am längsten, mehr als ein halbes Jahrhundert,  mit einer langen Zäsur zwischen 1939 und 1953, wo Plessner als Halbjude nicht über den Atlantik emigriert, sondern in Holland untergetaucht war, bevor er sich erst Anfang der fünfziger Jahre zur Rückkehr nach Deutschland entschloss.  Plessner und Anders wechselten freundliche, höfliche Akademikerbriefe mit Lob und Gratulationen, wobei Anders immer wieder zur Selbstdarstellung neigte, was begreiflich ist, wenn ein Dichter und Denker das Gefühl hatte, zu wenig wahrgenommen zu werden…

Die Herausgeber bieten im Vorwort den Hinweis, die Briefe stammten aus dem Anders-Nachlass der Österreichischen Nationalbibliothek und anderen Archiven. Es folgen ein Anmerkungsapparat und ein Nachwort,  das aber schuldig bleibt, was den Leser am meisten interessiert hätte: Eine Aufarbeitung der jeweils persönlichen Beziehungen zwischen Anders und seinen Briefpartnern.

Renate Wagner

 

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