Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Günter Wand Edition

14.09.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0881488160604

A. Bruckner, F. Schubert, J. Brahms, L. v. Beethoven

Symphonien
Münchner Philharmoniker
Günter Wand
Edition Hänssler 8 CDs

Veröffentlichung: 30.9. 2ß16

 

Welch ein Magier der Übergänge

In der neuen Günter Wand gewidmeten Box des rührig um diesen bedeutenden Dirigenten bemühten Labels Profil-Hänssler sind live in München Gasteig mitgeschnittene Aufführungen der Jahre 1993-2001 enthalten. Die Philharmoniker der Isar-Stadt dirigierte Wand erstmals 1957. Damals wurde er in der Kritik als „klug, nervös, feinfühlig“ charakterisiert. Tonträger mit den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Günter Wand sind zu dessen Lebzeiten jedoch niemals erschienen, weil sie in Konkurrenz zu seinen Veröffentlichungen mit dem NDR-Sinfonieorchester und den Berliner Philharmonikern wie auch zu denen der jeweiligen Münchner Chefdirigenten gestanden hätten. Jetzt kommen in Ergänzung der großen Günter Wand Edition sowie zum Vergleich mit den bisher schon legendären Aufnahmen der genannten Orchester die besten der seit 1990 in Digitaltechnik aufgezeichneten Konzerte klanglich remastered auf den Markt.

Die Edition enthält Bruckners 4., 5., 6., 8. und 9. Symphonie, Schuberts „Unvollendete“ und Neunte sowie jeweils die Erste von Brahms und Beethoven. Was sind nicht schon alles für Elogen auf diesen stillen und unaufgeregten Pultmagier gesungen worden. Nicht zuletzt die gestrenge Elisabeth Schwarzkopf hat Günter Wand einen goldenen Lorbeerkranz für dessen Schubert Interpretationen geflochten.

Obwohl das Repertoire als auch Günter Wands Interpretationen dieser Werke mit dem NDR Orchester und den Berliner Philharmonikern bekannt ist, kann diese Edition vielleicht als „cerise sur le gateau“ (= i-Tüpfelchen) oder Krönung seines veröffentlichten Lebenswerks gelten. Besonders die Achte Schubert, die Fünfte, Achte und Neunte Bruckner und der Brahms haben es mir angetan. Wie dieser große altersweise „Chef“ dabei bei zügigen Grundtempi die Orchestersprache verfeinert, die Übergänge behutsam mit Fingerspitzen modelliert, organisch mit den Musikern pure Musik atmet und verströmt, und Steigerungen kraftvoll kultiviert zu ihrem Höhepunkt bringt, das ist wirklich beispiellos. Sicherlich gibt es für Bruckner wild aufgewuchtetere Lesarten wie die von Lorin Maazel oder weihevoll- spirituellere wie unter Jochum oder Barenboim oder analytischere wie diejenigen Sinopolis bzw. Klemperers oder genial mystisch-philosophischere wie unter Sergiu Celibidache oder klangpoliertere wie bei Karajan. Aber kein Dirigent hat dem Urteil meiner Ohren zufolge je diese Natürlichkeit in der Übereinstimmung von symphonischer Architektur  und Klang, von Innen und Außen sozusagen, von Selbstverständlichkeit in der Phrasierung und Behutsamkeit der Rubati im rhythmisch komplexen Ablauf zustande gebracht wie Günter Wand. Dabei ist dynamisch nichts eingeebnet oder gar langweilig, Pathos hat bei Wand ebenso wenig Platz wie das kalte-pompöse Herausstreichen der Klüfte und Abbrüche in Bruckners symphonischem Kosmos.

Unterscheiden sich diese Bruckner- Interpretationen von den bereits bekannten Wands des NDR oder der Berliner? Ja. Das spezifisch lyrische Verströmen, die mit größter Akribie zelebrierten Details, der über alles schwebende jugendliche Elan im Fortschreiten und Entwickeln der Harmonien aus Bruckners Motiven heraus, der vom Orchester mitgebrachte Drill von Celibidaches Bruckner Deutungen lassen diese technisch guten Aufnahmen als besonders interessant und eigenständig erleben.

Aber auch bei Schubert und Brahms kommen die beschriebenen Tugenden, sein traumwandlerisches Timing und ein mit Sinn und Sinnlichkeit gereiftes Musizieren ganz ausgezeichnet zur Geltung. Bei Beethoven kann man auch andere analytisch transparentere Vorstellungen pflegen.

Fazit: Als Ergänzung für enzyklopädische Günter Wand Sammler oder aber auch für jeden Neueinsteiger hochwillkommene Aufnahmen auf allerhöchstem Niveau.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken