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GRAZ: „MANON LESCAUT“ Premiere

07.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Oper Graz

“MANON LESCAUT”

6.Oktober 2012 Premiere 

 

 Wer Stefan Herheims Regiearbeit an der “Butterfly” aus der Wiener Volksoper kennt, der war gestern Abend bei der Premiere zur “Manon Lescaut” nicht überrascht, den Luccheser Meister wieder höchstselbst als Statist auf der Bühne zu erleben, diesmal auf jener der Grazer Oper, deren erstaunliche technische Leistungsfähigkeit und Größe einem bunten, bewegten und bewegenden Bilderbogen über eine leidenschaftliche Liebe, diesmal in mehreren Zeitebenen Platz gab.

 Stefan Herheim bot eine raffinierte Verstrickung der gemäß Libretto im 18. Jahrhundert angesiedelten Handlung mit einem Rahmen aus dem 19. Jahrhundert, in welchem Puccini seinen Opernfiguren begegnet, mit ihnen die Handlung seines Stückes durchlebt, mitleidet, die Fäden der Handlung an Hand seiner Vorlage verfolgt und organisiert. Dass sein besonderes Mitgefühl seiner Hauptdarstellerin gilt, das ist ja aus seiner Biographie hinlänglich bekannt. Dass er ihr den Tod in der Wüste auch nicht ersparen kann, das ist eine anrührende Szene zuletzt, wenn Manon ihr flehentliches “No!, non voglio morire…amore, aita!” dem Autor zuschreit.

 Die dramaturgische Spange zwischen den Jahrhunderten bildet die Freiheitsstatue. Heike Scheele hat, man möchte fast annehmen in Originalgröße, jene beiden Teile auf die Bühne gewuchtet, die als erste Schauobjekte in Amerika zur Anlockung von Investitoren für die Errichtung des Denkmals angefertigt wurden: Die Hand mit der Fackel und der Kopf der “Lady Liberty”. Dazu die riesigen Gerüste der Werkstatthalle, in welcher die Statue erzeugt wird und unter denen die Handlungsschauplätze immaginiert sind. Gesine Völk steuerte für alle Handlungsfäden die entsprechenden Kostüme bei:  Eine bunt-skurille Welt des 18. Jahrhundert, gepudert, verziert und Allonge-“perückt” und schon sehr standesgerecht unterschiedene aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, mit jenen der Arbeiter der Werkstätte im proletarischen Look einerseits und jenen der damaligen bürgerlichen Gesellschaft andererseits. Auch die Hauptdarsteller passten sich jeweils mit ihrer Kostümierung an die Handlungssituation an, Meister Puccini mittendrin mit seinem bekannten Outfit: Melone, schwarzer Mantel, Zigarette und Schnurbart, das ganze stimmig ausgeleuchtet von Fabio Antoci.

 Herheim setzt diese Ideen mit den Spiegelungen der Zeitebenen, der gesellschaftlichen Unfreiheit unter der Symbolik jener Freiheit der alles überragenden Statue und die Sehnsüchte und Empathien des Komponisten in Bezug auf seine Opernfiguren präzise um, wieder ist gerade die Arbeit mit dem Chor und der Statisterie beachtlich. Dass sich da einiges, vielleicht aber auch auf der Bühne für das Auge zu viel tut, das schränkt natürlich die Kernhandlung, die Liebe und Leidenschaft zweier Flüchtlinge aus der Gesellschaft, die Darstellung der Schwächen und moralischen Schwankungen im Charakter der Titelfigur erheblich ein. Das soll nicht unerwähnt bleiben, weil das die stets überbordende Phantasie des Regisseurs mit sich bringt.

 

Es ist wieder ein Erfolg des gehegten Kernensembles des Hauses, an der Spitze die Manon von Gal James, die auch gesanglich am meisten von allen an Puccini  herankam. Der Schritt zu einer großen Puccini-Heroine ist natürlich noch nicht getan, aber wie sie mit lyrischen Feinheiten zu bewegen und zu rühren weiß, wie sie Liebe oder Leid – bezwingend phrasiert – mitteilt, das ist schon sehr bewundernswert. Auch in den Kostümen und mit Perücke gab sie ein stimmiges Bild ihrer dargestellten Person ab. Wilfrid Zelinka als Geronte di Ravoir ist in Bewegung und Kostüm eine köstliche Studie des Steuereintreibers und reihte sich auch als Sergeant in die Besetzungsliste ein. Und auch Taylan Reinhard war in verschiedenen Rollen zu erleben und lieferte köstliche Studien zum besoffenen Edmondo, zum Menuetten drehenden Tanzmeister und zum Laternenanzünder ab. Da durfte auch “Urgestein” Konstantin Sfiris sowohl den Wirt als auch den Kommandanten darstellen, der bekanntlich mit den, vom Verleger Tito Ricordi für das Libretto beigesteuerten Worten dem leidenden Des Grieux die Überfahrt in die vermeintliche Freiheit ermöglicht. Alle hatten ihr Rollendebut an der Grazer Oper, auch Javier Franco als Lescaut, seine darstellerischen Vorzüge konnten seine etwas spröde Stimmfärbung nicht wettmachen. Und trotz Einspringens sang verläßlich wie immer Dshamilja Kaiser die Madrigalistin.

 Verbleibt noch der Hausdebütant Gaston Rivero, der sympathisch und eloquent in der Darstellung als Des Grieux brillierte. Stimmlich setzte er jedoch meist nur auf Lautstärke, wobei auch in den ersten Akten eine störend “meckernde” Mittellage nichts zum akustischen Glück für den Komponisten beitrug.

 Mit seinem Dirigat bewies Michael Boder, dass er als erfahrener Kenner moderner Musik wie nur wenige Dirigenten befähigt ist, den großen Spannungsbogen in der Musik des Puccinischen Ersterfolges zu realisieren, der von seinen großen, italienischen Vorgängern, aber auch – nicht überraschend – von Wagner hinüber in das 20. Jahrhundert reicht.. Spannend, nicht sentimental, nachgerade modern vermittelte er die Partitur Puccinis mit dem Grazer Philharmonischen Orchester. Dass er das berühmte Zwischenspiel quasi als Ouvertüre setzte störte nicht, war doch dem Regisseur damit für dessen einleitende stummen Aktionen geholfen. Chor- und Extrachor waren wie immer von Bernhard Schneider bestens vorbereitet, die Spielfreude der einzelnen Mitglieder sei hier ausdrücklich erwähnt.

 Dass Graz schon Heimatboden für Herheim ist, das bewies der große und von Buhs ungestörte Applaus für ihn nach der Aufführung. Auch das Ensemble bekam großen, allerdings eher nur kurzen Applaus.

 Eine Empfehlung für eine von Stefan Herheim erneut phantasievoll überladene Theaterarbeit, musikalisch mit einem, stimmlich etwas durchwachsenen, dafür aber sehr guten orchestralen Anteil.

 

Peter SKOREPA              Fotos: Karl Forster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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