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GRAUPA/Schloss: IM GESPRÄCH: EDDA MOSER UND FREUNDE

17.10.2013 | INTERVIEWS, Sänger

Graupa/Schloss: IM GESPRÄCH: EDDA MOSER UND FREUNDE 13.10.2013

An einem sonnigen Herbsttag, der das in seiner ursprünglichen Gestalt als sehr sehenswertes Richard-Wagner-Museum stilvoll rekonstruierte Graupaer Jagdschloss und die malerische Umgebung „in neuem Licht“ erscheinen ließ, hatten Edda Moser (schön wie immer) und ihre prominenten Freunde auf dem „Roten Sofa“ im Festsaal Platz genommen, Ewa Michnik, Dirigentin und Intendantin der Oper Breslau (Wroclav), ihr Gatte und Wagner-Sänger Boguslaw Szynalski, der junge Chefdirigent des Sinfonieorchesters Auckland (Neuseeland), der Dresdner Eckehard Stier und last not least die junge 1. Konzertmeisterin der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Yuki Manuela Janke.

In lockerem Gespräch ging es „vom Hundertsten ins Tausendste“, aber letztendlich drehte sich doch alles um Richard Wagner.

Für Edda Moser ist und bleibt Wagner „die unerfüllte Liebe“ ihres Lebens. Sie wollte immer Wagner singen, was ihr aber nicht wirklich vergönnt war. Sie galt als die Mozart-Sängerin. Eine Aufahme der 2. Arie der Königin der Nacht, die von allen Arien überhaupt am schwersten zu singende Arie, wie sie sagte, fliegt in einer Raumsonde durchs Weltall und befindet sich jetzt hinter dem Mars. Sie zweifelt, ob die „kleinen Männchen“ oder sonstige fremde Lebewesen – falls es sie überhaupt gibt – jemals dieses Keinod entdecken und was sie dann für einen Eindruck von der deutschen Oper haben, wenn sie hören: „Der Hölle Rache tobt in meinem Herzen …“. Als die Aufnahme im sehr irdischen Raum erklang, funkelten ihre Augen wie die Rachegedanken der Königin der Nacht, als stünde sie in diesem Moment auf der Bühne.

Sie wollte gern „Starke Scheite“ schichten, und es hat sie immer gekränkt, dass es ihr nicht wirklich gelang, sich sängerisch ihrer eigentlichen großen Liebe zuzuwenden. In Turin sang sie „Isoldes Liebestod“ und merkte, dass sie trotz der 120 Musiker über das Orchester kam. Sie bewunderte Wagner, konnte aber nur einmal in Berlin die Senta singen und in Bayreuth unter Herbert von Karajan die 2. Rheintochter, die nach ihren Worten nur auffällt, wenn sie falsch singt.

Karajan, der für alle „ein Gott“ war, stand am Anfang ihrer Karriere (vorher war sie in der „Provinz“). Er hat ihren Weg bis zu seinem Tod begleitet und ihr den Weg an die Met geebnet. Als sie einmal die Königin der Nacht sang und ihn fragte, ob sie es wagen könnte, an der Met vorzusingen und auf seine Entgegung „wenn Sie sich das zutrauen“ antwortete, „mit Ihnen fürchte ich weder Tod noch Teufel“, hatte er schon vermittelt, und sie bekam einen 3-Jahres-Vertrag. Als sie später in Salzburg „Antigone“ sang, war er am Mittag gestorben.

Die erste Königin der Nacht hat sie an der Dresdner Staatsoper gesungen. Es war eine Katastrophe für sie, aber auch ihr „Freischwimmen“. Sie war nicht schwindelfrei und musste auf einem wackligem „Felsen“ stehen, in dem ein Bühnenarbeiter saß, der sie nach vorn fahren sollte. Als sie hinuntersah, hatte sie vergessen, was sie zu singen hatte. Danach konnte es nur besser werden. Trotzdem war sie Dresden immer verbunden und hat viele Aufnahmen im damaligen Tonstudio Lukaskirche gemacht, auch viele Oratorien zum 13./14. Februar, dem Gedenktag an die Zerstörung der Stadt 1945.

Damit war die Gesprächsrunde bei dem Für und Wider von Tonaufnahmen. Für Yuki Manuela Janke hat eine Aufnahme nicht die Atmospäre, die sie braucht. Sie möchte auch nicht „im Weltall“, sondern lieber „lokal“ unterwegs sein, möglichst live in einem kleineren, intimen Kreis – wie der Gesprächsrunde -, um die Nähe des Publikums zu spüren, und Stier meinte zu Recht, dass die mitunter makellose Qualität der Aufnahmen die Hörgewohnheiten des Publikums verdorben hat. Er erinnerte sich auch an seine Zeit im Dresdner Kreuzchor, als die zehnjährigen Jungen stressige 3-4 Std. für 5 Volkslieder im Aufnahmestudio stehen mussten.

Für Edda Moser lässt sich hingegen auch im Studio die entsprechende Atmosphäre schaffen. Die Sächsische Staatskapelle ist selbst bei Aufnahmen „ein himmlisches Orchester“. Die Sänger können entspannter sein, weil die Aufnahme (oder Teile) wiederholt werden kann. Wenn allerdings zu oft wiederholt wird, wird der Sänger müde. Wenn die 3. oder 4. Aufnahme gut ist, dann ist alles in Ordnung, wenn aber 10 verschiedene Varianten aufgenommen werden, dann war oft schon die 1. Aufnahme die beste. „Lieber eine Aufnahme mit kleinen Fehlern, aber mit Herz und Seele“, denn jede Wiederholung wird künstlicher und kühler.

Bei Karajan gab es bei Aufnahmen keine Wiederholung. Es musste alles vorher bis zur Perfektion geprobt werden, und er hat viel probiert. Während Leonard Bernstein bei Live-Aufnahmen oft ein anderes Tempo vorgab als bei den Proben, „öffnete sich bei Richter der Himmel pur“. Keiber war schnell beleidigt. Er fuhr einmal nach 2 Minuten Diskussion mit der 2. Oboe spontan ab. Bei der Urfassung von „Fidelio“ hatte Edda Moser eine Arie mit Soloinstrumentalbegleitung zu singen. Unter Blomstedts Dirigat waren beide nie zusammen, es wurde erst auf ihre Anregung hin ohne Dirigent, nur durch Blickkontakt, perfekt, was zu der eingeworfenen Nebenbemerkung verleitete, dass es ohne Dirigent immer besser sei.

Edda Moser hat auch viel moderne Musik gesungen. Mit Musik von Hans Werner Henze konnte sie das Publikum immer besser erreichen als beispielsweise mit Poulenc u. a. Viele Sänger singen gern Henze („Bernd Alois Zimmermann nur für Karriere oder Geld“). Sie möchte immer mit der Musik total identisch sein und liebt deshalb Henzes Musik, insbesondere die Oper „L’upupa“. Er verstarb in Dresden an ihrem Geburtstag.

Viele große Wagner-Rollen konnte hingegen der polnische Tenor Boguslaw Szynalski singen. Er trat viel in Deutschland auf, u. a. auch in Meinungen, einem Theater in Thüringen mit großer Vergangenheit, wo einst auch Elina Garanca begann. Er sang Siegfried, Amfortas usw. unter August Everdings Intendanz in München und natürlich in Bayreuth unter Wolfgang Wagner, auf dessen Autogramm „Mit Dank und Anerkennung“ er noch immer stolz ist.

In Polen hatte es Wagners Musik zeitweise schwer, wie seine Frau, Ewa Michnik, berichtete. Eigentlich wollte sie ihren Mann als Dolmetscher bitten, sprach aber, als er ablehnte, relativ gut und mit viel Charme Deutsch. Nachdem Wagner und Richard Strauß in den 30er Jahren 60 % des Repertoires der Oper in Breslau ausmachten, gab es in den 70er Jahren aus politischen Gründen keinen Wagner mehr im Opernhaus. Das Publikum lehnte Wagner nach 2. Weltkrieg ab. Jetzt, 70 Jahre nach dem Krieg, wird auch in der Oper Wroclaw wieder in Originalsprache gesungen. Die jungen Sänger lieben die russische, polnische und italienische Sprache, singen aber jetzt auch Mozart und Wagner. Ewa Michniks Traum war es immer, Wagners ganzen „Ring“ zu machen, 2003 – 2006 wurde er in der Jahrhunderthalle zur 100-Jahrfeier gegeben für ca. 15 000 Zuschauer bei jeder Oper. Später waren es sogar 20 000, wobei auch viele Besucher aus dem Ausland kamen, vor allem aus Deutschland und Österreich. Es gibt in Wroclaw auch ein Festival für neue Musik mit vielen neuen Effekten, aber das Publikum liebt die alten Opern.

Eckehardt Stier hatte, in Dresden geboren, im Dresdner Kreuzchor naturgemäß wenig Gelegenheit, Wagner zu singen, aber mit 14 Jahren traf ihn die Tragik des „Tristan“ mit voller Wucht und Wirkung. Wagner hat ihn immer begleitet, als Assistent bei Hartmut Haenchen in Amsterdam, und als junger 2. Dirigent am Chemnitzer Opernhaus, als er – verbunden mit Pech und Pannen – die „Meistersinger“ mit ca. 4 Std. Dauer übernommen hatte. Und er hat auch einmal Klingsor „gesungen“ bzw. gerufen, als Günter von Kannen stimmtot war.

Jetzt ist er Chefdirigent in Auckland. Der Konzertsaal hat eine ähnlich weiche, warme Akustik wie in Bayreuth. In Auckland gibt es 4 Mill. Schafe, aber nur 1,4 Mill. Einwohner, die vor allem Natur und Sport, Segeln und Rugby lieben. Sie kommen mit dem Pappbecher voll Wein ins Konzert, aber ihn stört das nicht – andere Länder, andere Sitten. Wenn dort „Rheingold“ konzertant aufgeführt wird, wissen es auch die Kiwis, die „National“-Vögel des Landes, Wagner zu schätzen. Dreimal im Jahr reist Stier nach Auckland – 40 Std. von Haustür zu Haustür. Mit seinem trockenen Humor bemerkte er, dass ihn kürzere Flüge langweilen. „Wenn man gerade eingeschlafen ist, muss man schon wieder aufstehen“.

„Nur“ 11 Std. fliegt Yuki Manuela Janke – ihre Mutter ist Japanerin – nach Japan. Ihre beiden Eltern sind Pianisten. Sie ist unbewusst mit Wagner groß geworden. Ihr Vater, Musikprofessor an der Münchener Musikhochschule, spielte zu Hause meist „Tristan“. Als 1. Konzertmeisterin bei der Radiophilharmonie Saarbrücken wurde sie zum ersten Mal mit dem „Siegfried-Idyll“ bekannt, bei einer Tournee der Sächsischen Staatskapelle sah sie dann im Wagner-Museum in Triebschen bei Luzern das Treppenhaus, den Ort der Uraufführung.

Um nicht nur über Musik zu sprechen, griff sie, die erste Frau am 1. Pult der Sächsischen Staatskapelle, Wagners „Wunderharfe“, zur Geige und spielte – nicht Wagner (schließlich stand kein Orchester zur Verfügung) -, sondern die „Chaconne“ für Violine solo von J. S. Bach, den Wagner bewunderte, und später die sehr virtuose „2. Sonate“ aus den nach Bachs Vorbild komponierten „6 Solosonaten“ von Eugène Ysaye.

Bei Bach und Ysaye verklärte sich Edda Mosers Blick. Sie sprüht noch immer vor Vitalität und hat das „Festspiel der deutschen Sprache“ ins Leben gerufen, das in diesem Jahr in Bad Lauchstädt mit seinem „originalen“ Goethe-Theater stattfindet. Sie ist allergisch gegen die sich immer mehr ausbreitenden Anglizismen und möchte die deutsche Sprache retten, denn „das Kostbarste was Deutschland hat, ist seine Sprache“. Seit vielen Jahren in den USA lebende Juden sagten ihr: „Die deutsche Sprache ist unser Postament“. Da Nike Wagner ein solches Projekt auf Edda Mosers Bitte hin mit den Worten „kein Bedarf“ abgelehnt hat, hat sie es selbst übernommen und lädt dazu berühmte Schauspieler und alle Interessierten ein.

Ingrid Gerk

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