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Gerhard Tötschinger: DIE WIENER BEZIRKE IV. BIS IX.

29.05.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover  Tötschinger  Schaumburgergrund

Gerhard Tötschinger:
VOM SCHAUMBUGERGRUND INS LICHTENTAL
DIE WIENER BEZIRKE IV. BIS IX.
256 Seiten, Amalthea Verlag, 2016 

Das Buch aus der Feder von Hobby-Historiker Gerhard Tötschinger über die Wiener Bezirke eins bis drei ist so überzeugend ausgefallen, dass die Fortsetzung kommen musste: Vier bis Neun sind nun die Bezirke innerhalb des „Gürtels“ (des alten Linienwalls), und die finden sich unter dem Titel „Vom Schaumburgergrund ins Lichtental“ gesammelt, wobei man sich unter dem Schubert’schen Lichtental mehr vorstellt als unter dem „Schaumburgergrund“, aber das ist auch gut so – man möchte ja auch als geborener oder gelernter Wiener immer noch mehr wissen. (Der „Schaumburgergrund“ übrigens, um es den Neugierigen zu sagen, beruht auf einem Irrtum – das oberösterreichische Adelsgeschlecht, nach dessen Besitzungen dieser Bezirksteil benannt wurde, hieß „Schaunberger“…)

Nun hat ja jeder Bezirk seine Gustostückerl – in der Wieden, dem „Vierten“, lag einst jenes riesige Freihaus (eine Welt für sich, wie man sie heute wieder bespielsweise mit der Seestadt baut), das allerdings noch ein Theater hatte, das zur Legende wurde – an der Wieden wurde schließlich die „Zauberflöte“ uraufgeführt. Viele Musiker haben da gewohnt, und wenn man es deftig will – im „Vierten“ ist natürlich auch der Naschmarkt zuhause. Der irgendwelchen Wiener Kommunalpolitikern (die im Laufe der Geschichte viel verbrochen haben!!!) zum Opfer gefallen wäre, hätten sich die Wiener nicht gewehrt. Autor Tötschinger erzählt übrigens, dass seine aus Krakau zugezogene Urgroßmutter einmal von einer „Frau Sopherl“ eine Melone nachgeworfen bekommen hat, weil sie wagte, einen Preis zu beanstanden… die Nachmarktweiber waren, solange es sie gab, als streitbar bekannt. Und ein Buch wie dieses darf auch ganz persönlich sein, ist doch vermutlich alles darin Berichtete selbst erforscht und wahrscheinlich auch erwandert…

Margareten, der Fünfte, wurde nicht nach Margarete Maultasch benannt, wie so lange kolportiert, mittlerweile weiß man es, Tötschinger bestätigt es, die Heilige Margareta von Antiochia war’s, ihr gehört der Brunnen vor dem zurecht berühmten Margaretenhof. Dass man in diesem Bezirk von einer Essgelegenheit in die nächste fällt, hat sich herumgesprochen, aber Kultur gibt’s auch, Jugendstil, das Gebäude der Arbeiter Zeitung, Wien ist bunt.

Der „Sechste“, Mariahilf, mit Kirche, Haydn, Casa piccola (man muss schließlich auch dessen gedenken, was einmal war, aber leider nicht mehr ist) und dem einst so spektakulären Unterhaltungstempel Apollo (in einem der heutigen Kinosäle ist noch ein riesiger Luster aus früherer Pracht erhalten), wird ja derzeit vor allem wegen der umstrittenen, nun teilweise (angeblich) Fußgängern vorbehaltenen Mariahilferstaße besucht…

Auch der „Siebente“, Neubau, hat allerlei zu bieten, das Hofmobiliendepot verdiente stärkere Popularität, was da alles drinnen steht, kann sich sehen lassen. Und, ehrlich, hat man gewusst, dass rund um die Ulrichskirche damals, 1683, als die Türken uns noch nicht erobert hatten, der Kampf um Wien tobte? Rund um die Neubaugasse war – auch schon wieder lang her – das „Film“-Viertel von Wien, hier traf man sich in den einschlägigen Kaffeehäusern (wo ist das „Elsahof“ geblieben!?!), hier waren alle Verleihe angesiedelt (auch Paula Wessely, die Beinahe-Schwiegermutter des Autors, hatte einen eigenen…). Der Löwinger Bühne und des Volkstheaters muss man bei dieser Gelegenheit auch gedenken.

Der „Achte“, die Josefstadt, hat „die Josefstadt“, denn anders wird dieses Theater nie genannt, der ehemalige kleine Luxustempel der Stadt, wo es die schönste, „gepflegteste“ Schauspielkunst gab. Auch tempi passati. Noble Palais (das Schönborn mit dem vor sich hinschlummernden Volkskundemuseum zum Beispiel) und Kaffeehäuser (das „Eiles“ gibt es noch), sehr viel Eleganz und sehr viel Geschichte – allein die Florianigasse könnte, meint der Autor, ein eigenes Buch füllen. Vielleicht schreibt er es noch.

Der „Neunte“ ist dann der Alsergrund mit dem Ärzteviertel (und dem Narrenturm im Allgemeinen Krankenhaus), dem Sigmund Freud in der Berggasse, der Strudlhofstiege, der Volksoper (1898 als Kaiser Jubiläums Stadttheater begründet, um die 50jährige Herrschaft Franz Josephs zu feiern – nicht mit einem Denkmal, mit einem lebendigen Musikhaus!!!), der Votivkirche und der Schubertwelt. Und hinter jedem Haustor scheint irgendein Berühmter gewohnt zu haben… Also, Wien lohnt sich wirklich.

Das alles ist mit vielen historischen Abbildungen und aktuellen Fotos, meist in Farbe, prächtig aufbereitet. So bleibt nur ein Leserwunsch an den Verlag: Bei künftigen Büchern (und den sicher erfolgenden Neuauflagen der alten) bitte an der nötigen Stelle immer ein Stück Stadtplan abbilden, wo die vom Autor gewürdigten Orte gut sichtbar eingezeichnet sind. Dann wird man bald mit „dem Tötschinger unter dem Arm“ in Wien spazieren gehen.

Renate Wagner

 

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