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Gerhard Stadelmaier: UMBRUCH

16.11.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover   Stadelmaier  Umbruch

Gerhard Stadelmaier: 
UMBRUCH
224 Seiten, Paul
Zsolnay Verlag, 2016

Als Theaterinteressierter hat man immer versucht, „den Stadelmaier“ zu lesen, früher mühseliger im Kaffeehaus, auf der Suche nach der FAZ, in den letzten Jahren dann relativ bequem im Internet.  Die „narrative Lust an der pointierten Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit und diese Geringschätzung der puren Begrifflichkeit, in die sich viele Rezensenten sehr bequem retteten“ – das klingt nach Selbstcharakteristik, ist es wohl auch, steht aber auf Seite 200 des Romans „Umbruch“, der ja wohl vor allem Stadelmaiers eigene Geschichte ist, rätselhafterweise aber verklausuliert.

Warum eigentlich? Bei der FAZ ist er pensioniert, er bekommt also sicher eine ordentliche Rente, er muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, braucht keinen, der ihn engagiert oder bezahlt. Warum schreiben die großen Zeitungsleute, die ja als Personen interessant genug sind und ungeheuer viel erlebt haben, „danach“ nicht ehrlich ihre Memoiren, sondern Schlüsselromane? (Karasek tat es ja auch, als er nach seinem Abgang vom „Spiegel“ 1998 „Das Magazin“ vorlegte.) Ist das nicht eigentlich – feig?

Denn das muss man als Außenseiter, der sich natürlich in den Interna der Redaktionen nicht auskennt – Ganz-Provinz, Halb-Provinz, Olymp waren die Stationen Stadelmaiers, der als „Junger Mann“ durch sein eigenes Geschehen geht – , schon feststellen: Wie sollen wir wissen, wie gelungen die Porträts sind, wenn wir nicht wissen, wer dahinter steckt? Die Goethe-affine Lady zum Beispiel oder Saint George? Ist das auch als Selbstzweck so amüsant? Würde man nicht mehr lachen, wenn man – auch im fernen Wien und Österreich – wüsste, wer da (sicher verdientermaßen) gebeutelt wird?

Zumal Stadelmaier, der übrigens eine recht dürre Einleitung liefert, bis man mit seiner Hauptfigur, dem „Jungen Mann“,  voll im süffigen Zeitungsleben ist, ja andere Dinge ganz genau beschreibt, etwa den Skandal rund um die Dann-doch-nicht-Uraufführung von Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“? Und wer der Intendant war, der einem Terroristen im Gefängnis Zuschuß zur Zahnbehandlung finanzierte, weiß man auch – „Wobei nie klar wurde, warum Zahnbehandlungen von Gefangenen des Staates, für die dieser selbstverständlich aufkam, eine Extrahonorierung verlangten…“ Und als Leser stimmt man in die Überlegung ein, dass dies zur eigenen, des wohlbekannten, später auch in Wien tätigen Intendanten Popularitätsförderung geschah. Und wie verwirrend es war, wenn Shylock am Ende zwei Schecks unterschrieb – na, bei diesem „Kaufmann von Venedig“ waren wir ja selbst dabei.

Natürlich hantelt man sich genussreich von Pointe zu Pointe: „… das sei wohl weniger Regietheater, mehr ein ‚Regisseurtheater’, weil es in das Stück nicht mit Hilfe von Regie eindringe, sondern es mit dem plattmache, was dem Regisseur so durch die Rübe rausche“. (Kann man es schöner sagen?) Dabei analyisert Stadelmaier auch sehr schön, wie begierig das deutsche Publikum auf Regietheater-Verrücktheiten war, im Theater war was los, man konnte sich erregen, man konnte politische Statements schäumen…

Das alles hat Stadelmaier erlebt und erzählt es auf mäandernden Umwegen. Schade. Man würde seine Biographie dennoch gerne lesen.

Renate Wagner

 

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