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Gerhard Siegel singt Schönberg, Strauss, Hessenberg

14.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Gerhard Siegel groß

Gerhard Siegel singt
Arnold Schönberg – Brettl-Lieder
Richard Strauss – Krämerspiegel
Kurt Hessenberg – Lieder eines Lumpen
Gerhard Siegel, Tenor
Gabriel Dobner, Klavier
Profil Edition Günter Hänssler, 2015

Grundsätzlich wird der Opernfreund Stimmen nicht lieben, denen man das Attribut „schneidend“ verleihen kann. Aber es gibt ein Repertoire – von Mime bis Herodes, vom „Wozzeck“-Hauptmann bis Schuiskij – , wo ein solches Timbre, eine darauf hin zielende Technik nicht nur richtig, sondern auch nötig ist. Nun brilliert der deutsche Tenor Gerhard Siegel (53) in genau diesem Fach, wenn er auch immer wieder ins Heldentenorale hinübergeht, weil die dramatischen Wagner-  und Strauss-Tenöre eben so gefragt sind.

Auf seiner jüngsten CD, die keinen spezifischen Titel trägt und auch nicht optisch die reißerische Aufmachung zeigt, mit der Superstars in Wort und Bild ihre Fans locken, stellt sich ein bemerkenswerter Sänger mit einem bemerkenswerten, weil eindeutig schwierigen Repertoire vor, und das ist natürlich richtig gedacht: Das romantische Liedrepertoire ist hundertfach abgedeckt, aber die Raritäten sollten doch das Interesse der wahren Musikfreunde finden: Schönberg,  Richard Strauss, Hessenberg.

Zuerst Arnold Schönbergs „Brettl-Lieder“, tatsächlich in enger Zusammenarbeit mit  Ernst von Wolzogens „Überbrettl“ des Fin de Siècle und dessen Autoren Frank Wedekind, Otto Julius Bierbaum oder Hugo Salus entstanden, wenn auch immer noch „Schönberg“ und folglich nicht wirklich leichtfüßig – aber in der Bosheit von  Siegel herrlich formuliert.

Dann der „Krämerspiegel“ von Richard Strauss, manchmal tatsächlich mit Schönberg kombiniert (Heinz Zednik tat es auch auf einer CD), weil der ironisch-boshafte Charakter beider Werke unübersehbar, unüberhörbar ist. Strauss tat sich mit dem berühmten Berliner Kritiker Alfred Kerr zusammen, um in kurz prägnanten „Songs“ (würde man heute sagen, „Lieder“ im klassischen Sinn sind es ja nicht) den Krämern, sprich, den geldgierigen, unfairen Verlegern rachsüchtig Böses zu sagen. Schade, dass (vermutlich aus rechtlichen Gründen) die Texte nicht abgedruckt sind, aber Siegels überaus prägnante Artikulation (hier eine absolute Notwendigkeit) bringt schon jede Pointe. Nur, dass man beim Lesen halt noch genauer weiß, auf wen da gezielt wurde („Breitkopf hart und härter“). Hier geht es nicht darum, einfach „Musik“ zu hören, hier ist nicht Stimmung die Intention (wie bei Strauss-Liedern doch sonst oft), sondern der Inhalt, um den es Strauss damals vordringlich ging…

Am Ende Kurt Hessenberg (1908-1994), der wohl eher in seiner Region und in den Kreisen evangelischer Kirchenmusik bekannt geblieben ist – wer von Hitler zu den „Gottbegnadeten“ gezählt wurde, den hatte die Nachwelt nicht mehr so gern. Immerhin, für einen Komponisten, der vor allem Passionsmusik, Psalmen und Ähnliches schuf, sind „Lieder eines Lumpen“ nach Texten des, wie man weiß, auch recht übermütigen Wilhelm Busch nicht so typisch. Hier geht Siegel den wahrlich teuflischen Pointen des Dichters zu Hessenbergs leicht atonalen Klängen wirklich raffiniert nach… Gabriel Dobner am Klavier folgt Siegel durch alle musikalischen Abenteuer dieser Autoren und Komponisten.

Das ist keine CD, die man „nebenbei“ laufen lassen kann, weil man die „schönen Lieder“ ohnedies kennt. Je besser man hier zuhört, umso mehr wird man von dem reichhaltigen Humor-Angebot haben.

Vielleicht – das sei nicht wirklich eingewandt, sondern überlegt – wäre ein solches Repertoire auch einmal amüsant von jemandem zu hören, der ein Chansonier (natürlich mit höheren Gesangskünsten) wäre: Opernsänger bleiben Opernsänger, und so köstlich sie auch pointieren – sie setzen manches vielleicht doch zu schwer auf. Aber das bedeutet vielleicht bloß, dass sie auch das Leichte sehr ernst nehmen…

Renate Wagner

 

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