Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Gerhard Jelinek: ES GAB NIE EINEN SCHÖNEREN MÄRZ

19.12.2017 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Jelinek, 1938

Gerhard Jelinek:
ES GAB NIE EINEN SCHÖNEREN MÄRZ
1938 Dreißig Tage bis zum Untergang
320 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Im nächsten Jahr, 2018, werden sich die Jahrestage stauen – Karl Marx, Ende des Ersten Weltkriegs, der (nicht ganz unfreiwillige) Anschluß Österreichs an Adolf Hitlers Deutsches Reich. Diesen hat sich Autor Gerhard Jelinek, bekannt für die lesbare, gewissermaßen journalistische Aufbereitung historische Themen, nun vorgenommen.

Die Nachwelt weiß es immer besser. Man hätte es doch wissen müssen! Hat man es gewusst, in den letzten Februar- und frühen März-Tagen 1938, dass bald eine Welt untergehen würde? „Nie gab es einen schöneren März!“ erinnerte sich ein Zeitzeuge später, jener Pater Johannes Österreicher, dem die Flucht gelang und den der Autor – immerhin 80 Jahre danach – noch befragen konnte.

Im übrigen setzt er von Tag zu Tag – tatsächlich wie ein Tagebuch, wie eine Zeitung – die Zeit zwischen dem 11. Februar und dem 12. März 1938 zusammen (Fokus Wien und Österreich, aber doch eine Menge darüber hinaus), ein Kaleidoskop aus Ereignissen aller Art.

Es geht um Politik, die darin besteht, was die jeweiligen Politiker tun – zum Beispiel Schuschniggs Besuch bei Hitler an jenem 11. Februar, wo er die Maschinerie, die auf Österreich zurollt, nicht mehr anhalten kann. Goebbels wartet ab (er durchzieht das Buch, da er „dankenswerterweise“ für die Historiker Tagebücher hinterlassen hat). Die deutschnationalen Zeitungen fiebern der großen Zukunft entgegen, und kluge Juden hören die Signale… Allerdings schaut die Welt damals nach Berlin – Wien ist nur ein Nebenschauplatz.

Immer wieder geht es um Sport – in Davos findet ein internationaler Riesenslalom statt, den der Arlberger Rudi Matt gewinnt. In Wien entzückt Eiskunstläufer Karl Schäfer. Die österreichische Fußball-Nationalmannschaft trainiert im Hinblick auf die bevorstehende Weltmeisterschaft in Frankreich.

Viel des Erwähnten ist auch für die Nachwelt noch von Interesse (was man ja im nachhinein immer weit leichter beurteilen kann, als wenn man mitten im Geschehen steckt). Man erfährt von kulturellen Ereignissen, von Theater, Kino („Immer wenn ich glücklich bin…“ mit Martha Eggerth läuft an – bald wird sie zu den „glücklicheren“ Juden zählen, denen die Emigration gelingt), Kabarett (Jura Soyfer, nach seiner Verhaftung kurzfristig wieder frei, schließt sich dem fidelen Nachtleben an). Vergnügungen lässt man sich nicht nehmen: In Wien tanzt man auf dem Ball des „Verbands der katholischen Edelleute“. Und das „125jährige Jubiläum des Zahlen-Lotto“ feiert man auch, solange man meint, keine anderen Sorgen zu haben…

Manches hat nicht wirklich mit der Atmosphäre des Anschlusses zu tun (eine englische Himalaya-Expedition, der Tod von Trotzkis Sohn in Paris, Gabriele d’Annunzio stirbt am Gardasee), anderes ist auch international und passt ins Geschehen: Wenn die britische Aristokratin Unity Mitford sich in Wien vergnügt, so weiß man, wie eng ihre Beziehung zu Hitler ist. Auch dass Otto von Habsburg aus einem Exil versucht, Schuschnigg gute Ratschläge zu erteilen, passt in diese Welt. Ebenso dass Russland und Stalin eine Rolle spielen… jetzt weniger, später mehr.

Alles webt sich zusammen. An den Anfang jedes Tages hat der Autor den Wetterbericht gesetzt. Das kommende Unwetter, die bevorstehende Katastrophe ließ sich nicht ablesen. Immerhin hieß es am 12. März: „Wettercharakter unsicher.“ Und Sigmund Freud notierte gänzlich lapidar in seinem Tagebuch: „Anschluß an Deutschland.“

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken