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Gerd Schilddorfer: DAS TARTARUS PROJEKT

03.10.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Gerd Schilddorfer:
DAS TARTARUS PROJEKT
Thriller
304 Seiten, Verlag Ueberreuter, 2020

Es fängt so harmlos an. Michael Landorff, früher Journalist in seiner Heimatstadt Wien, nun als mäßig erfolgreicher Krimi-Autor in München lebend, erhält zu seiner Überraschung eine Einladung zu einer Riesenparty des Industriellen Winter, den er gar nicht kennt. Dort trifft er durch Zufall eine alte Bekannte, Melissa Warttemberg. Sie besitzt eine Agentur und beschließt, den erfolglosen Schriftsteller unter ihre Fittiche zu nehmen. Wie er nun neu gestylt, mit neuem Namen und getürktem Lebenslauf versehen wird, mit der Intention, ihn in die Münchner Schickeria einzuführen… da wartet man nur auf eine Literatursatire, irgendwo muss, meint man Baby Schimmerlos auftauchen und ein totes Bunny.

Aber mitnichten, es kommt viel, viel schlimmer. Zuerst wird der Gastgeber brutal ermordet. Dann ein junger Mann, den Landorff ebenfalls auf der Party kennen gelernt hat (nicht minder brutal). Und beim dritten Mord ist unser Held blasser Augenzeuge, als der Besitzer einer geheimnisvollen Fabrik vor seinen Augen mit fünf Schüssen niedergestreckt wird. Spätestens da wird klar, dass Autor Gerd Schilddorfer mit dem Thriller „Das Tartarus Projekt“ keinen Spaß versteht. Schließlich ist Tartarus die allertiefste Hölle, und das wäre es wohl, wenn es eines Tages Drohnen als selbst denkende, selbst entscheidende, skrupellose und gewissenlose Waffen gäbe, die man nur loszuschicken braucht… Und wenn sie gar unsichtbar wären? Und Diktatoren und Terroristen sie in die Hände bekämen?

Daran haben zwei der Toten gearbeitet, hinter der Lösung des Falles ist Landorff mit der Profi-Poker-Spielerin Alexandra Buschmann (Tochter des Erschossenen) her, von München nach Wien. Beteiligt: der BND und der Mossad, die Russen und die Amerikaner sowieso, und wenn es um internationale Waffen geht, dann finden sich österreichische Beamte ebenso verwickelt wie die in Nordkorea regierende Familie Kim…

Ein bisschen viel Wirbel, ein bisschen wahnwitzig? Findet man eigentlich nicht, denn man kann ziemlich sicher sein, dass allerorten an Drohnen-Waffen gearbeitet wird, dass Millionen dafür gezahlt werden, dass völlig skrupellose Mächte im Spiel sind, die gar nichts dagegen haben, wenn Leichen ihren Weg säumen… Übrigens haben, das weiß man ja, die Amerikaner den iranischen General Soleimani mit Hilfe einer ferngesteuerten Drohne umgebracht (womit Trump die Welt an den Rand eines gewaltigen Krieges manövriert hat…)

Schilddorfer, der mit seinem Helden gemeinsam hat, als Wiener Journalist und Autor in Deutschland zu leben, zeichnet die Wiener Schauplätze vom Prater bis zum Karl-Marx-Hof liebevoll, trifft eine geheimnisvolle Dame am Kahlenberger Friedhof, geht in Perchtoldsdorf zum Heurigen – und weiß nie, wem er (außer seiner klugen Begleiterin Alexandra) trauen kann.

Der Leser weiß es auch nicht und bekommt zum Finale des Buchs seine Überraschungen. Am Ende hat man auch den Falschen getraut…? Wie es sich eben für einen geschickt gestrickten Thriller gehört. In diesem Fall geht es aber nicht nur um pure Unterhaltung, sondern auch darum, auf Dinge aufmerksam zu machen, die geschehen, die man aber vor dem Auge der Öffentlichkeit sorglich zu verbergen trachtet.

Renate Wagner

 

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