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Georg Markus: DAS GIBT’S NUR BEI UNS

18.11.2018 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Georg Markus:
DAS GIBT’S NUR BEI UNS
Erstaunliche Geschichten aus Österreich
304 Seiten, Amalthea Verlag, 2018

Georg Markus behauptet nicht nur, das gäbe es nur bei uns, er beweist es auch. In welchem anderen Land der Welt wäre möglich, dass Hans Moser ein sentimentales Lied über den „alten Herrn Kanzleirat“ singt – und die Behörden beschließen darauf hin, den Titel wieder einzuführen? Das klingt wie eine Posse, eigentlich möchte man es nicht wirklich glauben, aber Georg Markus hätte nicht seinen Ruf in der populären Sachbuchwelt, wenn er schlampig recherchierte…

Also glauben wir auch, dass die Rotunde nicht gänzlich abgebrannt wäre, wenn der Arbeiter, der den Brand entdeckte, gleich Alarm geschlagen hätte – aber er ging erst in die Gebäudedirektion, um nachzufragen, wo er den Brand denn melden sollte. Es klingt so unwahrscheinlich, dass man es schon wieder glauben möchte, und schließlich hat es ja der Georg Markus aufgeschrieben.

Wieder eines seiner Bücher (wie viele sind es schon? Dreißig? Vierzig? Fünfzig?), in denen er Geschichten erzählt und die in Hinblick auf Weihnachten als ideales Geschenk-Mitbringsel auf den Markt kommen. Diesmal noch ein bisschen anders als sonst, womit nicht der recht große Druck gemeint ist, der älteren Menschen das Lesen leichter macht. Diesmal hat Markus an jedes seiner Kapitel auch noch einen eigenen Teil mit Anekdoten angefügt, die sich gut und kurz vorlesen lassen – oder, wenn jemand ein gutes Gedächtnis hat, kann er mit den Geschichterln (teils bekannt, teils unbekannt) als Unterhalter prunken. Markus wird es nicht übel nehmen.

Was erzählt er? Das Übliche, sprich: das, was seine Leser von ihm wollen. Bei Habsburg wird er immer wieder fündig, nicht zuletzt deshalb, weil nun schon Menschen, die im Besitz von Dokumenten sind, mit denen sie nichts anzufangen wissen, damit zu ihm kommen. Nun, er muss es uns nicht bestätigen, es hat ohnedies niemand etwas anderes geglaubt (außer der seligen Kaiserin Zita), aber dass die Aufzeichnungen des Augenzeugen, Kammerdiener Johann Loschek, der sein Schweigen nie gebrochen hat, nun nach Generationen ans Licht kommen und deutlich sagen, dass in Mayerling zwei Schüsse fielen, und die hat Kronprinz Rudolf selbst abgegeben… das raubt der Historie in Zukunft wilde Spekulationen. Erfreulich ist zu erfahren, dass der Liberalismus des Kronprinzen durchaus keine leere Behauptung war, sondern gelebt wurde – indem er seine Bediensteten wie Menschen behandelte, sogar wartete, bis sie aufgegessen hatten… Das könnten die wenigsten seiner Standesgenossen damals von sich behaupten.

Den Coburger Skandalen in Wien fügt Markus noch eine Tragödie hinzu (Prinz von eifersüchtiger Geliebter erschossen), aber erzählt auch von Schauspielern, Sängern, Kuriositäten (wie „der Riese vom Steinfeld“, auch veropert). Nicht uninteressant ist die Geschichte eines hübschen Wiener Mädels, von Gustav Klimt auf der Straße angesprochen, von ihm gezeichnet und gemalt – und in kürzester Zeit hatte sie auch zwei Kinder von ihm. Und immer hat sie schön gesprochen vom Herrn Klimt, da gab es keine Probleme, obwohl sie doch wahrlich nicht die einzige Frau in seinem Leben war (auch nicht die einzige, die ihn zum Vater machte)… Ja, und von der zweiten Frau von Herbert von Karajan erzählt Georg Markus auch, jene Anita Gütermann, die so viel für seine Karriere tat und jedem versicherte, wie „unpolitisch“ ihr Mann war – aber als sie abserviert wurde, wollte niemand mehr etwas von ihr wissen, weil die Welt nur noch Augen für die schöne blonde Eliette hatte… Das ist jedenfalls etwas, das es nicht nur bei uns gibt.

Das Kapitel, das der Behauptung des Buchtitels am nächsten kommt, ist wohl das mit der österreichischen Titelsucht. Wer sich im Rahmen der kaiserlichen Familie bewegen wollte, musste 16 tadellose aristokratische Ahnen vorweisen, sonst hatte man bei Hof keine Chance. (Eventuelle Seitensprünge nicht eingerechnet, was man nicht weiß….) Franz Joseph befriedigte 5700mal die Sucht nach Titeln bei Herrschaften, die sich vor allem in der Wirtschaft verdient gemacht hatten, darunter auch viele Juden. Sie trugen dann ihr stolzes „von“, und alle, die neuen und die alten Adeligen, waren sehr beleidigt, als die „rote“ Regierung nach dem Ersten Weltkrieg den Adel abgeschafft hat. Da gab es immerhin Menschen, die ihren Stammbaum bis ins tiefe Mittelalter zurückführen konnten – „Geadelt von Karl dem Großen, entadelt von Karl Renner“…

Renate Wagner

 

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