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Georg Markus: APROPOS GESTERN

19.10.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Markus. Georg Apropos gestern jpg

Georg Markus:
APROPOS GESTERN
Meine Geschichten hinter der Geschichte
304 Seiten, Amalthea Verlag, 2015

Autoren, die immer nur von anderen erzählen, erzählen dann eines Tages auch von sich. Das war bei Dietmar Grieser so, und das geschieht nun bei Georg Markus. Es ist schließlich logisch, dass hinter all den Informationen, die er in einer nicht mehr überschaubaren Legion von Büchern dargelegt hat, wiederum die Geschichten stehen, wie er dazu gekommen ist. Ganz hautnah etwa im Fall der Exhumierung von Mary Vetsera, was eigentlich eine brutale Grabschändung war, wo er als Mann der ersten Stunde herangezogen wurde.

Jetzt hat man sie tatsächlich, die Markus-Autobiographie, wenn er auch immer gewissermaßen bescheiden hinter den Berühmten zurücktritt, die sein Leben kreuzten. Ununterbrochen, das kann man schon sagen. Wobei der kleine Georg schon im Kindesalter auf sich aufmerksam machte – er wurde beim Fernsehen für die Kindersendung „Kleine Zeichenkunde“ genommen. Manfred Deix, der sich auch beworben hatte, übrigens nicht…

Das Fernsehen hat später in seinem Leben keine große Rolle gespielt, der Rundfunk mehr, das Theater sehr, und schließlich war der Journalismus sein Schicksal, obwohl er mittlerweile als Sachbuchautor ganz Regale in Buchhandlungen und Privatbibliotheken besetzen kann.

Markus, dessen Eltern emigriert waren (die Mutter arbeitete im Krieg in London im Kindergarten von Anna Freud), kam 1951 in Wien zur Welt. Es gab interessante Verwandte überall – einen Onkel, Frances Lederer, der es in Hollywood zum Filmschauspieler gebracht hatte und den Markus zu dessen 100. Geburtstag in Kalifornien besuchte, oder eine Großmutter, die in ihrem Geburtsort in Trebitsch in Mähren mit der Mutter von Bruno Kreisky befreundet war. Der junge Georg fand in seinen Anfängen bei Karl Farkas ein Engagement, wenn auch nur für niedrige Dienste – es war dennoch eine Schule fürs Leben, und schon damals liefen ihm jede Menge von Berühmtheiten über den Weg.

Im Journalismus hat er sich hoch gekämpft, vom Polizeireporter zu dem Mann, der neben „Adabei“ wohl die meisten Promis seiner Zeit gekannt, interviewt und ihr Vertrauen gewonnen hat, von internationalen Stars wie Sophia Loren bis zu den heimischen Größen, wobei seine Beziehung zur Familie Hörbiger besonders eng war: Er half Paul, seine Memoiren zu schreiben, er bekam Paula Wesselys Geständnis, dass es unverzeihlich gewesen war, „Heimkehr“ zu spielen, er schrieb eine Biographie der ganzen Familie.

Entscheidend für Reputation und Ruhm zugleich wurden die Bücher, die nun seit mehr als einem Vierteljahrhundert sein Standbein sind, wobei er einerseits durchaus bemerkenswerte „populäre“, aber fundierte Biographien über Sigmund Freud oder Oberst Redl schrieb, dazu jede Menge „lockerer“ Sachbücher, für deren Recherchen er enge Beziehungen zu Archivaren, Bibliothekaren und Wissenschaftlern aufbaute. Und immer suchte er noch lebende Zeugen oder deren Nachkommen, soweit es möglich war. 

Wenn es etwas zu „enthüllen“ gab, kam man zu ihm, ob es um die Habsburger ging (wo man ihn wissen ließ, Kaiser Franz Joseph habe sich mit der Schratt in einer Gewissensehe verbunden, oder ihm etwa das verlorene Testament der Kronprinzessin Stephanie zusteckte) oder um anderes Schlagzeilenträchtiges: Jene Wienerin, die eine der ungezählten Gefährtinnen von John F. Kennedy gewesen war und von ihm einen Sohn hatte, vertraute sich ihm an.

Vieles ist Wiener oder österreichische Lokalgeschichte, vor allem seine Begegnungen mit den „Großen“ unserer Zeit, ob Kardinal König, Rudolf Kirchschläger, Bruno Kreisky, und auch über Kurt Waldheim berichtet er nicht mit der üblichen Gehässigkeit. Eine relativ kleine Rolle, die man sich so klein gar nicht vorstellen kann, spielt übrigens „Krone“-Chef Hans Dichand….

Schauspieler, von Qualtinger bis Curd Jürgens, Stars von Heesters bis Udo Jürgens, stolpern in „privaten“ Schilderungen durch die Seiten des Buches, Billy Wilder erzählt und die Nachkommen von Sigmund Freud. Otto von Habsburg oder Ephraim Kishon. Und wie Klaus Bachler Marcel Prawy behandelt hat, erfährt man auch: Als Prawy offen seine Meinung über Klaus Maria Brandauers „Land des Lächelns“-Inszenierung äußerte („Ein schwarzes Spektakel, bei dem man – zum ersten Mal bei diesem Werk – weder lachen noch weinen konnte und glaubte, einer Parodie auf ein Stück von Elfriede Jelinek beizuwohnen“), ließ Bachler ihn wissen: „Als Ehrenmitglied der Volksoper haben Sie nichts Negatives über unsere Produktionen zu sagen. Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Sie unser Haus nicht mehr betreten.“ Worauf Georg Markus in der Zeitung von einer „Zensur, wie sie dem Fürsten Metternich zupass käme“ wetterte…

Es ist natürlich auch ein Buch, das – ohne es expressis verbis auszudrücken – zeigt, wie man Karriere macht: durch unermüdlichem Fleiß, mit ewigem „Dranbleiben“, mit dem Knüpfen von Beziehungen, mit nie abreißendem Einfallsreichtum, mit einem journalistischen Instinkt dafür, was gerade interessiert – und was zwischen Buchdeckeln zu verkaufen ist.

Dass Markus eben nicht nur ein Geschichtenerzähler ist, sondern auch das Bewusstsein eines Historikers besitzt, das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er erstens übersichtlich chronologisch berichtet und zweitens immer wieder in kurzen Abschnitten über die jeweiligen Jahre (von 1969, seinen Anfängen bei Farkas, bis heute) die parallelen Ereignisse auf der Welt aufzählt – so muss man Dinge einordnen, damit sie Sinn machen.

Und noch etwas: Wer mit durchaus gleich bleibendem Interesse seit Jahr und Tag die Markus-Bücher liest – dieses ist das interessanteste.

Renate Wagner

 

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