
Georg Hamann:
BERTHA VON SUTTNER AUF REISEN
POSTKARTEN AN HAUSHÄLTERIN UND HUND
224 Seiten. Amalthea Verlag, 2025
Die Friedens-Ikone schreibt Postkarten
Der Historiker Georg Hamann hat sich eine Karriere sui generis geschaffen, mit zahlreichen Fachbüchern, ohne auf seine berühmte Mutter Bezug zu nehmen. Denn Brigitte Hamann (1940-2026), die mit Biographien über Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf berühmt wurde (und sich später Hitlers und Wagners Welt zuwandte), war zu ihren Lebzeiten eine Institution, als Fachfrau ihrer Themen vor jede Fernsehkamera geholt.
Wenn Georg Hamann nun eine Lebensgeschichte der besonderen Art über Bertha von Suttner (1843-1914) vorlegt, tritt er direkt in die Fußstapfen seiner Mutter, die 1986 eine ausführliche und hoch geschätzte Biographie von Österreichs Ikone, der berühmten Friedensnotbelpreis-Trägerin, geschrieben hat.
Das überwältigende Bild- und Dokumentationsmaterial, das Hamann seinem Buch beigeben konnte (wobei die Bildlegenden exzellent sind) und das es genau so zum Bilderbuch wie zum Textband macht, stammt großteils auch aus dem Familienarchiv, das seine Mutter zusammen getragen hat. Sie war eine leidenschaftliche Sammlerin, hat in Antiquariaten, auf Auktionen oder auf Flohmärkten gesucht, was man an Dokumentarischem finden konnte, „Autografe, Fotografien, Tagebücher, Briefe, Postkarten, Broschüren, historische Zeitungen und andere schriftliche und bildliche Quellen“, wie der Sohn präzisiert. Vieles hat Brigitte Hamann erst nach der Fertigstellung ihrer Suttner- Biographie erhalten, weshalb der Sohn nun jede Menge Neues bieten kann.
Und der auf den ersten Blick seltsame Untertitel „Postkarten an Haushälterin und Hund“ erklärt sich daraus, dass der Autor einen logischen Schwerpunkt auf „Bertha von Suttner auf Reisen“ gelegt hat, da aus dieser Zeit jene zahlreichen Ansichtskarten aus aller Welt stammen, die Bertha von Suttner an ihre treue Haushälterin Kathi Buchinger nach Wien sandte, wobei sie nicht vergaß, den Hund grüßen zu lassen, einen weißen Spitz namens Putzi, der ungeachtet seines ruppigen Charakters heiß geliebt wurde. („Das arme Huntzi laß ich grüßen“ / „Gruß. – Auch an Wuzerle-Wuh-Wuh.“)
Schon das zeigt, dass diese Biographie – und es ist eine solche, die locker das Leben vom Anfang bis zum Ende nachzeichnet – vor allem auf das Persönliche setzt. Dazu kommen auch drei kleine Notizbücher (weniger groß als A 5, kleiner als ein halbes A 4 Durchschnittsformat), die Bertha von Suttner 1912 während ihrer Vortragstournee durch die USA verwendete (vieles ist abgebildet), die auch persönliche Einblicke liefern und sich von der Ikone der Nobelpreisträgerin gewissermaßen „menschlich“ abheben.
Richtig war es, das Schwergewicht auf die Reisen von Bertha von Suttner zu legen. Die gebürtige Komtesse Kinsky, die von der hochadeligen böhmischen Familie wegen einer unebenbürtigen Mutter nie anerkannt wurde, musste früh Geld verdienen, tat es hoch gebildet als Gesellschafterin und Schriftstellerin von Trivialromanen. Sie heiratete spät, die Familie von Arthur Gundaccar von Suttner (1850-1902) enterbte den Sohn wegen Unebenbürtigkeit von Bertha, das Ehepaar lebte schwierige Jahre lang im Kaukasus.
1889 brachte in wild bewegten Zeiten ihr Roman „Die Waffen nieder“ die Wende, Bertha von Suttner wurde eine Galionsfigur der Friedensbewegung, 1905 erhielt sie den Friedens-Nobelpreis (für Alfred Nobel hatte sie eine zeitlang gearbeitet). Seit den neunziger Jahren war Bertha von Suttner unermüdlich und weltweit unterwegs, bei Kongressen, Konferenzen, Veranstaltungen, sie war eine gefragte Vortragende, ihr Arbeitsvolumen kannte keine Grenzen.
Und in den letzten Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, wartete zwölf Jahre lang bis zu ihrem Tod zuhause die Haushälterin samt Hund auf sie, und weil Bertha von Suttner wusste, wie sehr sich Kathi Buchinger über jede Nachricht an sie freute, schrieb sie ihr unermüdlich – und wenn es nur Ansichtskarten mit schlichten Alltags-Bemerkungen waren:
„Kopenhagen 30. Apr. 1906. Liebe Kati. In der mittlern Schreibtischlade, hinten rechts, liegt das Hauszins-Buch und darin ein Schek für den Zins – übergieb das dem Herrn Hausadministrator. Ich bringe von meiner Reise einige zugekommene Kilo mit, denn aus den Festgelagen kommt man gar nicht heraus.“
„18. Juni. [1912] Auf diesem Zug rasen wir jetzt gegen Westen. Es geht mir gut. – In New York wurde mir zu Ehren gestern großes Gabelfrühstück gegeben. Um 5 Uhr fuhren wir weiter.“
Kathi Buchinger hob die Karten auf, die mit ihren Bildern übrigens kostbare Dokumente von anno dazumal sind, und Brigitte Hamann konnte sie in einem Karton kaufen…
Dass Bertha von Suttner eine Woche vor dem Attentat von Sarajewo und dem folgenden Ausbruch des Ersten Weltkriegs starb, hat man stets als eine Art von historischer Gerechtigkeit empfunden – als wollte es das Schicksal der „Friedens-Bertha“ nicht antun, dass alles, wofür sie gekämpft hatte, in der Kriegskatastrophe unter ging.
Renate Wagner

