Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Georg Hamann: 50 x WIEN

15.11.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover   Hamann  50 x Wien

Georg Hamann: 
50 x WIEN
WO ES GESCHICHTE SCHRIEB
UNBEGKANNTES, UNERWARTETES, UNGLAUBLICHES
272 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Eine Stadt wie Wien ist unerschöpflich. Georg Hamann, Historiker mit dem Spezialgebiet Stadtgeschichte, beweist es erneut in seinem Buch „50 x Wien“. Dort, wie der Untertitel sagt, „wo es Geschichte schrieb“. Und die Vorgangsweise ist einleuchtend: Adressen (sie sind auch auf eigens dafür gekennzeichneten Stadtplänen leicht aufzufinden). Und zu den Adressen Geschichten aller Art.

Wer gerne Bücher dieser Art liest, wird natürlich am ehesten das suchen, was er nicht weiß, und da hat Hamann einiges zu bieten. Seine durchschnittlich vier bis sechs Seiten langen Geschichten, schön mit historischem Bildmaterial versehen, gut und übersichtlich zu lesen, handeln vorzugsweise von Menschen, die dann an Adressen fest gemacht werden: Maria Theresias Leibarzt  Gerard van Swieten etwa an der Augustinerkirche, wo er begraben ist. Erzählt wird nicht die alte Geschichte seiner sexuellen Eheberatung, die er dem Kaiser vermittelte, sondern etwas viel Interessanteres: Wie van Swieten von der Kaiserin beauftragt wurde, die Vampir-Hysterie zu untersuchen, die sich in den Randgebieten der Monarchie formierte, bis zu Aberglaubens-Orgien der Bevölkerung. Da war ein aufklärerischer Geist wie jener van Swietens am rechten Ort, und man kann sich vielleicht zum kommenden Maria Theresien-Jahr (wo die Dame sicher viel Unfreundliches zu hören bekommt) merken, dass sie auch höchst nüchtern und vernünftig auf van Swietens Recherchen reagierte (er meinte, an der Sache selbst sei nichts dran, aber mit der Angst der Leute müsse man sich auseinandersetzen – moderner kann man nicht denken). Und immerhin eine neue Information: Wer hätte gedacht, dass van Swieten das Vorbild für Bram Stokers Vampirjäger van Helsing in „Dracula“ sein könnte? Möglich wäre es immerhin…

Nur eine von vielen Personality-Stories, Menschen durch die Jahrhunderte, Gäste in Wien – von Peter dem Großen, wo auch manches Klischee zurecht gerückt wird, bis zu Mark Twain, der die Antisemiten Wiens durch seine Hochachtung für die Juden ärgerte, Balzac oder Hans Christian Andersen, Karl May oder der König von Hawaii. Besonders schaurig ist die Geschichte des deutschen Revolutionärs Robert Blum, der nach Wien kam, um die Wiener Revolution 1848 anzufeuern und dafür von den Österreichern ohne viel Federlesens hingerichtet wurde…

Aber auch Orte als solche stehen im Mittelpunkt, das Zeughaus, das „Hetztheater“ oder auch die „Ludlamshöhle“, wo Dichter sich bei Männergesprächen besoffen und die hohe Polizeistelle des Biedermeier Verschwörung witterte…

Das alles ist Stadtgeschichte vom Feinsten, die Geschichten eher dramatisch (die Tragödie der Wertheimstein-Frauen, die Ermordung Hugo Bettauers) als leichtfüßig, aber alles lesens- und wissenswert. Und wenn einem eine Geschichte unter die Haut geht – dann gibt es eine Adresse, zu der man pilgern kann und ein wenig über das Geschehene (bzw. Gelesene) nachdenken.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken